Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 28 (5.4.1900)
- Date
- 1900-04-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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41« Jahrgang. Erste Beilage j» M 28 de» «IsrarlU*. Leitender Artikel. Wendel Hirsch d"s. Poll L. Noth, Basel. -s'7i'!22 by bsmw' 'axn! ntrp n-nrv >32 ns ncbb ,cs ’z bsw) Ein Zeuge klassischer Zeiten sichert sich bleibende Bedeutung, wenn er auch nur als beschaulicher Zuschauer theilnimmt. Ein Schüler einer großen Schule behält seine Bedeutung für die Geschichte selbst wenn er nur im passiven Aufnehmen der Lehren verharrt; seine Persönlichkeit gibt über Ziele und Wege der Schule dem sinnenden Cultursorscher manchen Aufschluß. Aber die Bedeutung dieses Denkers ist größer, als die eines Zuschauers, seine schöpferische Geisteskraft ließ ihn Meister werden. Es liegt dies in der Thätigkeit der Gedankenrichtung, der er sich mit selbstständigem Verständniß, mit inniger Kraft und tiefer Liebe anschloß. Ein Sohn und Schüler seines großen Vaters, haben die Gedanken des Meisters in diesem Manne keinen bloßen „Nachempfinder," sondern einen „Verwirklicher" gefunden. So wenig man die innerste Bedeutung und gedankliche Größe dieses Mannes auch nur zu ahnen vermag, so man nicht S. R. Hirsch's Leben und Wirken kennt — so wenig wird man in der Folgezeit die „Hirsch'schen" Gedanken in ihrer geschichtlichen Bedeutung erfahren können, wenn man nicht Mendel Hirsch's selbstständige Gedankenarbeit in aller Tiefe und Breite würdigt. Daher wird seine Gestalt in der Geschichte jüdischen Denkens selbstständig fortleben und sein ruhmreicher Name von der Form eigenster Thätigkeit einen milden Lichtkranz um das Pantheon seines Vaters winden, das wir ihm im Herzen tausender Gleichgesinnter errichten. Wie in der Geschichte der Kunst die großen Namen eines Rafael und Leonardo an den Meister Michelangelo sich schließen und den verklärten Ruhm ihres Namens auf den Meister erstrahlen lassen, so wird die Geschichte des wahren Judenthums dem „großen Schüler" einen unverwelklichen Lorbeer widmen. Denn er hat uns unsere große Kunst vor's Auge geführt, uns gelehrt, diese Kunst pflegen und sie vertreten. In der mächtigen Gedankenarbeit seines großen Vaters, das jüdische Leben zu gestalten, siel ihm der Löwenantheil dieses Gedankens zu. Die Bedeutung Hirsch's für das jüdische Leben ist, jener ungeschmälerten Harmonie unseres Lebens Ausdruck zu geben, in der sich die Gegensätze, die im Laufe der Zeiten gedankliche Spaltung und Trübungen des Einheitsgedankens Hervorrufen, zu überbrücken. — Die Einheit und Reinheit eines jüdischen Denkerlebens darzustellen, das war die Aufgabe Hirsch's. In den Chor der verneinenden und zerklüftenden Lebensmächte das große jüdische Wort der Lebensbejahung hineinzurufen. Jene Einheit von Denken und Fühlen, von Grundsatz und Handlung in einem thaten- und arbeitsreichen Leben zu verwirklichen. Jeden vermeintlichen Zwiespalt zwischen Kopf und Herz auszusöhnen; die harmonische Durchdringung unseres Individual- und Gattungslebens zur vollkommenen Erhebung in und für einen Gedanken. Seit geraumer Zeit hatte das Judenthum des Mannes entbehrt, der den jüdischen Menschen wieder in diesem Ganzen aufzufaffen vermocht; der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit einem jüd. Gedanken organisch durckdrang und das ganze jüdische Leben aus ei nem Gedankenmittelpunkt erfaßt und ausgestaltet hat. Die ureigenste That des Hirsch'schen Lebens war die Vermählung zwischen uralten Gegensätzen. Gedanken und Gestaltung, Geist und Welt, Ich und und nicht Ich zu klastischem Geistesleben zu verschmelzen. Aber die Gegensätze würden nicht jenem charakter schwachen Opportunismus, nicht in praktischem „weltklugen" Anschmiegen und Anpasten versöhnt, sondern in angestrengter Geistesarbeit die Urquelle gesucht, wo es noch keine Trübung und keinen Zwiespalt gibt. Mendel Hirsch s. A. fiel durch mehr als drei Jahrzehnte die Riesenarbeit eines Lehramtes zu, in dem das Hirsch'sche Lebensideal Fleisch und Blut gewann. Er übernahm die große Aufgabe, ein wahrer Interpret jüdischen Wistens zu sein und das erlebte Judenthum zu lehren. Seine Bestimmung war es, '32 ns nobb nvp n-rcr jüdischen Kindern des jüdischen Lebens Weisheit und Aufgabe, in Reinheit zu lehren. Er gab ihnen die Kunst des Speerewerfens gegen oberflächliche und gedankenlose Heuchelei und Afterwistenschaft. Ein wahrer Interpret des jüdischen Geistes, holte er die Waffen aus dem Buche der „Geraden." An den Worten der heiligen Propheten erfaßte er in schwerer Gedankenthat des Juden Bestimmung. In den heiligen Sätzen prophetischen Geistes fand er des Judenthums Lebenselement. Ein edler ruhiger Geist spiegelt sich in seinem großen Werke, wo die Fülle der Gedanken in dem milden Strahle einer klaren Darstellung den Gedankenschatz übermittelt. Die Zeit eilt dahin und an uns ist's, das große Vermächtniß weiter zu tragen. Wir blicken zu Dir, verklärter Geist, hinauf! Der Du da ruhst, wo die Gegensätze schwinden und der reine Geist der Seligkeit genießt. Wir stehen an der Bahre zerrissen und mit Dir