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Der Israelit · 1900-04-09 · Heft 29 (9.4.1900) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 29 (9.4.1900)
Date
1900-04-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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605 qucnte Lage. Als aber der Wagen sich in Bewegung setzte, zog der Baron trotzdem die Stirne in Falten. „Wenn man sich nicht ganz wohl fühlt, ist auch die beste Equipage ein Marterkasten," bemerkte Doktor Kühn. „Es ist gut, daß wir nicht weit zu fahren haben, in fünf Minuten sind wir in Ihrer Wohnung und dann muffen der Herr Baron sofort in's Bett." Der Baron erwiederte nichts, Schwäche und Unbehagen schienen zuzunehmen. Schweigend legten Beide die kurze Fahrt zurück. Als der Wagen vor der Wohnung der Baronin hielt, befahl der Arzt dem Kutscher, vor allem die Hausglocke zu ziehen, und als die Thüre geöffnet ward, hoben Beide den Baron, der jetzt willenlos alles mit sich machen ließ, aus dem Wagen und trugen ihn vorsichtig hinauf in sein Zimmer. Der alte Jean war beinahe zu Tode erschrocken, als er seinen jungen Herrn in diesem Zustande erblickte. „Herr des Himmels! was ist geschehen?" „Nichts ist geschehen, gar nichts," erwiederte der Arzt, indem er deni treuen Diener zu schweigen winkte. „Der Herr Baron sind nur etwas ermüdet, das hat aber durchaus nichts zu sagen, wird bis urorgen hoffentlich vollständig vorüber sein. Jetzt aber helfen Sie mir, Ihren Herrn entkleiden und in's Bett zu bringen, das ist für heute die beste Medizin." Mit zitternden Händen entsprach der greise Diener der Aufforderung und sehr bald lag der Kranke, aller beengenden Kleidung ledig, auf feinem Bette und nachdem der Doktor ein in Eau de Cologne getauchtes Tuch in seine Nähe gebracht hatte, athmete er tief auf und schlug die Augen aus. „Ah," sagte er, „jetzt ist mir wohl, so behaglich habe ich mich schon lange nicht gefühlt —" „Wenn man sich matt fühlt, ist das Bett der beste Freund. Ich hoffe, der Herr werden recht gut schlafen und sich morgen wiederum ganz frisch fühlen." „Das hoffe ich auch," versetzte der junge Mann, „ich füble mich schon jetzt ganz wohl. Ist meine Mut^ 1er schon zu Hause?" „Ich hörte vor einigen Minuten einen Wagen vor dem Hause halten," sagte der Arzt. „Jetzt kommt die Gnädige die Stiegen herauf," fiel der Bediente ein, „ich kenne den Schritt der Gnädigen." „Wollten Sie meine Mutter beruhigen, Herr Doktor, wollten Sie ihr sagen, daß mein Unwohlsein vollständig unbedenklich ist — sie ist so sehr ängstlich." „Gewiß werde ich der Frau Baronin versichern, daß das Unwohlsein des Herrn Barons nicht das Mindeste zu sagen hat — es ist das in der That meine aufrichtige Ueberzeugung." „In der That," wiederholte der Kranke, während ein ungläubiges Lächeln um seine Lippen zuckte. Doch da ging die Thüre auf. die Baronin trat ein, raschen, doch unhörbaren Schrittes eilte sie zum Bette. „Nun, wie geht es. liebes Kind?" „Gut, liebe Mama, ganz gut — ich hätte recht gut noch aufbleiben können, aber der Herr Doktor hat darauf bestanden, daß ich mich niederlege." „Es ist nicht mehr so früh," bemerkte der Arzt, „und da der. Herr Baron sich doch etwas angegriffen fühlte, halte ich Ruhe für das Beste. Nach einer gut verbrachten Nacht wird die Sache morgen mit Gottes Hilfe wieder gut sein." „Das wollen wir hoffen," stimmte die Baronin bei, der es sichtlich schwer ward, an den jüdischen Arzt das Wort zu richten, „aber wenn es bis morgen doch noch nicht ganz gut sein sollte, muffen wir den Sanitätsrath auch zu Rathe ziehen." Der Arzt neigte zustimmend den Kopf. Der Kranke aber rief ärgerlich: „Uin's Himmelswillen, Mama! nur den Sanitätsrath nicht! wenn der kommt, werde ich ernstlich krank. — Zu Herrn Doktor Kühn habe ich Vertrauen." „Ruhig, ruhig Kind, rege Dich nur nicht auf. Ich habe ja durchaus nichts dagegen, daß Herr Doktor Kühn Dich behandelt, aber ich wünschte nur, wenn Du Dich morgen noch nicht ganz frisch fühlen solltest, daß der Sanitätsrath Dich auch besucht — das kann Dich doch nicht krank machen." Hugo erwiederte nichts, aber mit unheimlicher Raschheit stieg und wich die Farbe in seinem Angesichte. Doktor Kühn warf der Dame einen vielsagenden Blick zu, während er den Finger an das Handgelenk des Patienten legte. „Ich hoffe mit Bestimmtheiß daß der Herr Baron sich morgen wohl fühlen wird, augenblicklich aber ist Ruhe unbedingt nothwendig." „Ich werde für absolute Ruhe sorgen," entgegnete die Baronin, „ich werde nicht vom Bette weichen." „Um Gotteswillen, Mama. Du wolltest bei mir wachen? — Nein, das gebe ich nicht zu. — Jean kann doA auf dein Kanapee sich ein Bett zurecht machen. Das ist zwar auch nicht nothwendig — aber zu Deiner Beruhigung —" „Ruhig bin ich nur, wenn ich hier an Deinem Bette und sicher bin, daß das Erforderliche geschieht. Ich sehe doch da eine Medizin — alle Stunde einen Eßlöffel —" „Das ist nur, so lange der Herr Baron noch wach ist und wenn er vielleicht im Laufe der Nacht einmal aufwachen sollte. - - Aber ich hoffe, daß er schlafen wird." „Das hoffe ich auch, ich werde übrigens genau darauf achten —" „Liebe, gute Mama, ich bitte Dich inständigst, Dich ruhig niederzulegen und Jean alles, was zu thun ist, ihnen laffen. — Nicht wahr, Alter, wir werden schon gut mit einander fertig werden." Der greise Diener fühlte sich überaus geschmeichelt durch das Vertrauen seines Herrn. „Die gnädige Frau könnten in der That unbesorgt sein, ich werde kein Auge schließen und kein Auge von dem gnädigen Herrn lvenden —" „Ich dächte auch, die Frau Baronin könnten dem treuen Alten, der dem Herrn Baron doch sehr anhäng-

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