Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 24 (22.3.1900)
- Date
- 1900-03-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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481 und wer weniger sich anzuklagen hat, sondern wollen überlegen, wie wir das drohende Unheil vereiteln können. Die Sache drängt, ich vermuthe, daß Mama noch heute den Pfarrer zu sich bescheiden, der möglicherweise schon morgen in der Frühe hier sein wird, die fromme Handlung zu vollziehen. Ich werde es nicht zugeben! lim keinen Preis! — Das schwöre ich bei dem Andenken meines hochsinnigen Vaters!" Der junge Mann war aufgesprungen und durchmaß in heftigster Erregung mit raschen Schritten das Zimmer. Werner saß nachdenkend am Tische. „Rathen Sie, Werner, rathen Sie — wie können wir das Drohende abwenden?" Der Angeredete zuckte die Achseln. „Ich wüßte nichts anderes zu rathen, als das Versäumte ungesäumt zu thun." Hugo wechselte die Farbe. „Sie meinen, die Behörde müßte schleunigst in Kenntniß gesetzt werden? — Gut, es soll geschehen — obgleich —" „Nein, nein, Herr Baron mißverstehen mich. Gegenwärtig eine Anzeige bei der Behörde dürfte kaum zu dem gewünschten Resultate führen. Augenblicklich ist kein Beamter mehr im Stadthaus, der sich befugt hielte, da einzuschreiten — und morgen, vor Beginn der Amtsstnnden, könnte die Taufe bereits vollzogen sein " „Nm's .Himmelswillen! reden Sie deutlich — was rathen Sie?" „Daß das Kind schleunigst und ohne daß die Frau Baronin davon erfährt, zu einem seiner Glaubensgenossen überführt werde." „Gewiß, gewiß. Sie haben recht, in einer jüdischen Fainilie, dort wäre die Kleine sicher. — Aber kennen Sie eine, in der Elsa gut aufgehoben wäre? — Aus Geld soll es nicht ankommen. Ich würde den Leuten tausend Mark zahlen oder zrveitausend jährlich, wenn nur das Kind in Sicherheit und in guter Pflege ist —" „Ich wüßte allerdings eine hochachtbare jüdische Familie, der Mann ist Pächter des Herrn von Eberstein und ich hatte in meiner früheren Stellung Gelegenheit. die Leute in jeder Beziehung kennen zu lernen." „Wo wohnen sie?" „In D. Jetzt ist es sieben Uhr. D. liegt an der Bahn, die nach München führt. In einer halben Stunde geht der Zug von hier dorthin. Wenn der Herr Baron einverstanden sind, fahre ich sofort dorthin, die ganze Fahrt beträgt zwanzig Minuten." „Ich bin mit allem einverstanden, wenn nur das Kind in Sicherheit kommt. Fahren Sie sofort und suchen Sie die Leute zu bewegen, das Kind gleich morgen in den ersten Morgenstunden aufzunehmen. — Ich zahle, was die Leute wollen und werde hier Ihre Rückkunft erwarten." Werner schüttelte den Kopf. „Das dürfte zu spät werden, mit der Bahn kann ich heute nicht mehr zurück und ob ich dort einen Wagen finde, ist fraglich. Wollen sich der Herr Baron daher zurück in die Stadt begeben, ich fahre sofort nach D.und sobald ich mit den Leuten gesprochen habe, sende ich eine Depesche. Ich zweifle allerdings kaum, daß die Leute sich bereitfinden lassen, das Kind bei sich aufzunehmen, namentlich da der Herr Baron mir in der Geldfrage unbeschränkte Vollmacht geben. Auf Geld müssen die Leute sehen, da sie Kinder haben und nicht in den glänzendsten Verhältnissen sind —" „Gut, gut, Sie wissen, wie ich darüber denke —" „Ich weiß es. Doch es ist noch etwas in Betracht zu ziehen. Es ist Winter, Elsa hat den Scharlach kaum überstanden, ohne Hinzuziehung eines Arztes dürfen wir nicht daran denken, das Kind zu transportiren." „Sie haben recht, ich danke Ihnen, daß Sie mich darauf aufmerksam machen. Sobald ich Ihre Depesche erhalte, suche ich den Doktor Kühn auf, dem ich rückhaltlos den Sachverhalt mittheilen und mit dem ich das Weitere überlegen werde." Werner nickte zustimmend. „Es wird Zeit, daß ich mich zum Bahnhofe begebe. Gute Nacht, Herr Baron. Ich hoffe, daß meine Depesche in anderthalb Stunden in Ihrem Besitz sein wird." Hugo begab sich gleichfalls hinunter in den Schloßbof. wo sein Wagen auf ihn wartete und trat unverzüglich den Rückweg an. Als er heimtam, erkundigte er sich bei dem Bedienten. der ihm den Ueberrock abnahm, ob Besuch im Salon sei. Der Diener schüttelte den Kopf. „Es ist Nie rnand da, nur der Pfarrer Weber, den die Gnädige haben rufen lassen." Hugo preßte die Lippen aufeinander, die Sache, die er zu hintertreiben geschworen hatte, war demnach bereits eingeleitet, der Kampf zwischen Mutter und Sohn hatte begonnen, doch hoffte er mit Zuversicht, nicht zu unterliegen. Wenn nur erst die Depesche da wäre! — In brennender Ungeduld ging er im Zimmer auf und nieder, seine Erregung ließ ihn nicht ruhen. Er hatte dem Diener gesagt, daß er eine Depesche erwarte, um zu verhüten, daß dieselbe irrthümlicherweise seiner Mutter zukomine und er horchte auf jedes Oeffnen der Hausthürc, auf jeden Tritt, der auf der Stiege laut ward. Endlich, neun Uhr war bereits vorüber, da ward an der Hausglocke gezogen, unwillkürlich eilte er zur Zimmerthüre und stand dort, lauschend auf die Schritte, die jetzt näher und näher kamen, es war der Diener, der ihm das so heiß ersehnte Telegramm brachte. Er riß es auseinander und athmete wie erleichtert auf, es enthielt, wie vereinbart, nur zlvei Worte „Gott sei Dank!" flüsterte er in sich hinein, „jetzt hoffe ich, daß es gelingen wird, ohne daß ich das äußerste Mittel anwende." Rasch hüllte er sich wieder in seinen Pelzüberzieher und eilte fort. Die Wohnung des Arztes, an den er sich zu wenden beabsichtigte, lag in der zweitnächsten Straße, in lvenigen Minuten hatte er dieselbe erreicht.