Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 29 (9.4.1900)
- Date
- 1900-04-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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604 Gleichgiltigkeit betrachten würden. Der Umstand jedoch, daß der Landmarschall jenes Schriftstück zn verlesen gestattete, daß er einen Abgeordneten, der sich dagegen erklärte. Zur Ordnung ries, und der weitere Umstand, daß der Bürgermeister von Wien seine Sympathie für den gestellten unfläthigen und unsinnigen Antrag auszudrücken sich nicht versagen konnte, veranlaßt uns, hiermit öffentlich auszusprechen, daß wir einen Vorgang, wie den geschilderten für eines Rechtsstaates unwürdig finden und daß wir den Ort, an welchem derselbe stattfand, die Stätte der Gesetzgebung, durch jenen Vorgang prosanirt und geschändet erachten." Sodann wurde ein Antrag des Bürgerschul-Direktors Simon angenommen, nach welcher eine Eingabe an den Minister-Präsidenten in der besprochenen Angelegenheit gerichtet werden soll. Wien, 6. April. Heute sprach der Vorstand der „österreichischen israelitischen Union" beim Ministerpräsidenten Koerber vor, um Beschwerden der jüdischen Bevölkerung insbesondere bezüglich des Antrages Schneider zu unterbreiten. Der Sprecher meinte, in Wien sei die Brutalität der Worte, die so empöre, auf dem Lande folge dann die Brutalität der That. Der Ministerpräsident bedauerte die Brutalität des Tones, die in den Vertretungskörpern eingerissen sei, und versicherte die Deputation seines Wohlwollens und versprach, die vorgebrachten Wünsche nach Thunlichkeit zu berücksichtigen. Der Minister meinte übrigens, der Austritt der liberalen Mitglieder aus dem Gemeinderathe sei nicht nothwendig gewesen. Feuilleton. Wcrch einev rvaHrerr WegebenHeit 161 Von Friedrich Rott. Kaum hatte sich die Thüre hinter ihr geschlossen, als der Baron sich an den Arzt wandte. „Nun, Herr Doctor. wollen Sie mir gefl. klaren Wein einschenken, was ist's mit mir?" Der Doktor zuckte lächelnd die Achseln. „Ich muß sehr um Entschuldigung bitten, daß ich diese Frage nicht sofort mit voller Entschiedenheit beantworten kann, aber ich bin mir in meiner Diagnose noch nicht klar, ob ich den unterbrochenen Toast einer ungewohnt schweren Cigarre zuschreiben soll oder einem Diätfehler, entweder im Essen oder im Trinken." Hugo schüttelte den Kopf. „Stimmt alles nicht, Doctor, und ist vermuthlich auch nicht Ihr Ernst — aber Sie wollen mir ausweichen." „Weßhalb sollte ich Ihnen ausweichen, Herr Baron?" „Was weiß ick) — vielleicht bin ich gefährlich krank —" „Ich bin glücklich, dem Herrn Baron das Gegentheil versichern zu können. Augenblicklich ist auch nicht ein einziges bedenkliches Symptom vorhanden." „Ich fühle mich augenblicklich auch ganz wohl, bis auf die seltsame Schwere in allen Gliedern." „Die dürfte doch vielleicht einem Diätfehler im Genüsse geistiger Getränke zuzuschreiben sein — der Herr Baron sind vermuthlich kein Trinker?" „Das gewiß nicht, aber ich habe auch nicht im Uebermaß getrunken — nein, gewiß nicht, aber ich fürchte — das heißt ich glaube —" „Ich hoffe, daß der Herr Baron überhaupt nichts zu fürchten haben, es wäre mir aber doch von Interesse zu wissen, was Sie glauben." „Ich glaube, daß ich mich in der vorigen Woche angesteckt habe. — Ich glaube es Ihnen schon mitgetheilt zu haben. In meiner kopflosen Aufregung bin ich damals draußen in der Billa in das Zimmer des scharlachkranken Kindes gegangen, habe mich an sein Bett gesetzt und es sogar umarmt." „Das war allerdings nicht geradezu nothwendig und kann ich daraufhin die Möglichkeit, daß der Herr Baron inficirt sind, allerdings nicht in Abrede stellen. Aber ich wiederhole, gegenwärtig ist kein Symptom vorhanden, das darauf hindeuten würde, wenn jedoch —" Er ward unterbrochen. Ein Diener des Hauses brachte die Meldung, daß der Wagen bereits warte. „Schon," erwiederte der Arzt, „bringen Sie den Ueberzieher des Herrn Baron." „Den habe ich bereits mitgebracht und im Wagen liegen auf Befehl der gnädigen Frau mehrere Decken." „Sehr gut. Also, Herr Baron, wenn's gefällig ist. — Kommen Sie, Friedrich, helfen Sie ein bischen mit." Mit Hilfe des Arztes und des Bedienten richtete sich der junge Mann auf und ließ sich auch den Ueberzieher umgeben, von beiden Seiten gestützt, ging es dann langsamen Schrittes die Stiegen hinunter. „'s ist doch etwas faul im Staate Dänemark," flüsterte Hugo in sich hinein. „Wird schon wieder gut werden," tröstete der Arzt, „der Herr Baron hätten die kleine Elsa sehen sollen, wie munter die schon wieder im Zimmer herumspringt, wenn es jetzt Sommer wäre, hätte ich sie heute schon ausgehen lassen." Hugo fühlte sich zu erschöpft, um seiner Befriedigung durch Worte Ausdruck zu leihen, aber sein Lächeln bewies seine Genugthuung. Endlich waren Stiegen und Vorhalle durchschritten und der Wagen erreicht. Der Arzt that sein Möglichstes, es dem Patienten bequem zu machen, hüllte ihn sorgsam in Decken und half ihm in eine möglichst be-