Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 26 (29.3.1900)
- Date
- 1900-03-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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531 schäften. Die Profesioren Lazarus und Steinthal sind auch nicht ausgenommen worden. Dagegen sind viele deutsche jüdische Gelehrten korrespondirende Mitglieder auswärtiger Akademieen. Deutsche Juden durste man bei der Feier vergebens suchen. Dagegen hatten England in der Person des bekannten Gelehrten und Zionistenführers Professor Gaster und Italien durch Professor Aseale sich bei den Feierlichkeiten vertreten laffen. Berlin, 27. März. An Stelle des bisherigen Leiters der Mädchenschule der Berliner jüdischen Gemeinde, Dr. Adler, der an das Philanthropin in Frankfurt a. M. berufen worden ist, hat die Repräsentantenversammlung in ihrer letzten Sitzung den Direktor des jüdischen Lehrerseminars in Münster, Dr. Gutmann, gewählt. Hamburg, 20. März. Der Antisemitenführer W. hat sich wegen Betrugs und qualifizirter Urkundenfälschung, die er hier im Jahre 1896 verübt hat, zu verantworten. Nach Eingang der antisemitischen Zeitung, die „Abwehr," gründete der völlig mittellose W. im Jahre 1896 hier die „Norddeutsche Volkszeitung." Für dieses Unternehmen engagirte er Casiirer, Boten, Expedienten etc., die sämmtlich Cautionen stellen mußten und er erhielt im Ganzen 900 Mk., wogegen er den Engagirten mit dem Accept des Goldschmidt Pavy und den Jndossos eines gewissen M. und G. versehene Wechsel in Höhe der hinterlegten Eaution als Sicherheit gab. Als die W.'sche Zeitung nach zweimonatlichem Bestehen wieder ausflog, konnten die Angestellten ihre Eautionen nicht zurück erhalten, und im Laufe eines gegen W. angestrengten Civilprozesses stellte es sich - heraus, daß die Accepte und Jndossos auf den Wechseln gefälscht waren. W. fühlte sich nun hier nicht mehr sicher und verduftete am 26. November 1896. Man nahm an, daß W. nach Amerika geflüchtet sei, während er in der That in der Redaction eines Dresdener Blattes unter falschem Namen arbeitete. Dem seit dem Jahre 1896 steckbrieflich verfolgten W. gelang es dann auch, sich bis zum 80. Oktober 1899 unerkannt und unangemeldet in Dresden auszuhalten. An diesem Tage wurde W. verhaftet, in Dresden wegen Meldecontravention zu einer Woche Haft vernrtheilt und nach Verbüßung dieser Strafe hierher transportirt. W. ist geständig, sich in der Noth der Wechselfälschung und des Cautionsschwindels schuldig gemacht zu haben. Er wird zu einem Jahr drei Monaten Gefängniß, zwei Jahren Ehrverlust verurtheilt. Auf die Strafe werden drei Monate Untersuchungshaft in Anrechnung gebracht. Köln, 26. März. Ich hatte heute Gelegenheit, eine Institution kennen zu lernen, die in allen jüdischen Kreisen große Beachtung verdient. Es ist das „Israelitische Lehrlingsheim" hier, eine Anstalt, die es der jüdischen Jugend erleichtert, ein Handwerk zu ergreifen. Die Zöglinge erhalten eine echt jüdische Erziehung, unter Leitung eines orthodoxen Erziehers. Sämmtliche Zöglinge sind in Stellen, in denen sie Sabbat frei haben. Der Bau, in denen die Zöglinge untergebracht sind, ist ein der Neuzeit entsprechender, eingetheilt in Schlaf-, Speise-, Bade- und Wohnraum, im Ganzen ungefähr 40 Säle. Eine große Gartenanlage liegt hinter dem Hause, in der sich eine schöne Turnhalle befindet. Der Kostenaufwand, der mit dem Bau des Heimes verknüpft war, betrug Mk. 130,000. Das ganze Grundstück umfaßt einen Raum von 1100 Quadratmeter. Die Frequenz des letzten Jahres belief sich auf 36 Zöglinge. Der gesammten deutschen Judenheit zu Nutz und Frommen muß diese segensreiche Einrichtung empfohlen werden. <5oblenz, 26. März. In den traurigen Zeiten des Rassenkampfes, der den Antisemitismus zur höchsten Blüthe getrieben, berühren Ereignisse, die das harmonische Zusammenleben der Confessionen illustriren, selbst wenn sie traurigen Anlasses sind, um so wohlthuender. Ein rührendes Beispiel confessionellen Friedens und patriarchalischer Einigkeit gab vor einigen Tagen das Begräbniß eines 18jährigen jüdischen jungen Mannes in Bassenheim bei Coblenz, des Sohnes eines Herrn Heymann. Der junge Mann erlag nach langer Krankheit dem Typhus, und wenn schon während seiner Krankheit unzählige Beweise herzlicher Antheilnahme seitens der christlichen Mitbürger den Kranken und seine Angehörigen erfreuten und trösteten, so bildete das Leichenbegängniß geradezu einen noch nicht dagewesenen Akt allgemeiner Antheilnahme. Die gesammte Dorfbevölkerung, incl. Geistlichkeit, sowie sämmtliche Insassen des v. Kusserow'schen Gutes und eine unabsehbare Menge Fremder aus benachbarten Orten, bildeten einen Zug, den man auch in der größten Stadt vergebens suchen würde. Im Trauerhause selbst war tefti Platz für die Anzahl Frauen und Mädchen, die den Hinterbliebenen in der schweren Stunde beizustehen gekommen waren. Am Grabe selbst sprach der Pfarrer, der sich das nicht nehmen ließ, in bewegten Worten die Angehörigen zu trösten, derselbe würdige Herr, der während der Krankheit des ungemein beliebten jungen Mannes eine Messe für seine Genesung abgehalten und heiße Wünsche bei seinem täglichen Gebete zu Gott emporgesandt hatte! Klingt das nicht wie ein Märchen aus einer anderen Welt?. Wann wird wohl überall auf dem Erdenrunde eine gleiche Gesinnung eingezogen sein?! Coblenz, 26. März. „Die Juden leben nur vom Handel, namentlich vom wucherischen Handel." — „Warum sieht man sie nicht ein Handwerk oder Landwirthschaft betreiben?!" — Aehnlich hört man seit Jahrzehnten die sauberen Antisemiten und Andere, die es angeblich gut mit uns meinen, sprechen und höhnen. Ich möchte heute mit einem eklatanten Fall diesen Herren dienen. In Oberbreisig (b. Coblenz) starb dieser