Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 23 (19.3.1900)
- Date
- 1900-03-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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464 Feuilleton gl ad? einer wahren Zä e g e b e n l) eiL. i"J Von Friedrich IKoit. Der Baron erröthete und preßte einen Moment die Lippen aufeinander, dann aber erwiederte er mit gewohnter Offenheit. „Allerdings, schon am ersten 'Abend war mir die Abstammung des Kindes bekannt und eben die geradezu staunenswerthe Characterfestigkeit, die das zarte, kleine Wesen bei dieser Gelegenheit an den Tag gelegt, wie es lieber hungerte, als eine Speise zu genießen, die nach seiner Ueberzeugung ihm verboten — das hat mir das kleine Mädchen so werth und theuer gemacht, und —" „Und das Alles erfahre ich erst jetzt! — Du hast mich getäuscht!" — „Bitte sehr, Mama, ich habe Dich nicht getäuscht, von der Consession des Kindes war nie die Rede." „Aber Du wußtest, daß ich es für ein Christenkind gehalten habe — wußtest, daß es Jüdin ist, und hast mich nicht aufgeklärt, — dazu warst Du verpflichtet." „Ich kann diese Verpflichtung nicht anerkennen. Du weißt, liebe Mama, wie der selige Papa über dergleichen gedacht hat und weißt, daß ich der echte Sohn meines Vaters bin, und daß ich alle diese Dinge genau so beurtheile, wie der Papa sie beurtheilt hat, wenn ich auch nicht viel darüber rede. Welche Veranlassung war da für mich vorhanden, Dich über die Consession oder die Nationalität des Kindes in Kenntniß zu setzen? — In meinen Augen haben alle positiven Religionen gleichen Werth," „Nun, so will ich mich einmal auf Deinen Standpunkt stellen. Wenn alle Religionen gleichen Werth haben, weßbalb willst Du mich hindern, das Kind in die Religion aufnehmen zu lasten, die mir als die allein seligmachende gilt? — sprich, weßhalb?" „Weil meine Anschauung nicht die des Kindes ist und weil das Kind überzeugt ist von der Wahrheit des Glaubens, in dem es seine Eltern erzogen haben, und weil es sich in demselben eine solche bewundernswerthe Charakterfestigkeit angeeignet hat und eine geradezu rührende Siindenscheu. — Denke Dir, Mama, so lange das Kind bei Werners ist, hat es noch nichts gegessen, als Brod und Milch und hin und wieder etwas rohes Obst. Sie können ihm Torten und Braten anbieten, es ist nicht zu bewegen, davon zu genießen." Sie zuckte die Achseln. „Echt jüdischer Starrsinn. Wenn Du in der biblischen Geschichte etwas mehr bewandert wärst, als Du es bist, so würdest Du wissen, daß der Herr das jüdische Volk schon damals ein hartnäckiges Volt genannt hat. Und diese Hartnäckigkeit bewährt sich noch heute auch in dem Kinde." „Was meinst Du, Mama, wie gut unfern Arbeitern derartige Hartnäckigkeit zu statten kommen würde, wenn sie sich dadurch des Alkoholgenusses enthalten würden?" Die Baronin lachte, aber es war ein ärgerliches Lachen. „Am Ende erlebe ich's noch, daß Du übertrittst zum Judenthum." Hugo lachte hell auf. „Eine originelle Idee, Mama, in der That höchst originell. Daran habe ich noch nicht gedacht. — Aber Scherz bei Seite, ich gestehe offen, die Religion der kleinen Elsa imponirt mir. — Eine Religion, die ihre Bekenner —" „Genug, genug, um dem .Ketzerglauben ein Loblied zu singen, darum habe ich Dich nicht rufen lassen. - Ich wünsche vielmehr mit Dir zu berathen, wie wir die kleine Heidin am leichtesten los werden. Doch ich habe bereits den richtigen Ausweg gefunden - unsere Berathung ist daher überflüssig geworden." „Du bist also in That entschlossen, den Pfarrer Weber - " Sie neigte bejahend das Haupt. „Der Pfarrer Weber wird in einer Minute aus der Heidin eine Christin machen und Alles ist in schönster Weise geordnet. Ich ärgere mich, daß ich nicht sofort auf diesen einzig richtigen Gedanken gekommen bin, ich hätte uns Beiden diese nicht sehr erquickliche Unterhaltung erspart." Der junge Manu preßte die Lippen aufeinander. Er wußte, daß er nach dieser Richtung hin keinerlei Einfluß aus seine Mutter hatte. Einige Minuten saß er sinnend da, dann fuhr er sich mit der Hand über die Stirn, athmete tief aus und erhob sich. „Wolltest Du mit dem Thee nicht aus mich warten,'liebe Mama, ich habe noch einen Besuch zu machen, es ist möglich, daß ich länger aufgehalten werde." Sie blickte lächelnd zu ihm hinüber. „Das wird ein wichtiges Geschäft sein, vielleicht ein kleines Jeu beim Oberst Lindheim. — Nur nicht zu hoch, Hugo." „Sei unbesorgt, liebe Mama, Du weißt, ich spiele prinripiell nicht hoch." „Bisher habe ich mich in dieser Beziehung allerdings nicht beklagen können." „Ich gebe Dir mein Wort, Du kannst auch fernerhin vollkommen ruhig sein." Er zog ihre Hand an seine Lippen und verließ das Zimmer. Die Baronin blickte ihm kopfschüttelnd nach. „Wie ihn das irritirt, daß das Kind getauft werden soll. — Art läßt nicht von Art — er ist doch ganz wie sein Vater, nur weiß er sich mir gegenüber mehr zu mäßigen." Sie griff nach der Zeitschrift, in deren Lektüre der Besuch des Sanitätsrathes sie unterbrochen, aber es war bereits Dämmerung geworden, sie schellte und der Bediente trat herein, die Jlammen an dem Gaslüster aufleuchten zu lassen.