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Der Israelit · 1900-03-29 · Heft 26 (29.3.1900) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 26 (29.3.1900)
Date
1900-03-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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520 um das heiligste Anliegen nicht erspart. Wie mußte er einer Vorgesetzten Behörde gegenüber das ganze Gewicht seiner fachmännischen Persönlichkeit aufbieten, um die genügende Anzahl Stunden für den Unterricht des Hebräischen und des Talmud im Stundenplan bewittigt zu erhalten und sie sich dann nicht schmälern zu lassen. Aber seine Unverzagtheit und Ueberzeugungstreue durften sich auch des Erfolges freuen. Doch mit der Thätigkeit für die Schule war sein«' reiche Kraft noch lange nicht erschöpft. Nicht nur, daß er zu Lebzeiten seines großen Vaters in dessen Vertretung vielfach die rabbinischen Funktionen versah, ihn drängte es, auch durch das Wort der Lehre mit den der Schule Entwachsenen und dem Leben Angehörenden in lebendiger Fühlung zu sein. Lange Jahre hatte der Verein Mekor Cbajim das Glück, ihn zu seinen Lehrern zu zählen. Eigens bildete sich als Stätte für sein Wort der Verein Ben Usiel; hier erläuterte er die Propheten und behandelte eine große Reihe brennender, den verschiedensten Gebieten angehörender Tagesfragen, soweit sie einer Beleuchtung vom Standpunkte des Judenthums zur Beseitigung irreführender Tendenzen benöthigten. Er durfte sich wohl unterfangen, einmal ein politisches, ein anderes Mal ein philosophisches und das dritte Mal etwa ein naturwissenschaftliches Thema zu behandeln, denn seiner umfassenden Bildung war nichts fremd. Einige Abendstunden der Woche endlich waren einem toe; "nnr für junge Leute gewidmet. Seit frühen Jahren hatte er seine Feder in den Dienst der heiligen Sache gestellt. Zahlreich sind seine Aussätze im „Jeschurun," er war ein hochverehrter Mitarbeiter des „Israelit," wo vor nicht allzulanger Zeit jene bedeutungsvolle Artikelserie erschien, die die Kämpfe aus der ersten Zeit der hiesigen Religionsgesellschaft schilderte, und die dann als Separatabdruck unter dem Titel „Samson Raphael Hirsch und die Israelitische Religionsgesellschaft" erschienen ist. Sie war gerade im wichtigen Momente hervorgetreten, um die jüngste, zu glücklichem Ziele geführte Entwicklungsphase der Religionsgesellschaft kräftig zu fördern. In einer anderen Schrift „Das reine Menschenthum im Lichte des Judenthums" werden die gemeiniglich als Errungenschaften einer modernen Gesittung gepriesenen höchsten Ideale der Menschheit mit unwiderleglicher Ueberzeugungskraft und in edelstem Vortrag als ureigenthümlicher Besitz der jüdischen Lehre nachgewiesen, feinsinnigstes und tiefsinnigstes Eindringen in das Prophetenwort, begeistertes Verkünden der jüdischen Gedankenwelt und der jüdischen Aufgabe werden vielleicht heute schon das größere Werk „Die Haftoroth" zu einem wahrhaft jüdischen Familienbuch geschaffen haben. Aus diesem Buche wird der Geist Mendel H i r s ch 's in die jüdische Familie dringen und ihn zum unvergänglichen Eigenthum seines Volkes machen. Mitten in der Arbeit entsank der nimmer rastenden Hand die Feder. Ein „Commentar zu den kleinen Propheten" zu veröffentlichen, war der heiße Wunsch des Dahingegangenen. Es war ihm nicht vergönnt, das Werk zu vollenden. Mit ahnungsvollem Eifer betrieb er die Bearbeitung in den letzten Jahren. Bis an's Krankenlager begleiteten ihn seine Manuskripte. Es wird das heilige Vermächtniß seiner treuen Gehilfin, seiner Gattin sein, das hinterlassene Werk, das zum Theil bereits gedruckt, wohl aber leider im Manuskript noch nicht vollendet ist, als letzte Gabe dieses Lehrers in Israel seinem Volke mitzutheilen. Ein reiches Leben hat sich vollendet, ein Leben voll Arbeit, das vie verliehenen Kräfte freigebig gespendet hat im Dienste des größten und erhabensten Gedankens, im Dienste Israels, im Dienste der Menschheit. Aber wir? O, wir haben viel, unendlich viel verloren! Einer der großen und vornehmen Geister Israels ist von uns gegangen, ein weiches und mildes Herz, das so warm für seine Brüder fühlte, hat zu schlagen aufgehört, ein beredter Mund ist verstummt, eine starke Hand ist gesunken, und Gott mag uns helfen! Zeitungsnachrichten und Corresponden en Deutschland. Berlin, 22. März. Anfangs dieser Woche beging die Akademie der Wissenschaften zu Berlin die Zweihundertjahr-Feier ihres Bestehens. In dem Stiftungsbrief der Gesellschaft wurde mit Einwilligung des Königs Friedrich Wilhelm l. der Satz ausgenommen, daß von der gelehrten Körperschaft zwar christliche Tugend und Religion besonders gepflegt werden sollen, jedoch bleibe derselben unbenommen, „Leute von anderen Nationen und Religionen, wiewohl jedesmal mit unserem Vorbewußt und gnädigster Genehmhaltung, anzunehmen und zu gebrauchen." Aber man dachte damals nicht und konnte wohl nicht an die Juden überhaupt denken, deren Lage zu jener Zeit eine Theilnahme an den höheren Bildungsbestrebungen sicher ausgeschlossen hat. Es ist für uns ein eigenthümliches Gefühl, zu sehen, daß dennoch, als Juden eine hohe Stellung im Geistesleben sich errungen hatten, sie von der Aufnahme ausgeschlossen blieben. Moses Mendelssohn hatte mehrere Preisaufgaben, die die Akademie gestellt hatte, in glänzender Weise gelöst und wurde im Jahre 1771 zum ordentlichen Mitglieds gewählt; doch Friedrich der Große strich ihn von der Liste ab, weil er Jude war. Ebenso erging es dem berühmten Arzt Dr. Markus Herz. Erst im Jahre 1842 fand die erste Aufnahme des Physikers Dr. Rieß statt und gehörte auch bis in unfern Tagen zu den Seltenheiten. Gegenwärtig ist Professor Hermann Munk, der bekannte Physiologe, dellen Untersuchungen über die Funktionen der Großhirnrinde ihm einen Weltruf verschafft haben, und der trotzdem nicht zum Nachfolger du Boys-Reymonds ernannt worden fei, feit 1880 der einzige Jude als ordentliches Mitglied der königlichen Akademie der Wissen-

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