Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 26 (29.3.1900)
- Date
- 1900-03-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449049-2449075--50377-2500804- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
525 zeuge, einem sog. Seelentränker, auf hoher See; ein wilder Sturmwind peitschte die Wogen, daß sie sein Schiffchen, einer Nußschale gleich, bald thurmhoch hoben, bald mit rasender Wucht in die Tiefe schleuderten. — Und das währte, wie ihm vorkam, viele, viele Tage, so daß er, zum Stelett abgezehrt, die Ruder nicht mehr handhaben konnte und mit starrer Resignation dem Tode entgegen sah. Da plötzlich erfolgte ein furchtbarer Krach, sein Fahrzeug war an einer Klippe zerschellt und er sank tiefer unb immer tiefer in die brausende Fluth. Da, mit einem Male, drang eine menschliche Stimme an sein Ohr, er schlug die Augen auf, der Bediente stand vor ihm. „Jhro Gnaden lassen den Herrn Baron bitten, sich hinunter zu bemühen." Der Herr Baron aber rieb sich schlaftrunken die Augen und schien die Meldung nicht gehört zu haben, so daß der Diener dieselbe wiederholte. Der Baron jedoch, noch unter dem Eindruck seines Traumes, erwiederte gähnend: „Schon gut, schon gut, ich komme gleich — ich muß nur erst trockene Kleider anziehen." Der Bediente blickte ihn betroffen an. „Was für Kleider befehlen der Herr Baron?" Diese Frage, im Verein mit dem verdutzten Gesicht des Mannes, brachten den Baron zur Besinnung. Hastig sich ausrichtend, brach er in ein heiteres Lachen ans. „Nicht doch, nicht doch, ich brauche keine anderen Kleider, mir hat nur geträumt, ich hätte in den Kleidern ein unfreiwilliges Bad genommen. Gottlob, es war nur ein Traum." Der Diener lächelte bescheiden. „Ich bitte um Verzeihung, den Herrn Baron gestört zu haben, aber ihro Gnaden —" „Ja, ja, ich gehe sofort hinunter. — Ist meine Mutter allein?" „Gegenwärtig ja, der Herr Pfarrer Weber ist soeben fortgegangen," erwiederte der Alte, der im Dienste der Familie Waldstein ergraut war und sich daher etwas mehr als das übrige Dienstpersonal zu erlauben wagte, er trat etwas näher und fügte im Flüstertöne hinzu: „Der Pfarre ist schon um halb Zehn gekommen, es muß eine unangenehme Angelegenheit sein, die ihn hergeführt bat, Jhro Gnaden scheinen furchtbar irritirt." „Wird hoffentlich nichts Arges sein," entgegnete Hugo, der sich durch den Schlaf und vielleicht mehr noch durch sein Lachen über die eigene Schlaftrunkenheit merklich erfrischt fühlte. Er trat vor den Spiegel, brachte seine etwas derangirte Toilette in Ordnung und begab sich dann mit seinem gewöhnlichen elastischen Schritte hinunter in das Boudoir seiner Mutter. „Guten Morgen, liebe Mama, hast Du gut ge schlafen?" Die Baronin erwiederte kaum merklich den Gruß. „Der Herr Baron lasten lange auf sich warten." „Verzeihe, liebe Mama, daß ich Deinem Befehle nicht sofort entsprochen, aber ich habe geschlafen, und" — fiigte er lachend hinzu — „ich war so schlaftrunken, mir hatte geträumt, ich wäre in's Wasser gefallen, als der alte Jean mir Dein Befehl überbrachte, erwiederte ich ibm treuherzig, ich müsse zuvor trockene Kleider anziehen. — Das Gefickt, das der Alte gemacht hat, hättest Du sehen müssen." — Von neuem brach er in ein herzliches Lachen aus. Die Baronin zog die Stirne in Falten. „Ich verbitte mir diese unzeitgemäße Heiterkeit," sprach sie scharf, „scheint es doch beinahe, als wolltest Du Deine Mutter auslachen." „Mama! — Um'S Himmelswillen! — Wie kannst Du so etlvas von mir denken! — Was habe ich denn gethan?" „Was Du gethan hast?" brauste sie auf, „und Du hast noch die Frechheit, das zu fragen! —" „Aber liebe, gute Mama —" „Schweig mit Deinen heuchlerischen Reden!" schrie sie, zitternd vor Wuth, „wie hast Du es wagen können, ein Kind zu entführen, das unter meinem Schutze steht — und noch dazu ein krankes Kind, das Deinen Leichtsinn mit dem Leben büßen kann —" „Sei unbesorgt, Mama, alle erdenklichen Vorsichtsmaßregeln sind angewandt, dem Kinde wird der Transport mit Gottes Hilfe nicht geschadet haben." Sie zuckte verächtlich die Schultern. „Wo ist es? — Wohin hast Du es bringen lasten?" „Wo Elsa ist? — Verzeihe Mama - " „Ich verzeihe nicht!" schrie sie, mit dem Fuße stampfend, „ich will wissen, wo das Kind ist, das unter meiner Obhut steht — sprich! oder, bei Gott! ich sehe die Behörde in Kenntnis;, daß mein eigener Sohn das Kind entführt hat." Hugo wechselte die Farbe. „Ich kann Dich nicht zurückhalten, der Behörde diese Anzeige zukommen zu lassen — muß jedoch aufmerksam machen, daß ich dann eben durch die Behörde vermuthlich gezwungen würde, den Grund anzugeben, weßhalb ich das Kind entführt habe — um es nämlid) vor bern ihm widerrechtlich zugedachten Zlvang zu schützen —" Die Baronin zitterte vor Aerger. „Elender Bube! — Du wagst es, mir zu drohen „Ich drohte nicht, Mama — aber ich muß Dich doch aufmerksam machen, daß die Auskunft, die ich der Behörde geben müßte, Dir Unannehmlichkeiten zuziehen könnte." „Besser, immer besser! — Du überbietest Dich in Frechheiten! ■ — Aber sei nur unbesorgt, die Auskunft, die Du der Behörde geben müßtest, würde keine Unannehmlichkeiten für mich haben, ich weiß genau, was ich thue und was ich thun darf." „Ich glaube, liebe Mama, daß Du Dich in einem Jrrthum befindest. Es ist allerdings leicht möglich, daß manche Organe des Gesetzes Deinem Vorhaben