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Der Israelit · 1900-03-15 · Heft 22 (15.3.1900) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 22 (15.3.1900)
Date
1900-03-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
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"ll:; -l f!MW^WWWWW 44<J itjrc ganze Vergangenheit, und thaten, als ob sie nie auf den Namen Reformjuden gehört hätten; sie nannten und nennen sich liberal! Und die gutmüthige, immergrüne „Allgemeine" plaudert ganz treuherzig ihre geheime Sehnsucht aus, die Liberalen sollen sich wieder Reformer nennen! Das wird noch geraume Zeit frommer Wunsch bleiben. Heute ist alles liberal. Aber nicht nur nach außen, auch nach innen hat das Berliner Reformjudenthum Fiasko gemacht. Der vom Vorstande und Repräsentanten Jahre und Jahrzehnte lang geübte Terrorismus rief endlich in den breiten Schichten der Wähler und Steuerzahler den unvermeidlichen Gegendruck hervor. In Folge einer tiefgehenden allgemeinen Agitation fingen die fast erblichen Sessel unserer Gemeindewürdenträger zu wanken und zu fallen an, neue Elemente zogen in unsere Gemeindeverwaltung ein, die — „Orthodoxen!" Es sind natürlich nur Orthodoxen mit Gänsefüßchen. Wie sich die Berliner Reformer Liberale nennen, so haben sich unsere officiellen Gemeinde-Orthodoxen die Bezeichnung „Eonseroative" beigelegt. Sie haben erst kürzlich in der sehr erregten Repräsentantensitzung am 4. Februar von Landgerichtsrath Löwe den Vergleich mit den Orthodoxen ehrlichen, alten Schlages über sich ergehen lassen müssen, der gar nicht zu Gunsten der Conservativen ausfiel. Damals wurde es ihnen klipp und klar gesagt, daß jene Orthodoxen, auf deren Betreiben 1823 die Gotteshäuser durch die Polizei geschlossen wurden, wegen Einführung deutscher Gebete, weit über denen ständen, die sich heute so nennen. „Jene hätten wenigstens das, was sie vertraten, auch für ihre Person gehalten. Aber was hielten denn eigentlich noch die orthodoxen Mitglieder dieser Versammlung? Sie predigen öffentlich Wasser und trinken heimlich Wein!" Diese bittere Pille mußten die orthodoxen Kollegen ruhig hinnehmen, was sie ganz gewiß nicht gethan, wenn sie etwas darauf zu erwiedern hätten. Andererseits darf man nicht verkennen, daß bei der Lage der Dinge selbst das Vorhandensein bloßer Trutz-Orthodoxen in dem hiesigen Gemeindegremium eine Errungenschaft ist, die man sich vor zehn Jahren noch nicht hätte träumen lassen. Ihre bloße Existenz ist ein entschiedener Fortschritt und das zweifellose Symptom einer Wendung zum Bessern. Und wenn sie nur die Rolle des Hechtes im Karpfenteich hätten, so möchten wir ihre Anwesenheit in unserer Gemeindestube nicht missen. Sie sorgen doch dafür, daß ein wenig Leben in die Bude kommt, wenn die sogenannten Geister in der Hitze der Debatte aufeinander stoßen. Unsere Liberalen machen es ihren conservativen Antipoden auch zu bequem, sich bei jeder Gelegenheit als Schirmvögte der Orthodoxie aufspielen zu können. Die zum großen Theile getauften Erben des Reichstagsabgeordneten Bamberger haben der Gemeinde einen Betrag von 10,000 Mark für Unterrichts¬ und Bildungszwecte testirt, daran aber die Bedingung geknüpft, daß kein Kind von den Beneficien dieser Stiftung einen Genuß haben dürfe, welches noch jüdischen Religionsuntericht genießt!! Es ist nun köstlich, die liberalen Eiertänze anzusehen, die da aufgeführt werden, um diese Ungeheuerlichkeit zu rechtfertigen und es ganz selbstverständlich zu finden, daß eine jüdische Gemeinde eine solche Stiftung annimmt und verwaltet. Wer da nicht mittanzt, ist schon orthodox, und die Tänzer hatten natürlich die Majorität. Dieser Hohn auf das Judenthum und seine Sanktionirung durch die größte jüdische Gemeinde Deutschlands war denn doch unseren sonst sehr friedseligen Conservativen zu bunt. Ihre Minorität beschwerte sich bei der zuständigen Behörde, und sie wurde deßhalb bereits vom Minister in einer Weise empfangen, die hoffen läßt, daß die bis jetzt ausgebliebene landesherrliche Genehmigung auch für die Zukunft nicht erfolgen wird. Daß eine christliche Aufsichtsbehörde jüdischer fühlt, als die Berliner jüdische Gemeindeverwaltung, das ist eine Schlappe, für die auch unsere liberalen Reformheiligeu noch einige Empfindung haben. Es kam in Folge dessen zu Auseinandersetzungen, die an Schneidigkeit und Heftigkeit nichts zu wünschen übrig ließen. In der Sitzung vom 4. März war es eine ähnliche Angelegenheit, welche die Gemüther erhitzte, die „Frage des Sonntagsgottesdienstes." Man braucht wiederum noch nicht ultra-orthodox zu sein, wenn man sich bei der Alternative: Hie Sabbat! Hie Sonntag! für den erstereu entscheidet. Man muß aber andererseits schon ganz bedenklich nach der Reformgemeinde in der Johannisstraße hinneigen, die seit ihrem Bestand statt den Sabbat, den Sonntag feiert, wenn man einem apparten Sonntagsgottesdienst das Wort redet. Der tiefgehende principielle Gegensatz zwischen diesen beiden Anschauungen war es jedoch nicht, der in dieser Sitzung ausgefochten wurde. Er wurde kaum gestreift. Es war nur eine Etiquettenfrage, ein häuslicher Zwist zwischen Vorstand und Repräsentanten, wobei das Unerhörte geschah, daß ein Antrag des Gemeindevorstandes abgelehnt wurde. An der Heiligkeit des Sabbat zu rütteln, das ist in unserer Gemeindeverwaltung nicht so unerhört. Aber an der Heiligkeit, Unantastbarkeit und Unfehlbarkeit des Gemeindevorstandes! Der geneigte Leser wird es begreiflich finden, wenn sich meine Feder zu schwach fühlt, dieses Sakrilegium gebührend zu schildern, und ich es daher jedem Einzelnen überlasse, sich die Situation auszumalen. Dabei liegt noch so viel Zündstoff umher, daß wir soviel Explosionen als Versammlungen zu gewärtigen haben; es wird sich also bald wieder Veranlassung bieten, auf den Gegenstand zurückzukommen. '' irliHiMt

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