Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 28 (5.4.1900)
- Date
- 1900-04-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Lemberg, 3. April. Wie die polnischen Blätter berichten, wurde hier der Krakauer Kaufmann Israel Araten, dessen Tochter Michalina aus dem Feliciane rinnen-Kloster in Krakau spurlos verschwunden ist, in « Begleitung des Lemberger Rabbiners Schmelkes vom Statthalter Grafen Pininski in Audienz empfangen. Araten schilderte verzweiflungsvoll, wie er seit Monaten unablässig auf der Suche nach dem Versteck seiner Tochter sich befinde und verwies auf die protokollarisch konstatirte Aeußerung der Nonne Marie Rosalie: „Wir werden uns bemühen, die Angelegenheit bis über den Monat Mai hinzuziehen, dann aber bleibt Michalina nach beendigtem 14. Lebensjahre die Unsrige." Araten klagte, daß sowohl die privaten, als auch die behördlichen Nachforschungen nach dem Verbleib des Mädchens bisher ganz erfolglos waren. Der Statthalter versicherte, das; er Unrecht und Gesetzwidrigkeit nicht unterstützen werde, allein der Aufenthalt der Michalina Araten sei den Behörden nicht bekannt. — Der „N. Fr. Pr." wird berichtet: „Wie polnische Blätter erfahren, sind weder vom Landesgerichte und der Staatsanwaltschaft in Krakau, noch vom Bezirksgerichte in Kenty oder von der Bezirkshauptmannschaft in Biala irgend welche Weisungen zur Vornahme von Nachforschungen nach dem Aufenthalte der Michalina Araten ausgegangen. Die Staatsanwaltschaft in Wadowice hat sich nicht veranlaßt gesehen, gegen die Gemeindeorgane in Kenty wegen der angeblichen gesetzwidrigen Revision im Felicianerkloster in Kenty einzuschreiten und auch keinen Thatbestand für die Einleitung einer strafgerichtlichen Untersuchung gegen Israel Araten vorgefunden, da dieser, wie sich herausstellte, sich gegen die Clausur-Regeln nicht vergangen und sich auch sonst keineswegs ungebührlich im Kloster benommen habe. — Aus Krakau wird dem „P. L." telegraphirt: „Wieder ist ein jüdisches Mädchen verschwunden, und zwar die zwölfjährige Tochter des Handlungsgehülfen Goldfinger in Podgorze. Sie ist vermuthlich in ein Kloster gegangen. Feuilleton. Wach einer Wegebenbeil. 15J Bon Friedrich Rott Im Salon der Gräfin Edgersdorf, der Jugendfreundin der Baronin Waldstein fand ein glänzendes Fest statt. Ihr Geburtstag ward, wie alljährlich, von dem zahlreichen Kreise ihrer Freunde und Bekannten in solenner Weise gefeiert. Den ganzen Tag drängten 572 sich die Gratulanten, am Abend jedoch fand die eigentliche Feier statt in einem Kreise geladener Gäste. Hugo befand sich mit seiner Mutter unter den Letzlern, er hatte die vierzehnjährige Tochter des Hauses zu Tische geführt und schien mit dem graziösen Kinde in heiterster Unterhaltung. Die beiden Mütter tauschten lächelnd verstandnißinnige Blicke, sie planten, durch eine dereinstige Verbindung ihrer Kinder die langjährige Freundschaft noch fester zu knüpfen. Namentlich die Baronin hing diesem Plane mit ganz besonderer Vorliebe nach, dadurch vermochte sie jenes Schreckbild von einer getauften Jüdin als Schwiegertochter, das sich seit jener Unterhaltung mit ihrem Sohne hin und wieder vor ihr inneres Auge drängte, am leichtesten zu verscheuchen. „Sind sie nicht ein reizendes Paar?" wandte sie sich an die Freundin, „wie für einander geschaffen." „Ich hätte durchaus nicht dawider, wenn sie selbst in einigen Jahren diese Entdeckung machen würden," erwiderte die Gräfin, „vorläufig hoffe ich jedoch, daß Dein Herr Sausewind meinem Püppchen keinen Unsinn in den Kopf setzen wird." „Unbesorgt. Liebste, einen gewissenhafteren Menschen als meinen Hugo findest Du in der Welt nicht. Nur einen einzigen Fehler hat er, der allerdings in Deinen Augen weit weniger wiegen dürfte, als nach meiner Anschauung; er ist nämlich, ich will nicht grade sagen, Voltairianer, aber in religiöser Beziehung sind wir beide sehr weit auseinander." „Da hast Du recht, Emma," entgegnete die Gräfin lächelnd, „das ist in meinen Augen überhaupt kein Fehler. — Aber sieh' doch, wie eifrig sich die beiden unterhalten, das heißt, Helene spricht überaus eifrig auf ihn ein — was mag sie von ihm wollen? — Aha. er soll vermuthlich einen Toast ausbringen, na, wollen 'mal sehen, was da kommt." In der That schien der junge Mann reden zu wollen, er hatte sich erhoben und schlug mit dem Messer an sein Glas, während seine Nachbarin, die jugendliche Comtesse, einen triumphirenden Blick zu ihrer Mutter hinüberwarf, als wollte sie sagen, dazu habe ich ihn gebracht. Als auf das gegebene Zeichen Stille eingetreten war. begann Hugo mit lauter volltönender Stimme: „Sehr geehrte Festgenossen! Nach all den schönen und herrlichen Reden, die wir vernommen, dürfte es vermessen erscheinen, daß auch ich es wage, Ihre geneigte Aufmerksamkeit mir zu erbitten, namentlich, da der Rebe edler Saft in allen Gläsern hier blinket. In vino veritas sagt das Sprichwort, im Weine ist Wahrheit, aber die Wahrheit, so sehr wir sie lieben, so wenig freut es uns, sie zu hören. — Ich wenigstens würde mich höchlichst bedanken, wenn man mir, nachdem ich die geehrte Tischgesellschaft durch einen längeren Sermon regalirt, die Wahrheit darüber sagen wollte." „Sehr gut!" „Ausgezeichnet!" „Bravo Waldstein!"