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Der Israelit · 1900-04-23 · Heft 32-33 (23.4.1900) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 32-33 (23.4.1900)
Date
1900-04-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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653 einer Gemeinde annehmen, in deren Synagoge ein christliches Kircheninstrument und eine so ausschweifende Reform eingeführt war, wie es hier der Fall ist. Dafür is! aber dieser Herr Kirchenrath wieder Breslauer, die bekommen das spielend fertig. Wenn sich das zu regen anfängt, was man Gewissen und Charakter nennt, bei denjenigen Menschen. die so glücklich oder unglücklich sind, diesen Luxusartikel zu besitzen, beredet man sich und andere, daß man das große Opfer, eine solche Stelle cmzunehmen, nur deßhalb bringt, um die Entfremdeten und Abtrünnigen wieder dem verlassenen Judenthum zuzuführen. Und dann geht's auf dem schmalen, steilen Weg der Amtspflicht, wie's bei jedem Seiltänzer geht, der sich rechts und links neigt, sich dreht und wendet. nach vorwärts und nach rückwärts gravitirt, um nicht hcrunterzufallen. Die Seiltänzer machen diese halsbrecherischen Kunststücke allerdings um des schnöden Geldes willen, das sie nachher schmunzelnd einkassieren. Für Rabbiner dieses Schlages, für Kirchenväter und Weingärtner im Weinberge des Herrn, hat der Mamon keine magnetische Kraft, sie thun alles ad majorem dei g-Joriam. Einen Tag liebäugeln sie mit den Orthodoxen, und wenn dann die Neologen darüber in Harnisch gerathen, so machen sie auch der Neologie eine Conceffion. Wurmt das dann wieder die Frommen, so begeistert sich ein bieg-, füg- und schmiegsamer Kirchenrath auch wieder einmal demonstrativ für irgend eine orthodoxe Gepflogenheit und so geht's fort, wie bei der Echternacher Sprung-Prozession, wo auf zwei Schritte vorwärts immer einer rückwärts kommt. Ist es einem solchen Kirchenlicht dann gelungen, sich die paar Jahre, die ihm beschieden sind, glücklich durch alle Klippen hindurchzuschwin — gen, so glaubt er Wunder wie superklug gehandelt zu haben. Er vergißt dann leicht, daß alle Pastoralklugheit nur Schlauheit ist, daß die Schlauen am leichtesten durchschaut werden und das bischen Achtung verlieren, das man ihnen anfänglich anstandshalber noch entgegen gebracht hat. Herr Dr. Kroner muß nun kürzlich wieder sich irgendwie als Chassid bei seinen Neologen verdächtigt und so das Bedürfniß empfunden haben, auch den letzteren eine Conzeffion zu machen. Anders ist Folgendes selbst vom Standpunkte dieses Zwitterjudenthums nicht erklärlich: Der hiesige Privatier Louis Denisohn ließ seine Leiche in Heidelberg verbrennen und die Aschenreste wurden am vorvorigen Donnerstag in der hiesigen israelitischen Abtheilung des Pragfriedhofes unlergebrachi. In Stuttgart ist auch das möglich. Was ich aber selber für unmöglich gehalten hätte, obwohl ich doch von der Elafticität unseres Herrn Kirchenraths den denkbar dehnbarsten Begriff habe, das ist die Thatsache, daß Herr Kirchenrath Dr. Kroner in der Friedhofkapelle eine erhebende Trauerfeier abhielt, bei welcher er der trefflichen Charaktereigenschaften des Verbrannten ehrend gedachte! Das ist stark und hat selbst Leute stutzig gemacht, die sonst auf die Orthodoxie unseres Herrn Kirchenrathes Häuser zu bauen pflegen. Als ich einen solchen Schwärmer von seinem Optimismus zu heilen suchte, blinzelte er mir schlau zu und meinte: „Man darf an so hochgestellte Kirchenfürsten nicht die trivialen Schlagworte von Charakter und Gewissen als Maßstab ihrer Handlungen legen. Unser Herr Kirchenrath ist der rechte Pfadfinder und Wegweiser eonnn611 taut Man darf aber auch nichts Unmögliches verlangen. Ein richtiger Wegweiser steht fest auf seiner Stelle und streckt die Arme aus, auf welchen der richtige Weg angegeben ist. Hat man aber je von einem Wegweiser verlangt, daß er selber die Wege wandeln soll, die er andern verkündet? Aber, wie man auch darüber denken mag, der Vortheil liegt selbst bei solchen Ungeheuerlichkeiten immer auf Seite der Orthodoxen. Nach einer solchen Concession an die Neologen sind jetzt wieder die Orthodoxen an der Reihe; warten Sie doch die Feiertage ab, Sie werden sehen, der Herr Kirchenrath wird nach solcher That frommer predigen als je." Das ist auch ein Trost, wenigstens für Leute, die so niedrig denken, wie dieser Tröster. Ems. Nach dem elften und zwölften Bericht der , Emser Heilquelle" (Majne hajeschuoh), Unterützungs- Verein für arme jüdische Kurbedürftige' (Jahr 1898 und 1899) erhielten im Sommer 1898 22, im Somuter 1899 19 Patienten zum Theil vollständige Freikur, theils freie ärztliche Behandlung, Bäder u. s. w., größeren oder geringeren Beitrag zur Pension. Otzenrath, 18. April. (Ein seltenerAuktions-Gegensta nd.) Daß bei der heutigen Reisewuth zahllose Gegenstände aller Art in den Coupees der Eisenbahnzüge und auf den Bahnhöfen liegen bleiben, ist eine zu bekannte Thatsache, als daß sie noch besonderer Beachtung bedarf; daß aber eine Gesetzesrolle (Sephar Thora) nebst einer Rolle, das Buch Esther enthaltend (Megillas Esther), auf der Bahn liegen bleiben, daß sich für diese Gegenstände innerhalb der gesetzlichen Frist kein Eigenthümer meldet und solche alsdann in öffentlicher Versteigerung am Güterschuppen angeboten werden, dürfte selbst zu Ben Akiba's Zeiten noch nicht dagewesen sein, und dieser würdige Rabbi würde sich gewiß im Grabe herumdrehen und seinen Ausspruch widerrufen, wenn er erfährt, daß die vorerwähnte Thatsache sich vor ganz kurzer Zeit ereignet hat. Im benachbarten Reuß nämlich sind vor stark Jahresfrist die.vorerwähnten Gebetsrollen, wie die öffentliche Versteigerungs-Anzeige sie nannte, in Begleitung von Bettzeug und sonstigen Gegenständen — es waren auch noch eine Anzahl jüdischer Bücher dabei — liegen geblieben und selbige vor einigen Wochen in Krefeld am Güterschuppen versteigert worden. Verfasser hat die Thorarolle gesehen und ist solche von tadelloser Ausführung; die Rolle war mit einem Mäntelchen bekleidet und mit einem Stricke umbunden. Ein Zeichen der Herkunft ist nicht sichtbar. Die fast zur Gewißheit werdende Vermuthung, daß russische Auswanderer die

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