Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 22 (15.3.1900)
- Date
- 1900-03-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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hält den Faden sicher in der Hand und während die Hörer sich weit von dem Gedanken fern glauben, von dem sie ausgegangen sind, stellt er sie plötzlich wieder vor den Ausgang hin, der nun in einem ganz neuen, ungeahnten Lichte dasteht, vor dem alles künstlich heraufbeschworene Dunkel, wie die Nacht vor dem Morgen, geschwunden ist. Aber auf dem Wege dahin hat der Führer, ohne daß seine Begleiter es merken, ihnen so viel Moral in trefflichen Gleichnissen, so viel Wahrheiten in Form überzuckerter Pillen verabreicht, daß Kopf und Herz, Geist und Gemüth, gehoben und bereichert ihren Redner verlassen. Sie haben wirklich etwas gelernt, und sie nennen vielleicht deßhalb die Stätte, an welcher ihnen diese Belehrung wird: „die Schul." Dieses alte Recept wollte ich einmal heute nachahmen, aber ich habe es, wie ich oben sagte, schon verpfuscht, bevor ich beginne. Wenn das erste Kriterium der Maggidim alten Schlages ihre Fähigkeit ist, uns sofort in M6äin8 i'68zu führen, so ist diese Einleitung viel zu groß. Und nur wenn der geneigte Leser im Geiste dasjenige thun will, was ich in Wirklichkeit hätte thun sollen, durch alles bisherige nämlich einen dicken Strich zu ziehen und es als gar nicht vorhanden ansehen zu wollen, habe ich den Muth, mit dem Anfang endlich anzufangen. Den Versuch der Nachbildung einer richtigen, alten Deroscho behalte ich mir aber für ein andersmal vor. Wenn Megillas Esther den Zweck hat, uns für alle Zeit das wunderbare Eingreifen der göttlichen Vorsehung zu veranschaulichen, durch welches die jüdischen Zerstreuten von dem ihnen geplanten Untergang gerettet wurden, dann scheint sofort der Anfang der ganzen Darstellung auffallend, die mit der eingehenden Schilderung des königlichen Gastmahles beginnt. Dieses Gastmahl und seine ausführliche Beschreibung scheint doch in keinem Zusammenhang mit der eigentlichen Tendenz des ganzen Buches zu stehen. Auch ohne diese Schilderung würden wir die ganze Darstellung des Purimwunders begreifen und zu würdigen wissen. Die Frage ist alt und man hat sie schon oft auf mehr oder weniger glückliche Weise zu beantworten gesucht. Eine andere Fraae, die viel wichtiger erscheint, der ich bei den alten Erklärern der Magilla nirgends beaeanet bin, die ich aber bei einem greisen, zeitgenössischen Thoragelehrten fand,*) ist folgende: Haman, der mit Reckt als das Vorbild aller Judenfeinde gilt, hatte die Absicht, sämmtlichen Juden das Leben zu nehmen. Und doch bätte er ihnen etwas nehmen können, was ihnen noch böber steht, als das Leben und seine Güter, das ist ihre Religion, ibr Judenthum. Warum hat Haman dazu nicht einmal den Nersuck gemacht, wie dies z. V. in der Chanukageschichte Antiockus und seine Helfershelfer zu den Zeiten der Makkabäer thaten? Hat doch der Judenhaß aller Zeiten die *) Es ist dies Rabbiner I. Hirscb in Wien (Sechshaus) in seinem Werke N"D Lim ">m "ic. Religion der Juden derart zum Vorwand seiner schwarzen Vernichtungspläne genommen, daß Viele in unseren eigenen Reihen glaubten und glauben, unser Judenthum und die Pflichten, die es seinen Bekennern auferlegt, seien wirklich das eigentliche Motiv des Hasses, den man uns entgegenbrachte und — bringt. Haman hätte doch seinen Haß der Welt viel plausibler machen können, wenn er die „absonderlichen Gesetze" der Juden nicht nur im Vortrag beim König, sondern vor aller Welt zum Gegenstand der Anklage gemacht und daran die Bedingung geknüpft hätte, die Juden müßten entweder von ihrem Gesetze oder von ihrem Leben lassen. Wie konnte einem so findigen Judenfeind diese nahe liegende Erwägung entgehen? W i r wissen ja, daß dieser Vorwand eben nur ein Vorwand ist. Aber das hätte Haman eben so wenig, wie viele andere Judenfeinde vor ihm und nach ihm, zu hindern brauchen, davon Gebrauch zu machen. Wir wissen, daß der Judenhaß eines Laban, Esau und Amalek älter ist. als die sinaitische Offenbarung dieser „absonderlichen Gesetze," daß es also einen Judenhaß gab, bevor die Gesetze gegeben waren, mit welchen man ihn dürftig verbrämt. Es kann daher kaum anders sein: Haman wußte oder glaubte zu wissen, die Juden seiner Zeit hätten eine solche Probe nicht bestanden. Wenn er die Juden Schuschans und sämmtlicher Länder des persischmedischen Weltreiches vor die Alternative gestellt hätte, entweder in den Tod zu gehen oder ihr Judenthum aufzugeben, sie hätten nicht, wie in den Zeiten der Makkabäer, den Märtyrertod, sondern ein durch Verrath und Lüge erkauftes Leben vorgezogen. Woher hatte Haman diese Wissenschaft? Von dem Gastmahl des Königs, zu dem ganz Schuschan mit seinen Juden eingeladen war. Deßhalb leitet die Magilla mit diesem ein, schildert seinen Glanz und Flitter, durch den sich auch die jüdischen Einwohner Schuschans blenden und verlocken ließen, die Speisegesetze ihrer Thora zu verletzen. Wäre den jüdischen Einwohnern der Residenz das Gesetz ihres Gottes höher gestanden, als das bischen Fürstengunst, das sie zur Königstafel zog, so hätte die ganze Katastrophe eine andere Wendung genommen. Dann hätte Haman wie alle andern Judenfeinde über die Juden zunächst die Religionsverfolgung verhängt, aus der wir immer, selbst sterbend, als Sieger hervorgeganqen sind. Aber jetzt war die Lage der jüdischen Zerstreuten in der That eine verzweifelte. Die Gunst ihres Fürsten hatten sie verloren durch die Verleumdunaen seines den Juden feindlichen Kanzlers und die Hoffnung auf den Beistand Gottes hatten sie verscherzt, durch die öffentliche Uebertretunq seiner Gesetze. In diesem Gesetze mag schon damals die Kurzsichtigkeit der Salon- und Hofjuden in Schuschan den Hemmschuh ihrer zeitlichen Wohlfahrt erblickt haben. Viele mögen sich und andere beredet haben, in solchen Zeiten mache man Rischus, wenn man einer königlichen Einladung zur Hoftafel aus Rücksicht für die alten und