Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1900-03-29 · Heft 26 (29.3.1900) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 26 (29.3.1900)
Date
1900-03-29
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449049-2449075--50389-2500816
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

WWMMWWMWW 537 terit oder Vormünder dieselbe ausdrücklich verlangen, und daß sie sich jeder Einwirkung nach der einen oder der anderen Richtung sorgfältig zu enthalten hat. Ueber diesen großen Erfolg herrscht nun bei den Petente! und ihren Gesinnungsgenossen Helle Freude. Wer aber seine Augen sandfrei weiß, wird über diese Befriedigung ebenso den Kopf schütteln, wie er es über die frühere Aufregung gethan hat. Wer diese „formelle" Anweisung an die Schulvorsteherin Fräulein Dorstling mit der Aufmerksamseit durchlieft, die ein minifterieller Auftrag schon verlangen darf, der findet zu allernächst, daß diese Anweisung in der That nur der Form nach eine solche ist, in Wirklichkeit aber nichts anderes anweist, als was Fräulein Dorstling in dem Brief vom 8. September verlangt und das Provinzialschulkollegium am 4. Dezember als berechtigt anerkannt hat. Die Schulvorsteherin darf bei nichtevangelischen Schülerinnen die Theilnahme am evangelischen Religionsunterrichte nur gestatten, wenn die Eltern es ausdrücklich verlangen. Mehr wollte ja die Schulvorsteherin nicht, wenn unsere juristischen Beiräthe nicht etwa zwischen dem „wünschen" des Dörstling'schen Briefes und dem „verlangen" der ministeriellen Anweisung einen Untersckied heraustüfteln. Eine Einwirkung nach der einen oder anderen Seite hin (was die andere Seite hier Zu bedeuten hat und in welcher Richtung sie zu suchen ist, erscheint nicht ganz klar) hat Fräulein Dorstling niemals beabsichtigt, wenigstens liegt keine Kundgebung einer solchen Absicht vor. Da sie diese Enthaltung schon vor der ministeriellen Anweisung geübt hat, so wird sie dieselbe gewiß auch jetzt nicht weniger stritte beobachten. So sicher aber Fräulein Dorstling nach wie vor jede Einwirkung unterlassen wird, so sicher wird „der Geist, der in der Anstalt herrscht und die christliche Beeinflussung der Kinder, die nicht ausbleiben kann," sich von der ministeriellen Anweisung nicht betroffen fühlen und nach wie vor seine Einwirkung geltend machen. Was hat nun das ganze Echauffement genützt? Inwiefern hat sich die Sachlage seit dem 8. September geändert .' Wenn die Mutter sich heute wieder um Aufnahme ihres Kindes in die Dörftling'sche Töchterschule bewirbt und Fräulein Dorstling läßt der Mutter denselben Brief schreiben, liegt dann ein Verstoß gegen die ministerielle Anweisung vor? Ich glaube nicht; und damit ist die Sache erledigt, wenn auch nicht ganz in dem Sinne, tvie man's der Welt glauben machen möchte, daß Borstand und Repräsentanten wieder einmal das Berliner Judenthum gerettet hätten. Das Wahrheitswidrige, Scheinheilige dieser ganzen zur Schau getragenen Entrüstung wird einem in seinem ganzen Umfange erst klar, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die Thatsache, die der Dörftling'sche Brief tonstatirt, sich in Berlin jeden Tag tausendfach wiederholt, ohne daß ein Hahn danach kräht. „Die Dörftling'sche Anstalt ist nicht die einzige, in welcher jüdische Kinder christlicken Religionsunterricht erhalten." Tausende jüdischer Kinder erhalten an verschiedenen Berliner Lehranstalten christlichen Religionsunterricht laut statistischen, amtlichen Ausweises. Das stört unsere sperren Repräsentanten und Vorsteher, unsere Leib- und Seelsorger gar nicht. Wenn aber eine christliche Dame diesen Jammer schwarz auf weiß in einen, Briefe an eine jüdische Mutter konstatirt, dann laufen sie Sturm, nicht gegen die Charakterlosigkeit und Erbärmlichkeit der jüdischen Eltern, die ihre Kinder dem Judenthume entziehen und dem Christenthum in die Arme treiben, sondern gegen die christliche Dame und ihre Anstalt, welche die Dinge beim rechten Namen genannt hat. Und diese Armseligkeit spreizt sich noch mit ihren Leistungen, und thut so wichtig mit ihrem Gerede und Geschreibe, als ob davon wirklich die Fortexistenz des Judenthums abhinge! — Wie faul muß der innerste Kern eines Gemeindewesens sein, dessen Leiter und Berather so laut poltern, wo sie schweigen sollten, und so ronsequent schweigen, wo sie nicht laut und entschieden genug reden müßten! Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Frankfurt a. M. Dem sechsten Jahresberichte des „Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen" zu Frankfurt a. M. entnehmen wir: Die seit langer Zeit fortgesetzten eifrigen Bemühungen des Vorstandes, unfern Schwestern ein eigenes zweckentsprechendes Heim zu verschaffen, sind nunmehr aus dem Stadium der Vorbereitungen zu einem vorläufigen Resultat gediehen, indem wir das neben dem israelitischen Gemeindehospital befindliche Grundstück käuflich erworben haben. Der Bauplatz ist nicht nur für das Wohnhaus völlig ausreichend, sondern gewährt auch noch genügenden Raum, um dereinst, falls sich ein Bedürfnis dafür zeigen sollte, an dasselbe eine Klinik, wie die meisten Pflegerinnen-Jnstitute sie besitzen, anzugliedern. Ehe wir indessen in der Lage sind, mit unserem schon so lange ersehnten Bau zu beginnen, sind wir genöthigt, uns von Neuem an den Wohlthätigkeitssinn unserer Freunde zu wenden. Nachdem der kostspielige Bauplatz den größten Theil unseres Baufonds hinweggenommen hat, fehlen uns noch die weiteren Mittel, um den eigentlichen Bau zur Ausführung zu bringen. Wir hegen jedoch die feste Ueberzeugung, daß der allbekannte Gemeinsinn unserer Mitbürger sich auch hier bewähren wird. Die Zahl unserer Vereinsmitglieder ist leider im abgelaufenen Jahre trotz der Zunahme der Bevölkerung nicht gestiegen. Wie sehr durch die Gründung der jüdischen Kranrenpflegerinnen-Vereine das Interesse für die Ausübung der Krankenpflege unter unseren Glaubensgenossen geweckt worden ist, läßt sich daraus ersehen, daß

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.