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Der Israelit · 1900-03-29 · Heft 26 (29.3.1900) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 26 (29.3.1900)
Date
1900-03-29
Page
– (sequence 27)
Language
German
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545 stunden auch nur die dringlichsten Correspondenzen \u erledigen. Von diesem Gesichtspunkt ausgehend, richtete unser Vorstand an Magistrat und Stadtverornete eine Eingabe, worin er unter eingehender Begründung ersuchte, in die Vorlage eine Bestimmung aufzunehmen, ivonach den am Sabbath geschlossen haltenden Geschäften auch in Zukunft die Stunden von 10' -—1 als Arbeit szeit (nicht als Verkaufszeit) belassen würden. Unser Antrag ivurde von einer Anzahl Stadtverordneter in der Debatte sehr wohlwollend behandelt, während der Ausschuß, an welchen die Versammlung die ganze Angelegenheit zur Vorberathung überwies, zu dem Schlüsse kam, daß eine solche Bestimmung gesetzlich unzulässig sei, weil Ausnahmen nur nach Branchen genossen werden können. Da wir dieser Auffassung nicht veipslichten konnten, wendeten wir uns an den bekannten Staatsrechislehrer Professor von Seydel in München, der in einem ausführlichen Gutachten unserer Ansicht beitrat. Das Gutachten wurde s. Z. im „Israelit" veröffentlicht. Ztir .Klarstellung nuferes Standpunkts in dieser Frage sahen nur uns reranlafzt, eine große öffentliche Verfumnrlung abzuhalten tind auch an einer Anzahl von anderer Seite verai'staltktcn Versammlungen theilzunchincn. In den Reihen der nichtjüdischen Kollegen, die mit berechtigtem Cifer für die geplante Ertveiterung der Sonntagsruhe eintreten, entstand nämlich die irrthütnliche Anschauung, als seien tvir überhaupt Gegner der Sonntagsrulhe. Cs ist das selbstverständlich nicht der Fall: für uns den freien Sabbat zu fordern und unsren christlichen Kollegen den Sonntag mißgönnen zu wollen, kam uns nie in den Sinn. Was wir fordern ist nur, daß man diejenigen, die den Sabbat als Ruhetag halten, nicht auch zwinge, noch den ganzen Sonntag \\\ feiern, wodnrch man ihnen die Eristenz auf's äußerste erschtveren, tvenn nicht unmöglich machen tvürde. Wir suchten und fanden Gelegenheit, bei dem Magistrate wie bei der Handelskarumer, unsren Standivmtt in inündlicher Auseinandersetzung zu vertreten. Welchen Weg die ineitere Cnttvickelung dieser Angelegenheit nehmen tvird, läßt sich zur Stunde noch nicht sagen, da ein von den Stadtverordneten beschlossenes, die Souutagsarbeit mit tvenigen Ausnahmen gänzlich verbietendes Statut die Genehmigung des Magistrats nickst gefunden hat. Wir unsererseits haben in Wort und Schrift das Mögliche getban, um den drohenden schweren Schlag abzuwenden-, die Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang glauben wir noch nicht aufgeben ln sollen, da die von uns vertretenen Interessen mit gewichtigen allgemeinen Interessen sich berühren und vermischen. Unsere Theilnalnne an den lokalen Kämpfen um die Sonntagsruhe ließ uns, lvie schon angeführt, nur lvenig Zeit für den Ausbau unserer auswärtigen Organisation übrig. Leider sind die Schwierigkeiten aus diesem Gebiete größer, als lvir sie erwarten konnten. Man sollte annehmen, daß jeder jüdische Gehülfe, dem es mit der Heilighaltung des Sabbat Ernst ist, mit Freuden einem Vereine beitreten würde, der ihn gegen einen geringen Beitrag vor den pecuniären Folgen der Stellenlosigkeit schützt und ihm jederzeit seine Stellenvermittlung gratis zur Verfügung stellt. Leider ist das nicht der Fall. Jener Jndifferentismus, der fast bei allen idealen Bewegungen der Gegenwart seinen erschlaffenden Einfluß geltend macht, er stellt sich auch uns hindernd in den Weg. Es kommen eine große Anzahl Mitglieder zu uns, die sich uns anschließen, um durch uns eine Stelle zu erhalten. Haben ste ihr Ziel durch uns oder auf anderem Wege erreicht, oder dauert es ihnen zu lange, bis wir eine entsprechende Stelle Nachweisen können, so sind sie mit der Abmeldung schnell zur Hand. Daß eine Berufs-Organisation nur dann Großes und Dauerndes leisten kann, wenn ihre Mitglieder sie nicht nur als ein Hülfsmittel in der Noth betrachten, diese Erkenntniß ist den meisten unserer jüdischen Gehülfen noch fern. Mit Beschämung müssen wir zu den zahlreichen gewerkschastlichen Vereinigungen emporschauen, in denen jedes einzelne Mitglied sich als Agitator fühlt und für seinen Verein wirbt und eifert. Von solchem Eifer und solcher Arbeitsfreudigkeit ist in unseren Reihen, von vereinzelten rühmlichen Ausnahmen abgesehen, bisher noch lvenig zu spüren gewesen. Gerade die besser gestellten Gehülfen sollten es ohne jede Ausnahme als Ehrenpflicht betrachten, unserem Vereine anzugehören. Wer sich selbst vor den schweren Sorgen der Stellenlosigkeit gesichert fühlt, der sollte gewiß sein Scherflein dazu beitragen, daß diese Sorge von anderen genommen werde. Daneben steht die praktische Erwägung, daß in unserer Zeit, wo wirthschaftliche Umwälzungen von größter Tragweite mit Blitzesschnelle eintreten, sich eigentlich Niemand vor einer zeitweiligen Stellenlosigkeit geschützt wähnen darf. Für den in Stellung befindlichen Gehülfen ist es eine Kleinigkeit. halbjährlich Mk. 3 bis 6 als Beitrag (je nach der gewählten .Klasse) zu zahlen; wird ihm dann einmal die Stellung gekündigt, oder sieht er sich selbst zur Kündigung veranlaßt, welch' ein wohlthuendes Gefühl der Sicherheit muß es ihm geben, wenn er nicht gleich eine Stelle findet, sich bis zur Dauer von sechs Monaten auf unseren Verein stützen zu können! Ein besseres Entgegenkommen, als bei den Gehülfen, haben wir im Allgemeinen bei den Prinzipalen gefunden. Wir versenden, gemeinsam mit dem Hamburger Verein kür Stellenvermittelung, in jedem Quartal au die auf unserm Standpunkte stehenden Firmen De-atschlands und des Auslandes ein Rundschreiben, worin wir um Mittheilung von Vacanzen ersuchen. Dank dieser Einrichtung theilen uns eine ganze Anzahl Firmen ihre Vacanzen jeweilig mit, leider steht eine große Zahl noch abseits und überläßt es bei Besetzung der Stellen ganz dem Zufalle, ob die Gehülfen, die sie erhalten, auf den freien Sabbat reflectiren oder nicht.

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