Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 22 (15.3.1900)
- Date
- 1900-03-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449049-2449071--50279-2500720- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
41. Jahrgang. «rste S m M 22 des „Israelit". Leitender Artikel. Berliner Brief. Berlin, 14. März. m officicMeit jüdischen Ber - 1 i n rumort'S ein lvenig. Vorstand und Repräsentanten der Gemeinde liegen sich in den Haaren. Natürlich nur im bildlichen Sinne, was bei dem bescheidenen Haarwuchs vieler unserer Gemeindewürdenträger um so lveniger gesagt zu werden braucht, als das Gericht erst kürzlich viel dreschflegelhafteren Kraftausdrücken des Herrn Grafen Pückler die Bildlichke^ milderndes Moment zuerkannte. Dieser streitbare bildlich sprechende Herr hat seinen jüngsten Vortrag mit den geschmacknnd gemüthvollen Worten geschloffen: Haut auf die Juden, daß die Fetzen fliegen, Daß sie all' die Kränke kriegen. Indem das Gericht diese Rohheiten in bildlichem Sinne auffaßt, hat es sich um die Redefreiheit in hohem Maße verdient gemacht. Für eine Darstellung der kleinen Scharmützel zwischen Vorstand und Repräsentanten brauche ich jedoch von dieser Redefreiheit keinen Gebrauch zu machen. Es fliegen noch keine Fetzen. Wenn sich das Geplänkel zwischen den beiden Körperschaften nicht seit den jüngsten Wochen in jeder Sitzung wiederholt hätte, lohnte es nicht, davon zu sprechen. Aber die beiderseitige Gereiztheit steigert sich so zusehends von Sitzung zu Sitzung, daß sie chronisch zu werden verspricht. Bevor ich auf die Anlässe dazu eingehe, muß ich eine allgemeine Bemerkung vorausschicken. Wer sich je einmal in das Paragraphen-Labyrinth des preußischen Judengesetzes vom Jahre 1847 vertiefte, dem hat derjenige Theil, der über die Abgrenzung der Competenzen von Vorstand und Repräsentanten handelt, gewiß wie niir ein Kopfschütteln abgerungen. Ich zweifle sicherlich nicht an der legislatorischen Weisheit und dem guten Willen der Herren, die vor mehr als einem halben Jahrhundert diesem Gesetz Gevatter gestanden. Aber die completteste Beschränktheit und der vollendet schlechteste Wille hätten es nicht besser anfangen können, wenn sie nach Mitteln und Wegen gesucht hätten, um Streit und Hader bei den jüdischen Gemeinden in Permanenz zu erklären. Die Rechte und Pflichten, die Competenzen und Befugniffe beider Verwaltungskörper sind darin so verklauselirt und verparagraphirt, daß eine große Kunst und viel guter Wille jeder dieser Behörden dazu gehört, nicht in den Rayon der anderen überzugreifen. So lange noch das offizielle Berlin als Hochburg des bankerotten Reformjudenthums sich gerirtc, ivaren die guten Seelen einig, sie mochten Repräsentanten oder Vorsteher heißen. Die ganze Verwaltung ivar ein einziger Vernichtungskampf gegen das historische. von den Vätern überlieferte Judenthum, und es waren höchstens untergeordnete strategische Differenzen über die beste Führung dieses Kainpfes, die aber bei der principiellen, allgemeinen Einmüthigkeit kaum diesen Namen verdienten. Das ist nun seit einigen Jahren anders geworden. Das officielle Reformjudenthum ist so vollständig abgewirthschaftet, daß seine eigenen Anwälte es aufgeben und seine Taufpathen selber es verleugnen. Sie nennen sich heute „liberal" und thun so, als ob es außerhalb der Johannisstraße nie Reformjuden gegeben habe. Ihr die „Allgem. Zeit, des Judenth.", hat ihnen zwar den Rath gegeben, sich „Reformer" zu nennen, aber sie haben diesen hochweisen Rath bis jetzt nicht befolgt. Die genannte Zeitung muß die jüngsten Jahrzehnte lang verschlafen haben, wenn sie eine solche Unbegreiflichkeit dem Gehege ihrer weisen Lippen entsteigen läßt. Als das Reformjudenthum noch in den Kinderschuhen steckte, half man ihm auf die Beine und hob es in den Sattel mit der ausgesprochenen und unausgesprochenen Versicherung: wenn man erst auf anständige Weise sein Judenthum los werde, werde man auch das alte, eingefreffene Rischus los, wenn der Mantel der absonderlichen religiösen Satzungen falle, so folge der Herzog der sozialen Scheidewände von selber nach. Man >var wirklich bereit, sein Judenthum zu opfern — oder zu reformiren, wie man das beschönigend nannte — um für die Judenheit politische und gesellschaftliche Vortheile zu erschachern, man nahm keinen Anstand, unser altes, von Gott verbrieftes Erstgeburtsrecht hinzugeben und das Linsengericht bürgerlicher Gleichstellung dagegen einzutauschen. sJiiin kam die Sache aber etwas anders, als die reformjüdischen Handelsjuden es sich dachten. Ihr Judenthum wurden sie los, aber die erträumte faktische Emancipation und Assimilation blieb nicht nur aus, sondern man erklärte ihnen kurz und bündig in allen Tonarten: den religionslosen Juden, nicht den treu zu ihren Idealen stehenden Orthodoxen gelte der ganze Judenhaß! Das war hart für so zartbesaitete Reformjudengemüther, um so härter, als kein Reformer und kein Orthodoxer an diese antisemitischen Verlogenheiten glaubte. Aber das stand fest: der eingeschlagene Weg war verfehlt, alle Liebesmüh umsonst, die Reform führte nicht in das Himmelreich auf Erden, das ihnen so lange als luftige Lntn mvvß'nun vorgeschwebt hatte. Was war da zu thun? Was? Zifecisti nega! Sie verleugneten sich selbst.