Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1900-04-02 · Heft 27 (2.4.1900) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 27 (2.4.1900)
Date
1900-04-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2449049-2449076--50413-2500841
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

552 eine Predigt hören, so stehen ihnen ja alle Kirchen mit größter Liberalität offen, und der Reformtempel in der Johannisstraße ebenso, wenn sie lieber in eine jüdische Kirche gehen möchten. Dort ist noch so viel Platz für andächtige Sonntagsheilige, daß die Einrichtung eines separaten Sonntags-Cultus in der That als unnützer Luxus erscheint. Auch die religionsgesetzliche Seite der Frage, ob man nämlich an einem auf Sonntag verlegten Sabbat den Scholent am Sonntag, wie früher am Schabbos ißt, muß dort ja seit vielen Jahren praktisch gelöst sein, warum also immer etwas Appartes? Eine so pechschwarze orthodoxe Judenseele kann sich ja nicht in die feierliche Sonntagsstimmung eines aufgeklärten Resormgemüths versetzen, wie's das juckt und zuckt und christelt, wenn die Christengemeinde schaarenweise ihren Sonntagsgottesdienst aufsucht, und wir Juden trotz Emanripation und Assimilation zurückstehen müssen, weil wir sowas nicht besitzen. Wie die socialen Scheidewände alle über Nacht fallen müssen, wenn Juden und Christen einen gemeinsamen Ruhetag, und die einen wie die anderen ihren Sonntagsgottesdienst haben, dafür haben die orthodoxen Dunkelmänner eben kein Verständniß. Diese sind so kühn zu vermeinen, das sei ein Punkt, der noch sehr diskutirbar sein dürfte. Daß die Christen große Freude an dem jüd. Sonntagsgottesdienste haben müssen, das ist den Herren, die dafür agitiren, gar kein Zweifel. Das ist vielleicht das unausgesprochene, aber deßhalb nicht weniger treibende Element der ganzen Bewegung. Aber gerade das muß dem unbefangenen Beobachter mindestens fraglich erscheinen. Daß die Verchristlichung unserer Svnagoge die Erwartungen und Hoffnungen nicht erfüllte, die man nach dieser Seite bin daran aeknüpft hat, das stebt fest. Die Orgeln und gemischten Chöre haben das Rischus nicht nur nicht hinwecnublasen und fortzusingen vermocht, wie man uns verbieß, sondern unter dem Regime dieses Geblases Gesinges bat der alte Judenhaß die intensive Form angenommen, die man Antisemitismus nennt. Man stebt, diese Ouacksalbereien haben nichts geholfen. Ob man nrrtf) diesen AntecedenUen sich von der Radikalkur eines Sanntagsaottesdienstes wirklich goldene Berge versprechen mag? 5kn Lnrembura haben sie vor mehr als einem halben ^abrb"ndert, als der sväter nach Amerika übergesiedelte Rabbiner Hirsch noch dort amtirte. auch einmal einen derartigen Anfall gehabt. Aber sie waren doch so vorsichtig, vorher einige Fübler ausrustrecken. um sich 31t vergewissern, wie man christlicherseits eine solche Charakterlosigkeit binnebmen würde. Als der Rabbiner ein^ni ana«'seben<'n Mitaliede der Stadtverwaltung gesprächsweise ermblte. die indische Gemeinde trage sich mit dem Gedanken, ihren Sabbat auf den Sonntag zu verkeaen. da erwi-derte ibm di"ser: „Das ist ja eine vrächstge ^kdee. führen Sie dieselbe nur recht bald aus, dann werden wir Christen unfern etwas willkürlich gewählten Sonntag ohne Zweifel auf den biblischen Sabbat verlegen!" Diese gründliche Abfuhr hatte dann in der That zur Folge, daß dort das Projekt Projekt geblieben ist. So scherzhaft satyrisch diese Antwort auch klingt, so liegt ihr doch eine sehr reelle Wahrheit zu Grunde. Viele von denen, die unter diesem Sonntagsfieber leiden, ist nicht die Thatsache in ihrer ganzen Bedeutung gegenwärtig, daß in den drei ersten Jahrhunderten des Christenthums, Christen und Juden den Sabbat und alle jüdische Feiertage gemeinsam feierten. Erst das Concil von Nitäa hat die Bestimmung getroffen, daß die Christen nicht dieselben Ruhe- und Feiertage wie die „verfluchten" Juden haben sollten, wie es wörtlich in jenem Beschluß heißt. Da das Christenthum noch heute auf den Beschlüssen dieses Concils ruht, so wären seine Bekenner in der That auf den Ausweg angewiesen, den unser Luxemburger Rathsherr vorgeschlagen hat. Ob aber unsere christlichen Mitbürger wirklich große Freude an einem Zustande hätten, der sie consequenterweise nöthigen müßte, ihren Sonntag entweder zu verlegen, oder ihn mit den Juden gemeinsam zu feiern, das darf man billig bezweifeln: und zwar auch auf Grund anderer Erwägungen, die ungemein näher liegen, zu deren Würdigung es keiner Kenntniß von Concilbeschlüssen, sondern nur etwas gesunden Menschenverstand bedarf. Vor einigen Jahren haben sich hier einmal Dreiviertel-Wilde, ich glaube, es waren Kirgisen, öffentlich gegen Entree sehen lassen. Damals strömten die lieben Berliner in Hellen Haufen hinaus, um das seltene Schauspiel von Menschen zu sehen, die, da die Lex Heinze noch nicht erfunden war, halbnackt umherliefen, in Höhlen wohnten und mit bloßen Händen, statt mit Messern und Gabeln aßen. Wenn der mehrwöchentliche Verkehr dieser Kirgisen oder Siamesen mit den gebildeten Berlinern, die ersteren einmal auf die Idee gebracht hätte, sich auch etwas von dieser Bildung anzueignen und wenn in Folge dessen die Berliner wieder einmal hinausgekommen wären und hätten ihre lieben Wilden in Frack und Glaceehandschuhe und mit silbernen Bestecken essend gefunden, so hätte ich einmal die langen, verdutzten Gesichter sehen mögen, die es bei diesem Anlaß abgesetzt hätte. Während die Wilden für diese ihre civilisatorischen Anwandlungen sicher aus den Beifall ihrer Beschauer gerechnet hatten, wäre das vollständige Gegentheil eingetreten. Dafür hatten sie ja ihre Mark Eintrittsgeld nicht gezahlt, um Menschen mit Frack und Gabeln zu sehen. Das konnten sie zu Hause leichter und billiger haben. Sie wollten ja gerade an der Uncultur sich einmal weiden, angesichts dieser klaftertiefen Barbarei füblten sich die gebildeten Berliner im Besitz tburmboher Bildung und Gesittung: der Abstand Zwischen ihnen war es. was ihnen so wohlthat. Und das begriffen die Wilden nicht und glaubten, ibren Respect den Berlinern nicht besser, als durch Nachäffung dieses Bildungsfirnisses bekunden zu können! Dafür waren sie allerdings auch nur Wilde, die Europas übertünchte Höflichkeit und was sich unter

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.