Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 23 (19.3.1900)
- Date
- 1900-03-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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460 auch unsere Vorfahren, die alten Israeliten, herabgewürdigt. "pB3 bx-iL" r.x B'lLv lman. „Und die Egvpter arbeiteten mit den Söhnen Israels mit unerbittlicher Strenge." Ihre Menschenrechte wurden mit Füßen getreten und ihre edelsten Kräfte in harter schwerer Arbeit aufgerieben und verzehrt. Die Söhne der Patriarchen, die Nachkommen großer, heiliger Ahnen gingen in Knechtesgestalt einher und mußten in den Steinbrüchen Egyptens arbeiten und an den Denkmälern und Pyramiden mitbauen. Es schien den Unglücklichen und Geplagten, als wäre hier eine Rettung, eine Erhebung unmöglich und wehmüthig und klagend riefen sie aus: „Vertrocknet ist unser Gebein, geschwunden ist unsere Hoffnung, wir sind dahin." Aber wie in der Natur, so webt und waltet auch in der Geschichte der Menschen der Geist Gottes. Mitten in die Nacht der Leiden tonte ihnen der Gnadenruf entgegen: vn -nr: BD'*n mb „Ich lege meinen Geist in Euch und Ihr werdet leben." Unsere Vorfahren hatten sich in dem Lande der Knechtschaft den festen, unerschütterlichen Glauben der Väter bewahrt, und als Moses im Namen Gottes kam und die Heilsbotschaft ihnen brachte, fand er bei ihnen Gehör und Verständniß. Der harte, barbarische Druck, der lange Aufenthalt in dem götzendienerischen Lande, hatten nicht vermocht, den Gottesgedanken aus ihrem Herzen zu reißen oder ihn in seiner Reinheit und Lauterkeit zu trüben, nsy rwoii nz ircxr „Und sie glaubten an Gott und an Moses, seinen Diener." Dieser Glaube, der Geist Gottes, der sie beseelte, war der Schutzenael. der Genius, der unsere Vorfahren begleitete und beschützte, und dieser Geist machte sie fähig, das Morgenroth der Freiheit zu begrüßen und später am Verae Sinai ihre große weltgeschichtliche Ausgabe zu empfangen. 71. Jahrtausende waren verflossen, seitdem unsere Vorfahren die egyptische Knechtschaft verlassen und als ein freies, unabhänaiges Volk ihren eigenen Gottesstaat gegründet hatten. Der Tempel war zerstört, der Altar verbrannt und fremde nahmen Jakobs Erbe in Besitz. Gleich Heimatblosen und Verbannten zogen die Bekenner des Judentbums in die Fremde und suchten bald dieses, bald jenes Land auf. Aber nrn nxxv nirgends fanden sie Rübe und Rast. Alle Mächte auf Erden, Bosheit und Tücke. Haß und Neid, hatten sich verbunden, ihnen das Leben zu verbittern und tausend Folteraualen täglich zu bereiten. Gewiß, unfern Vorfahren war in jenen verbängnißvollen Tagen gar traurig zu Muthe und gar oft kam wohl die Klage über ihre Livven: „Vertrocknet ist unser Gebein, geschwunden ist unsere Hoffnung, wir sind dahin!" — Aber wiederum drang der alte, liebevolle Ruf an ihr Dbr: emm cbb m*i *nrn „Ich lege meinen Geist in Euch und Jbr werdet leben." Wie die Sterne am Himmel, je finsterer die Nacht ist, desto heller und freundlicher strahlen, so meinte sich auch gerade unter jenem harten Druck am schönsten und am reinsten der jüdische Charakter. Nirgends sah man eine solche Liebe und Treue, wie in den jüdischen Häusern. Der Vater in Israel ertrug alle Leiden und Beschwerden init hingebender Geduld und arbeitete die ganze Woche über, um Weib und Kind zu ernähren und sein Haus in Ehren zu erhalten. Die Mutter schaltete und waltete wie ein guter, milder Engel im Kreise ihres Hauses und war sich ihrer hohen, edlen Pflichten stets bewußt. Und die Kinder wiederum blickten mit Ehrfurcht und Dank barkeit zu den Eltern empor und kannten kein höheres Streben, als ihr Herz zu erfreuen und ihre Lebenstage zu verschönern. Das jüdische Familienleben war ja geradezu klassisch und in der Welt berühmt. Und die zweite herrliche Tugend unserer Vorfahren war die tiefe, unerschütterliche Fröm'.nigkeit. Mit welcher Ge wissenhaftigkeit und Treue haben unsere Väter und Mütter die religiösen Vorschriften erfüllt, mit lvelchem heiligen Eifer haben sie die Sabbate und Festtage gefeiert! Der religiöse Glaube ivar der Pulsschlag ihres Herzens,- in dem Aufblick zu Gott und in der Bethätigung der religiösen Vorschriften fanden sie die Freude ihres Lebens, das Glück und das Heil ihrer Zukunft. £ pT i;x f*x 12'vb min nra pjnr» ux dx-v" rcx inTm xn tto tpnpn Israel sprach: „Wir kennen die Kraft der Thora, lvir wissen und fühlen es, daß wir nur durch die siegreiche Kraft der göttlichen Wahrheit bestehen, deßwegen Iveichen wir nimmermehr von Gott — gelobt sei Er — und seiner Lehre." Fragt man: Was ivar es, was unsere Vorfahren in den Tagen des Mittelalters erhielt und die wechselvollen Verhängnisse überdauern ließ? so antworten wir: Es Ivar der Geist Gottes, der Geist der Familienliebe und der Gottesfurcht, der sie beseelte und ihr Herz erfüllte. HI. Die Zeiten sind schöner und besser geworden. Die Scheidewände der Absonderung und sozialen Ausschließung sind gefallen, eine Scheidewand nach der andern. Die Bekenner des Judenthums sind eingetreten in die Reihen der Nationen und wurden, wenigstens in den meisten europäischen Staaten, als gleichberechtigte Mitmenschen, als Bürger anerkannt. Aber das Mittelalter ist dahingeschwunden, doch der Geist des Mittelalters lebt noch heute in unveriuinderter Kraft. Sehet, wir lesen am ersten Tag des Pessachfestes aus dem zweiten Buche Moses das Gesetz: rnixb mr rnx min BBBinr in „E i n Gesetz sei für den Eingeborenen und für den Fremdling, der in Eurer Mitte wohnt." Auch in unseren deutschen Gesetzesbüchern steht dieses Gesetz, daß alle Menschen, alle Bürger gleichberechtigt sind und daß das religiöse Bekenntniß keinen Einfluß habe auf den Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte. Aber wie wird dieses Gesetz im Leben gehandhabt und ausgeübt? Bei der Besetzung der staatlichen Aemter und Posten fragt man nicht blos nach der Tüchtigkeit des Charakters und nach der Gediegenheit des Wissens, sondern oft ist die Frage entscheidend: Welcher Religion und Confession gehörst du an? Unfern Kindern werden tausend Hindernisse und