Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 21 (12.3.1900)
- Date
- 1900-03-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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«WW» 422 stellen könne nur die strenge arische Rechtlichkeit, für Einnahme des Offiziersranges oder einer anderen höheren militärischen Charge nur die arische Tapferkeit in Betracht kommen. Daher wird von dieser Kategorie von Staat.^Lmtern der Jude prinzipiell ausgeschlossen. Neuerdings werden aber auch die übrigen ihnen noch möglchen Berufe so stark verjudet, daß man auch hier wieder die so leicht zu beseitigende Concurrenz zu fürchten anfängt und allerlei Mittel anwendet, um ihre los zu werden. In den meisten politischen Fraktionen gibt es für ihn keinen Platz mehr; die Studentenverbindungen schließen ihn aus; die kaufmännischen Genossi-nschaften und die Handwerkergilden nennen sich christlich-sozial. Den einzelnen Juden mag man in diesen Kreisen gern zum Freunde haben, weil man allerlei Stützen von ihm verspürt. Daß man den Mordechai allein bestrafe, ist Haman ja auch nicht der Mühe werth; das ganze Volk soll büßen. Vom Salonantisemitismus zweigt sich die andere Art, der Radauantisemitismus ab. Neid, Mißgunst, Scheelsucht und wie alle diese rohen Gesellen heißen, sind seine Entstehungsursachen. Zehntausend Kikar Silber von „der Beute der Juden" verspricht Haman dem König für die Erlaubniß, die Juden hinschlachten zu dürfen. Das Kapital, der Reichthum, den sie in jüdischen, also unbefugten Händen wähnen, drückt ihnen das Programm des Haffes in die Hand. Die rohen, zügellosen Leidenschaften und Laster, die in ihrer Mitte herrschen, macht sie lüstern nach unrechtmäßigem Gut. Kein Wunder deßhalb, wenn wir jeden Tag einen anderen ihrer Fahnenträger in das Zuchthaus wandern sehen. Verfolgen alle anderen Parteien in unseren Gesetzeskammern ein zielbewußtes Streben, so wird ihre Politik wie Spreu von dem Winde hin und her getrieben. Ewige Zersplitterung, nie aufhörende Feindschaft ist daher in ihren Reihen Regel. So viel Anführer, so viel getrennte Parteien. Hier sehen wir Ahlwardt sein kleines Häuflein um sich schaaren, dort einen Liebermann von Sonnenberg an der Spitze einer Clique stehen. Daß sie trotzdem ihre Anhänger finden, darf uns nicht Wunder nehmen. Wer die Unzufriedenheit mit den bestehenden Zuständen auf seine Fahne geschrieben hat, dem fehlt es nicht an Anhang; das lehrt uns der Aufstand Korachs am deutlichsten. Und wenn wir noch einen Beweis dafür brauchten, das rasche Emporblühen der Sozialdemokratie würde ihn uns verrathen. Und mit welchen kleinlichen Mitteln und Ränken arbeiten sie! Alles, was an irgend einem Weltende, nicht allein von einem Juden, sondern auch von ihresgleichen verbrochen wurde, wird hübsch aufgestapelt, fein verarbeitet und zugerichtet, daß es für den antisemtischen Gaumen paßt, denn in dieser Beziehung ist die sonst rohe Clique der Antisemiten Feinschmecker. Nur das Delikateste und Romantischste paßt auf ihren Tisch; Daher die furchtbaren Entstellungen und lügenhaften Gewebe in ihren Organen, daher die immer wieder von neuem ausgetischten Märchen vom Ritualmord, von Hostienschändung und dergleichen in ihren Versammlungen. Reicht doch der Stoff, den die Juden zu ihrer Anklage bieten, nicht aus, warum sollte man daher nichts hinzudichten dürfen? Gilts doch, das Vaterland von einer wahren Landplage zu befreien! Und für das Vaterland hat mancher schon sein Leben hingegeben, warum sollten s i e da nicht in gleichem Interesse — nicht ihr Leben — aber ihre pikanten Witze opfern dürfen! Wie ideal doch der Antisemit ist! Aber gerade in den letzten Jahren wurden wir es inne, wie sich noch eine dritte Art von Antisemitismus von neuem breit zu machen sucht. Es ist die Haltung der Regierung zu den Juden. Noch lebt es in unser aller Erinnerung, wie einer der mächtigsten Staaten im gebildet sein wollenden Europa ungescheut und ohne sein Ansehen einzubüßen, unsere Glaubensbrüder aus dem Lande hinaus ins Elend stoßen durfte. Noch denken wir daran, wie schwer es gehalten in einem Lande, das vor etwa hundert Jahren das Sturmgeläute der Freiheit in die Welt hinaus geschmettert hat, einen Juden von den ehernen Banden zu befreien, mit denen ihn gemeine Niedertracht gefesselt hielt. Die Willkür gegenüber den Juden spielt in der Geschichte fast aller Staaten auch in den letzten Jahren eine bedeutende Rolle. Wir sehen in der Hauptstadt eines anderen Staates den antisemitischen Magistrat, mit dem antisemitischen Bürgermeister an der Spitze, Gesetze diktiren. Aus Rumänien berichten die Tagesblätter von Zeit zu Zeit von gräulichen Judenverfolgungen, in Algerien feiert der Antisemitismus Orgien, und sogar die vereinigten Staaten, das Asyl der Freiheit, den Musentempel der Gleichheit, das goldene Band der Brüderlichkeit, hat Held Ahlwardt zu verpesten gewagt. Doch brauchen wir am heutigen Tage eines anderen Mittels zu unserem Tröste als unsere nVoo Wahrlich, so nahe wie damals in dem Musterstaate Persien, wo man zu einem Massenmorde noch ironisch den Tag auslooste, so nahe schwebt das Schwert des Damokles noch nicht über uns. Sehen wir, wie selbst im Lager der Reform so vieles besser geworden ist, wie die Allgemeinheit nicht mehr wie vor vierzig Jahren, alles in den Koth zieht, und sehen wir dann noch die gewaltige, neuentstandene Bewegung der Zionisten, deren Gründer und erster Förderer seltsamerweise in Wien, der Metropole des Antisemitismus, der Hochburg der judenfeindlichen Sturmfluth, seinen Wohnsitz hat und gleichzeitig auch wieder das allmähliche Sinken der antisemitischen Macht in den letzten Jahren, so fragen wir uns unwillkürlich: „Ist es nicht die Hand Gottes, die hier sichtbarlich gewaltet? Hat nicht der Antisemitismus eine gewaltige Aufgabe im Judenthume zu erfüllen und hat er nicht thatsächlich schon einen Theil derselben gelöst? Was Schiller so treffend in dem Spruche sagt: „Theuer ist mir der Freund, doch auch den Feind kann ich nützen; Zeigt mir der Freund, was ich kann, lehrt mich der Feind, was ich soll."