Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 22 (15.3.1900)
- Date
- 1900-03-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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„Nichts geht draußen vor." crwiederte er, „ich habe nur eine ganz merkwürdige, eine höchst seltsame Entdeckung gemacht. — Die Gnädige sind hintergangen worden, in einer Weise, so unerhört! — Die engelgleiche Güte der Frau Baronin ist mißbraucht worden in solch' unerhörter Weise —" „Wer hat mich hintergangen? ----- Wer hat meine Giite mißbraucht?" rief sie erregt, „um's Himmelswillen, reden Sie deutlich!" „Die Sache ist so horrend, daß ich kaum einen Ausdruck dafür finde. -- Wißen Frau Baronin, wen Ihre unvergleichliche Mildherzigkeit in liebevollsten Schutz genommen hat?" „Sie meinen das kleine Mädchen draußen bei der Werner?" „Ich meine die Dirne, die die Gnädige von der Straße aufgelesen haben, um derentwillen ich seit einer Reihe von Wochen in Wind und Wetter hinaussahren mußte —" „Mein Sohn interessirt sich so sehr für das Kind," sagte die Baronin, ivie entschuldigend, „und es ist ja auch ein schönes kleines Mädchen „Degustibusnon 68t clisputulickum/'entgegnete der Sanitätsrath, den dicken Kopf wiegend, „aber wißen die Gnädige, daß das schöne kleine Mädchen eine Judendirne ist?" „Um's Himmelswillen!" rief die Baronin, die Hände zusammenschlagend, „eine Judendirne? — Woher wissen Sie's? — Wer sagt das?" „Sie selbst — die Dirne selbst — und hat in ich dabei noch mit unvergleichlicher Frechheit angelacht." „Unerhört!" rief die Baronin, „unerhört! — Ich weiß mich kaum zu faßen — wer das gedacht hätte!" „Bon dem Judenvolk ist eben Alles zu erwarten. Noch in den Windeln, fangen sie schon an zu betrügen." „Ich kann es nicht glauben! — Dieses unschuldige Gesichtchen, diese hellen Haare —" „Betrug, nichts als Betrug!" — „Ich kann es nicht glauben! — Da muß ein Mißverständniß obwalten." „Jedes Mißverständniß ist ausgeschlossen. — Doch wenn Frau Baronin mir nicht glauben —" Mit beleidigter Miene war der Sanitätsrath aufgestanden, auch die Dame hatte sich erhoben. „Aber lieber Freund, Sie werden doch nicht glauben, daß ich in Ihren Worten auch nur den geringsten Zweifel hege. Aber Sie werden Zugeben, die Sache klingt unglaublich — und mir. mir soll das geschehen!" — Er nickte zustimmend. „Das habe ich auch gesagt." „Und was sagt der Verwalter und seine Frau?" „Ihn habe ich nicht gesprochen, aber sie hat sich auch höchst frech benommen, hat die Dirne umarmt und sie ihr Herzblatt genannt." Die Baronin schüttelte mißbilligend den Kopf. „Ein Judenkind ihr Herzblatt — das hätte ich der Person doch nicht zugetraut. Aber was läßt sich jetzt thun?" Er zuckte die Achseln. „Daß ich mich um die Judenbrut nicht weiter kümmere, ist wohl selbstverständlich." „Gewiß, gewiß, so etwas werde ich Ihnen doch nicht zumuthen — aber —" „Entschuldigen Frau Baronin, ich erinnere mich soeben, daß ich zu einem Consilium erwartet werde — die dumme Geschichte hat mich ganz aus dem Conzept gebracht." Er zog die Hand der Baronin an seine Lippen und empfahl sich, die Baronin ging in ärgerlicher Stimmung im Zimmer aus und nieder. „Eine dumme Geschichte ist es, darin hat er recht. — Aber er hätte mir doch rathen können, was jetzt zu geschehen hat. Ich habe mich der Stadt gegenüber verpflichtet, für das Mädchen zu sorgen — freilich, unter einer falschen Voraussetzung. Wenn ich es nur erst wieder los wäre. Ob ich es vorläufig in's Hospital schicken könnte? — Wenn nur der Sanitätscath nicht so eilig davon gerannt wäre. Ich muß mit Hugo sprechen, er muß sich informiren, wie sich die Geschichte am einfachsten abwickeln läßt —" Sie drückte an den Schellenknopf, der Bediente trat in's Zimmer. „Ist der Herr Baron zu Hause?" „Der Herr Baron sind soeben heimgekommen, in diesem Moment die Stiegen hinaufgegangen." „Sagen Sie meinem Sohn, ich ließe ihn bitten, sich zu mir zu bemühen." Der Diener entfernte sich, gleich darauf trat Hugo in das Zimmer. Er zog vor allem die Hand der Mutter an seine Lippen. „Du hast befohlen, liebe Mama." „Nicht befohlen, mein Sohn, ich habe Dich ersuchen laßen, denn ich habe eine Angelegenheit mit Dir zu überlegen — und zwar eine höchst fatale Angelegenheit — " „Pardon, Mama, daß ich Dich unterbreche. Ich habe soeben den Sanitätsrath in den Wagen steigen sehen, ohne Zweifel war er bei Dir, weißt Du nicht, wie es dem Kinde draußen geht?" Die Baronin kräuselte verächtlich die Lippen. „Danach habe ich wirklich nicht gefragt — übrigens sei unbesorgt, Unkraut verdirbt nicht." „Mama!" rief Hugo erglühend. „Ruhig, ruhig, mein Sohn, ich begreife Dein Erstaunen, mich diesen Ausdruck in Bezug auf das Mädchen gebrauchen zu hören, das ich bisher in liebevollster Weise protegirt habe. Wie aber wirst Du erst staunen, wenn ich Dir sage, daß dieses hellblonde rosige Mädchen zu dem Auswurf der Menschheit gehört, zu jenen Parias, jenem von Gott verfluchten Volke, mit einem Worte, daß sie eine Jüdin ist!" Hugo zog die Stirne in Falten. „Woher weißt Du das, Mama?" „Von dem Sanitätsratb, er hat es mir soeben mitgetheilt." „Und woher weiß es der Sanitätsrath?" „Von dem Mädchen selbst, das mit beispielloser Frechheit ihm diese Thatsache mitgetheilt hat." Der junge Mann preßte die Lippen aufeinander,