Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1900-03-29 · Heft 26 (29.3.1900) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 26 (29.3.1900)
Date
1900-03-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449049-2449075--50374-2500801
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

522 Tage ein jüdischer Schuhmacher, Barmen Steinberg, der seit 50 Jahren — unglaublich Ihr Herren, aber wahr — das ehrsame Schusterhandwerl und — Ackerbau dabei getrieben! Einer der fleißigsten Menschen, die ich je getroffen, ehrlich und brav bis zum Ideellen, lebte der Mann an der Seite seiner tüchtigen, anspruchslosen und fleißigen Frau, von Allen geachtet und geehrt. bis einige Stunden vor seinem Tode, seinem Berufe, dabei fromm und gottesfürchtig wie Wenige in seiner Gegend. Einen jungen verarmten Verwandten hatten die beiden Leutchen, obschon selbst nicht im Ueberflüß lebend, vor 25 Jahren adoptirt und zu einem tüchtigen Kaufmanne heranbilden lasten. ' Gr.-Steinhrim, 26. März. Eine eben so seltene wie erhebende und in ihrem Verlauf gelungene Feier war es, die am Freitag, den 16. März l. I., hier begangen wurde. Galt es doch, den nach hartem Kampfe, großer Mühe und unter schweren Opfern errichteten Tempel seiner Bestimmung zu übergeben. Die Feier begang Nachmittags Uhr mit einem Abschiedsgottesdienste in der alten Synagoge, wobei Herr Rabbiner Dr. G o l d s ch m i d t - Osfenbach, eine allen zu Herzen gehende Abschiedspredigt hielt. Um 4 Uhr setzte sich der Festzug in Bewegung, durch die auf's prächtigste geschmückten Straßen, unter Vorantritt der Feuerwehr, Schuljugend und Stadtkapelle, alsdann folgten Schlüstelträgerin und Ehrendamen, Thoraträger, Rabbiner und Lehrer, Behörden und Geistlichkeit, Gemeindevorstand, Deputationen sämmtlicher hiesigen Vereine u. s. w. Bei Ankunft an der neuen Synagoge wurde der Schlüssel dem Rabbiner übergeben, welcher die Pforten des Gotteshauses öffnete. Unter den Klängen der Musik begab sich der Festzug in die Synagoge. deren schönes Innere einen geradezu überwältigenden Eindruck auf die alle Räume füllende Menge hervorbrachte. Nach dem Chorgesang Mah tauwuh , hielt Herr Dr. Goldschmidt eine meisterhafte Festpredigt, welche einen tiefen Eindruck auf alle Zuhörer machte. Alsdann folgte der Abendgottesdienst, welcher von unserm allverehrten und beliebten Kantor, Herrn Lehrer Oppenheimer und dem hiesigen Synagogenchor unter allgemeinem Beifall ausgeführt wurde. Auch von dem Gottesdienste am Samstag Morgen kann ich dasselbe berichten. Am Sonntag, den 18. März, folgte die Einweihung des neuen Schulsaales. Um 3 Uhr Nachmittags zogen die Schüler vom Rathhause nach dem neuen Schullokale in der neuen Synagoge, gefolgt von Rabbiner, Lehrer, Vorstand und den Gemeindemitgliedern und begleitet von einer großen Zahl der christlichen Mitbürger, unter den Klängen der Musik. Die Feier im neuen Schulzimmer begann mit dem Schülerchor „Danket dem Herrn," welcher von Herrn Lehrer Ovpenheimer auf's Beste eingellbt war, . alsdann wurde von einer Schülerin ein sehr hübscher Prolog vorgetragen. Herr Rabbiner Dr. Goldschmidt sprach dann einige sehr schöne Worte, worauf der Synvgogen-Chor einen Schluß-Choral vortrug. So endete diese schöne Feier, die allen ihren Theilnehmern noch lange im Gedächtniß haften wird, und die unserer Stadt in jeder Hinsicht zur Ehre gereicht. Oe st er r. - Ungar. Monarchie. Wien, 26. März. (EineDeputationbeim M i n i st e r - Pr ä s i d e n t e n.) Eine Anzahl unabhängiger Personen israelitischer Confestion, aus verschiedenen Berussständen, bestehend aus dem Reichsraths-Abgeordneten Auspitz, Hof- und Gerichtsadvocaten Dr. Katzau, Regierungsrath Professor Oser, Kammerrath L. Pollak, Commerzialrath L. Trebitsch und Hof- und Gerichtsadvocaten Dr. Zucker, sprach heute beim Minister-Präsidenten Dr. von Koerber vor, um ihm abermals nachdrücklichst die großen Schäden und Gefahren darzulegen, die nicht blos die Mitbürger israelitischer Confestion, sondern das Gedeihen des Staates durch die ungehinderte Ausbreitung des Antisemitismus erleidet. Der Führer der Deputation, Abgeordneter Auspitz, wies darauf hin, wie sehr der Antisemitismus durch seine gegen jeden geistigen und wirthschaftlichen Fortschritt gerichtete Spitze sich zu einer zerstörenden und direct culturfeindlichen Bewegung gestaltet hat. Ein anderes Mitglied der Deputation hob besonders hervor, daß einerseits durch die Duldung, deren sich der Antisemitismus zu erfreuen hat, auch in nichtantisemitischen Kreisen sich die Meinung verbreite, er sei an maßgebender Stelle willkommen, und daß hierdurch, wie auch andererseits durch die Furcht vor dem antisemitischen Terrorismus selbst solche Kreise, die ihrer Gesinnung nach von diesem Treiben fernab stehen, auch zu Handlungen ähnlicher Art verleitet werden. Mit Lebhaftigkeit und unter Anführung einer Reihe schlagender concreter Thatsachen legten die weiteren Erschienenen die großen Schäden dar, die der Fremdenverkehr, sowie Handel und Industrie in Oesterreich und speciell in Wien dadurch erleiden, daß fremde Kaufleute Oesterreich meiden und österreichische Kaufleute alle Unternehmungslust verlieren und sich entweder ganz zurückziehen oder ihre Thätigkeit in benachbarte Länder, namentlich nach Ungarn, verlegen. Die brutale Zurücksetzung und existenzvernichtende Mißachtung aller Rechte, welche diejenigen, die sich einer Beamtenlaufbahn gewidmet haben, ungeachtet aller Staatsgrundgesetze erleiden, sei niemals und nirgends so arg gewesen, wie jetzt in Oesterreich, und die auf den Ruin ganzer Familien losgehenden offensichtlich betriebenen Boycottirungen haben namentlich unter den armen Juden auf dem Lande ein Elend hervorgerusen, von dem die Regierung keine Vorstellung zu haben scheint. Die Juden verlangen keinen Vorzug für sich, aber sie heischen Abwehr gegen dieses entsetzliche Treiben und den Schutz, den ihnen die Grundgesetze Oesterreichs verheißen haben. Der Ministerpräsident versprach den Schutz und erklärte wörtlich: „Ich beklage mit Ihnen die Ursache, die Ihnen den Anlaß zu Ihren Beschwerden gegeben hat, und kann Ihnen nur die beruhigende Versicherung geben, daß die Regierung sich die stricteste Beobachtung der Gesetze, insbesondere der Staatsgrundgesetze, auch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.