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Der Israelit · 1900-03-15 · Heft 22 (15.3.1900) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 22 (15.3.1900)
Date
1900-03-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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4 36 welche er und seine Frau bei dem patrotischen Werke der letzten Monate geleistet haben. Besonders die Geldsammlungen sind von dem Ehepaar ungemein gefördert und allein für den südafrikanischen Flllchtlingsfonds durch ihre Vermittelung mehr als 170,000 Mark zusammengebracht worden. — Im Tablet dauert die Disrustion zwischen dem Chiefrabbi und Mr. Kenyon, dem Partisan der Blutbeschuldigung, fort. In der letzten Nummer des stramm-katholischen Organs hatte Kenyon seine Hypothese unter Berufung auf einen anonymen österreichischen Priester aufrechterhalten, der ihm gesagt haben sollte, daß die Juden in Böhmen häufiger Blutmorde begehen. Jetzt widerlegt der Chiefrabbi den Verläumder an derselben Stelle in glänzendster Weise unter Bezugnahme auf die Arbeiten von Pater Thurston und Prof. Strack. — Viel Aufsehen macht die kürzlich erfolgte Aufnahme des Oberrabbiner Dr. Adler in den Athenäum- Club, weil sie ohne Ballotage stattgefunden hat. Dieser Modus bedeutet eine ganz ungewöhnliche Auszeichnung, die jedes Jahr nur neun besonders ausgezeichneten Personen bewilligt wird. Personalien. <■ Sarl-rrrhe Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben unterm 2. März d. I. gnädigst geruht, den außerordentlichen Professor Dr. Zacharias Oppenheimer an der Universität Heidelberg zum Hosrath zu ernennen. Feuilleton Wach einer wabrerr WegebenHeiL. V Von Friedrich Noll. „Ich darf ja nicht, weil die Tante kein Jude ist." „Was faselst Du? — Die Tante ist ein Jude?" „Nein, ich sage doch, weil die Tante kein Jude ist." „Aber was kümmerts Dich, was die Tante ist? — Und wenn sie ja ein Jude wäre?" „Dann würde ich wohl die Suppe essen und das Fleisch auch—" „Herr Gott, Mädchen! was bist denn Du?" „Ich bin eine Jüdin," erwiederte sie, ihn unbefangen anlächelnd. „Ein Judenkind bist Du!" schrie er, wie von Ekel erfaßt, mehrere Schritte zurückweichend, „und zu einem Judenmädchen, zu einer von der Straße aufgelesenen Judendirne wagen Sie mich rufen zu lasten?" Frau Werner, an die diese Worte gerichtet waren, wechselte die Farbe. „Herr Sanitätsrath vergessen, daß nicht ich, sondern daß die Frau Baronin Sie hat rufen lassen zu dem Kinde, das auf Befehl der Frau Baronin in meiner Pflege ist — und das mein liebes, braves Kind, mein Herzblättchen ist," fügte sie hinzu, indem sie den Arm um die Schultern des kleinen Mädchens legte, das durch das barsche Benehmen des Arztes erschreckt, wie Hilfe suchend zu ihr emporschaute. „Verfluchte Judenbrut!" grollte der Sanitätsraty, „überall nistet sie sich ein!" Noch einen wüthenden Blick warf er auf die kleine Patientin, dann verließ er das Zimmer und schlellderte die Thüre, daß sie donnernd in's Schloß fiel. „In die Kaiserstraße, zur Baronin Waldstein," rief er dem Kutscher zu, indem er in den ans ihn wartenden Wagen stieg. „Was die Baronin für Augen machen wird!" niurmelte er vor sich hin, „ein solcher Betrug! —Es ist unerhört! — Und diese Frechheit von der Werner! — Nachdem sie doch nun gehört, mit wem sie's zu thun hat, die Brut noch ihr Herzblatt zu nennen. — Auch das muß die Baronin erfahren, sie muß ihre Leute kennen lernen. Für einen guten Christen habe ich den Verwalter freilich nie gehalten — der verstorbene Baron hatte einen Narren an ihm gefressen — gleich und gleich gesellt sich. Aber jetzt. — Baron Hugo ist ganz so wie sein Vater, aber vorläufig hat er noch nichts dreinzureden, der Grünschnabel —" Unter diesen und ähnlichen Selbstgesprächen hatte er die Wohnung der Baronin erreicht und verließ den Wagen, rascher, als es sonst seine stets würdevolle Haltung zuließ, schritt er die Stufen hinan, die zur Belle- Etage führten. „Frau Baronin zu Hause?" „Die Gnädige befinden sich im kleinen Salon," versetzte der Bediente, der die Thüre der Wohnung geöffnet hatte und eilte dienstbeflisten voraus, seine Herrin von der Anwesenheit des Hausarztes in Kenntniß zu setzen. Dieser folgte ihm auf dem Fuße. Die Baronin nickte ihm freundlich zu und streckte ihm ihre schmale weiße Hand entgegen. „Willkommen, lieber Freund! Was verschafft mir zu dieser ungewohnten Stunde das Vergnügen Ihres Besuches? — Es ist doch draußen in der Villa nichts geschehen?" Der Sanitätsrath zog die Hand der Dame an seine Lippen, dann ließ er sich ihr gegenüber in ein Fauteuil nieder. „Hm," entgegnete er achselzuckend, „geschehen ist draußen eigentlich nichts — aber" „Das Kind ist doch nicht gestorben?" rief die Baronin erschreckt. Der Sanitätsrath hob abermals die Schultern. „Hm, gestorben ist es nicht — aber in gewisser Beziehung ist es ärger als todt." „Sie sprechen in Räthseln," entgegnete die Dame, unmuthig den Kopf schüttelnd, „haben Sie die Güte, mir kurz und bündig zu sagen, was draußen vorgeht."

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