Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1900-04-09 · Heft 29 (9.4.1900) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 29 (9.4.1900)
Date
1900-04-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449049-2449078--50475-2500905
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

600 alle künstlichen Mittel führen schwerlich zur stattlichen Entwicklung." Diese Scheu der Israeliten, ihre heiligen Gottesstiftungen gegen Vortheile wirthschaftlicher Stellung zu verschachern, ist eine unserer Cardinaltugenden. Auch unser Fragesteller hat sich von dieser Scheu nicht ganz cmanciviren können. Deßhalb spricht er nicht 8UN8 1>di'N86 das erlösende Wort aus: „Aufhebung des Sabbat und Verlegung des siebenten Tages der Woche aus den ersten," sondern er spricht nur von Reformen, wenn auch von nicht unerheblichen, lieber Tendenz und Tragweite derselben lassen die Ausführungen aber keinen Zweifel. Um die Gesinnung, die diesem ganzen Gerede zu Grunde liegt, richtig würdigen zu können, muß man an Folgendes erinnern: Die Herren dieses Schlages reden und thuen immer so, als ob mit ihnen und ihrer Zeit Jahr Eins der Weltgeschichte beginnt. Es wäre für dieselben vielleicht heilsam, wenn sie sich ein wenig in die Zeit ihrer Väter und Großväter zurückversetzten, in die Zeit, in welcher den Juden noch die primitivsten Menschenrechte versagt, die Wege des Verkehrs verschlossen waren und die wirthschaftliche Stellung der Juden eine höchst verkümmerte war; wie sie damals vor den Thronen und Parlamenten, lote sie aber vor allem vor ihren himmlischen Vater mit der Bitte um ein menschenwürdiges Dasein, um die Möglichkeit der freien Entfaltung ihrer Kräfte hintraten, und wie dieses Gebet Erhörung gefunden. Gott hat den Geist der Völker und Fürsten erleuchtet und ihre Herzen uns zugewandt. Sie haben sich zu dem gefesselten Bruderstamme hinabaelassen und ihm die Fessel von Hand und Fuß gelöst, haben ihm die freie Milbewerbung um alle Güter des Lebens gestattet, so daß der Jahrhunderte lang gehemmte jüdische Geist seine Schwingen regen und die Juden die wirthschaftliche Stellung erringen konnten, der sie sich heute erfreuen. Welche Gesinnung gehört doch dazu, statt für dieses Gnadengeschenk durch dankbare Pflichterfüllung sich würdig zu zeigen, diese wirthschaftliche Stellung als Vorwand zu benützen, um uns der Pflicht gegen Gott zu entledigen! Unser jüdischer Beruf ist und bleibt, das Volk Gottes durch die Erfüllung seines Gesetzes zu fein. Wäre die Erfüllung dieses unseres Berufes wirklich mit unserer wirthschastlichen Stellung unverträglich, so müßte bei einem solchen Konflikt nicht jener, sondern diese zurücktreten. In Wirklichkeit ist dies aber nicht einmal der Fall, jedenfalls nicht in dein Maße, wie es uns hier glauben gemacht wird. Wollten nur sich alle Juden erst redlich zur ernsten Erfüllung des rs* br^rr>- mir r-trn entschließen, so würde das Ovser, das der Sabbat fordert, viel, ja das meiste von seiner Schwere verlieren. Daß die strikte Heilighaltung des Sabbat auch dann noch ein Opfer forderte, soll nicht bestritten werden. Aber dieses Opfer fordert er nicht erst seit heute und gestern. Das war ja schon von der Stunde an so, in der uns dieses Kleinod gereicht wurde. Als solcher Probirstein für den Ernst unserer Bereitwilligkeit, in Gottes Gesetz zu wandeln, wurde er ja eingeführt in unfern Kreis mit den Worten: . xb ss mns vsss {ysb Wie hoch, himmelhoch steht doch der Sabbat feiernde Jude über dem niederen, den Menschen zur Futter suchenden Kreatur degradirenden Krämergeiste, der das kostbarste aller Güter erst auf die Krämerwaage der wirthschastlichen Stellung legt, und die Heilighaltung des Sabbat von solchen Wägungen und Erwägungen abhängig macht! Diese krämerhafte Schachergesinnung ist es, die bei allen diesen und ähnlichen Ausführungen aus allen Ecken und Enden lugt. Sie ist der Kern und alles andere ist nur Staffage und Dekoration, um diese Niedrigkeit zu verhüllen. Dazu muß der arme Jüngling herhalten, der zum Märtyrer des Sabbat gestempelt wird, und er hat noch eine bedürftige Mutter, der er, statt sie zu erhalten, nun zur Last fällt, weil er kein Sabbatschänder werden will! Vielleicht hat der Herr, der uns dieses Angstprodult von Jüngling vorführt, keine Ahnung davon, daß er auch damit nicht originell ist. Mir fällt dabei immer die treffliche Abfuhr ein, mit welcher Rabbi Salomo Wolf Klein s. A., Grand-Rabbi von Kolmar, einen solchen Sabbatentweiher heimgeschickt hat. Zu diesem kam einmal eines jener gebildeten, aufgeklärten Schafe seiner Heerde mit folgender Frage: In unserer Stadt lebt ein armer Wittwer mit sieben unversorgten Kindern, deren ältestes ein Knabe von 16 Jahren ist. Diesen will der reiche jüdische Fabrikant D. in sein Geschäft nehmen. Mit Rücksicht auf die gedrückte Lage der Familie, will der Fabrikant dem Knaben sofort allmonatlich eine Entschädigung geben, die sich bei der vorauszusehenden Anstelligkeit des Lehrlings allmählig steigern und mit der Zeit eine Höhe betragen wird, welche genügt, um die darbende Familie vor dein Schlimmsten zu schützen. Der Fabrikant machte aber die Entweihung des Sabbat zur Beding ung. Diese Bedingung null die Mutter nicht eingehen und will lieber Roth leiden, als ihr Leben durch die Sabbatschändung ihres Kindes fristen. Handelt die Mutter nicht unrecht an sich, an dem Leben ihrer Kinder und an der glänzenden Zukunft ihres Aeltesten? Wäre es nicht Pflicht des Rabbiners, die beschränkte Frau zu belehren und sie zu bestimmen, daß sie auf das Anerbieten eingebt '( „Gestatten Sie," erwiederte der Gefragte, „daß ich, bevor ich Ihre Frage beantwwrte, Ihnen eine andere Frage vorlege. Kürzlich kam ein armer, ehrbarer Familienvater, der durch Krankheit und Unglücksfälle jeder Art zurückgekommen ivar, zu mir und klagte mir seine Roth, wie er alles erfolglos versucht habe, sich und die Seinen ehrbar zu ernähren und ivie ihm nur noch ein einziger Weg offen stehe, den er aber nicht ohne meine Billigung betreten wolle. Er wohne hart neben denr Hause eines vielfachen Millionärs. Es sei ihm ein leichtes, unbemerkt die dünne Zlvischenwand zu durch-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.