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Der Israelit · 1900-03-22 · Heft 24 (22.3.1900) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 24 (22.3.1900)
Date
1900-03-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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476 Hand nehmen, so werden wir allerdings den kunstvollen Aufbau und die Reinheit und Schönheit der Sprache anerkennen, aber doch über den „dürftigen Inhalt" staunen. Denn wenn wir nach beendeter Lektüre in zwei oder drei kurzen Sätzen das Gelesene wiederzugeben versuchen, so haben wir Mühe, aus dem mit allem Brillantfeuerwert der Rhetorik Vorgetragenen einige packende, fesselnde Gedanken herauszuschälen; ja, oft wird unsere Mühe vergeblich sein. „Die Form hat den Inhalt vollkommen überwuchert," und wenn ein berühmter Diplomat meinte, die Sprache sei dazu da, um die Gedanken zu verbergen, so schienen manche Prediger zu glauben, die Sprache sei dazu da, um mit vielen Worten möglichst wenig zu sagen. Man denke nicht, daß die Abneigung gegen die „Reformhelden" mich ungerecht macht. Ich bin gewiß ein großer Verehrer von Dr. Michael Sachs s. A., von dem mir mein seliger Vater, der sich seiner besonderen Gunst erfreute, oft erzählt hat, daß er auf der Kanzel so feurig und hinreißend gesprochen, wie wir es uns von den gottbegabten Propheten des Alterthums vorstellen. Und dennoch, wenn ich Sachs' gedruckte Predigten lese, kann ich diese Begeisterung nicht theilen (wobei allerdings zu bedenken ist, daß Sachs' Predigten erst nach seinem Tode von einem Freunde herausgegeben worden sind). Ja, ich behaupte, daß wenn Jemand heute eine Sachs'sche Predigt halten wollte, er gar keine Wirkung damit erzielen würde. Es ist eben der Geschmack unserer Zeit ein anderer, ich glaube besserer geworden. Früher berauschte man sich am Wortgepränge, an dem, was ein berühmter deutscher Kanzelredner mit beißendem Spott „die Blechmusik der deutschen Sprache" genannt hat, man erfreute sich an einer „blumenreichen" Sprache, wie man es nannte, und man fand es nicht tadelnswerth, wenn unter der Fülle von rhetorischen Blumen, von Bildern und Redefloskeln, der Inhalt verkümmerte. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern nun ist unser großer Meister andere Wege gewandelt. Er war ein Feind jeder Künstelei, er haßte alles überflüssige Wortgevränge. Niemals hörten wir aus seinem Munde eine Phrase, niemals hat er einen Gedanken in zwei Formen dargestellt, wenn ihm eine Fassung genügend erschien. Der Rabbi war auf der Kanzel ein echter Volksredner, dessen Worte, schlicht und einfach, zu Herzen gingen, weil sie von Herzen kamen. Oft sprach er mit köstlichem Witz und mit beißender Satyre, und nicht selten bemächtigte sich unwiderstehliche Heiterkeit seiner Zuhörer, wenn er die Auswüchse des modernen Judenthums mit scharfen, treffenden Worten geißelte; wenn er z. B. von der „Confirmation" redete, dieser einzigen „posttiven" That des Reformjudenthums, wenn er mit bitterer Ironie davon sprach, wie man den Kindern wieder und immer wieder die jüdischen „Glaubenslehren" beibringe: „ich glaube, daß Gott Gott ist, ich glaube, daß Gott edel ist, ich glaube dieses und ich glaube jenes," während man dasjenige, was das Wesentliche am Judenthum ist, seine „Pflichtenlehre," nur nebenher oder gar nicht darlege, iveil die Lehre selbst sie nicht beobachten, weil sie die Kinder in dem Wahne erziehen, als ob der Jude seiner Aufgabe genüge, wenn er jüdische Wahrheiten anerkenne, Wahrheiten, die seine Lippen sprechen und die ohne Einfluß auf sein Leben bleiben, während die Mizwoth vergessen werden, die den -Kern unserer Religion bilden. So haben die Predigten unseres Rabbi das Beispiel gegeben, mit der übertriebenen Künstele! zu brechen, sie lehrten Rückkehr zur natürlichen Redeweise, zur einfachen Art des Vortrages, sie gewannen vor allem wieder den Vorrang für den Inhalt gegenüber der Form. In Bezug auf den Inhalt nun haben die Predigten unserers Rabbi noch viel mehr bahnbrechend gewirkt. Er war wohl einer der ersten, zeitgenössischen, akademisch gebildeten Rabbiner, die zum alten Maggidus zurückkehrten, die den Midrasch und die Auslegungen des Talmud meisterhaft erklärt, ihren Zuhörern zugänglich machten. Wohl niemals hat er eine Predigt gehalten, ohne die Worte unserer Weisen, wie sie in Midrasch und Gemora niedergelegt sind, zu benutzen und dadurch seiner Rede ein ganz eigenthümliches Gepräge zu geben. Heinrich Heine vergleicht die Hagada mit hängenden, schwebenden Gärten, voll von Blumenduft, unsere Weisen selbst vergleichen sie mit dein Most, mit dem edlen Wein. Ja, wie der Wein des Menschen Herz erfreut, so erquicken die hagadischen Auslegungen unserer Weisen das Gemüth, sie sind, wie die Alten treffend bemerken 2^>n "ptrct:. Unser Rabbi hat uns gelehrt, die schönen und tiefsinnigen Erzählungen im Midrasch und seine oft seltsam und räthselhaft scheinenden Auslegungen zu benutzen, sie richtig zu verstehen und zu erläutern, und immer stellte sich die Nutzanwendung für die Gegenwart, der -2w ungezwungen ein. Ich erinnere mich noch mit Dankbarkeit, wie unser großer Rabbi, besten Größe darin bestand, daß er auch dem Kleinsten Zeit und Aufmerksamkeit widmete, mir, als ich, 19 Jahre alt, meine erste Predigt hielt, einige schöne Midraschstellen zu der Sidra Paraschath Noach zeigte und erklärte; und diejenigen, die mit mir zugleich studirten, werden sich noch mit Vergnügen erinnern, wie der Rabbi uns eine Zeit lang Midrasch-Deutungen vortrug. Mit dieser Rückkehr zum Midrasch „hat unser Rabbi der Predigt ihren jüdischen Charakter zurückerobert." Er hat das Rechte getroffen. Die Zuhörer wollen keine Phrasen, keine Rhetorik, sondern nim '12-? hören; und nichts vermag noch heute, ebenso wie es vor Jahrhunderten der Fall war, die Zuhörer so zu fesseln, wie die Gleichnisse, die Erzählungen und die Erklärung eigenthümlicher Auslegungen unserer Weisen im Midrasch und Talmud, sie erfreuen heute noch das Herz des Jehudi wie in den Tagen der Vergangenheit. Der Mund, der uns so oft in scheinbar unverständlichen Aussprüchen die Weisheit unserer Weisen nachgewiesen hat, ist verstummt im Tode. Allein die xiv: sagt: reo njneir "c“ a-nntt? csn -r'aSr. ^2 *2pn rnssH iwrer nn oSiy; ' ■ n in-rüfflhiiii a

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