Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1900-03-12 · Heft 21 (12.3.1900) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 21 (12.3.1900)
Date
1900-03-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2449049-2449070--50260-2500700
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

WWWWWW« 41» Jahrgang. Erste Beilage ju M 21 öfs „Israelit". Sieiten'bcv Artikel. Hilm« in «eimzehlltell Jahrhundert. Non E. Samuel, Lehrer, Äh aus. Das 19. Jahrhundert hat sich in's Meer der Zeiten ergossen. Ein neues Sekulum hat seine Herrschaft angetreten. Hundert Jahre — welche kurze Spanne in der Unendlichkeit, welch' kleine Insel im großen Meer der Ewigkeit und doch welche unendlich lange Zeit im Leben des Einzelnen. Wie viel Freuden und Leiden, Glück und Unglück, wieviel Schmerzen, Kummer und Sorgen, wieviel getäuschte und wie wenig befriedigte Hoffnungen, wie wenig gestillte und wieviel ungestillte Wünsche ruhen selig in seinem Schoße! Doch vorbei ist es, was aber birgt die dunkle Zukunft? Nur Gott, der “vrrt der das Schicksal des Menschen bestimmt, über Wohl und Wehe ganzer Völker beschließt, kennt auch unser Loos. Wir aber wollen nochmals einen Rückblick werfen auf das verflossene Jahrhundert, um seine Lehren zu beherzigen und seine Erfahrungen uns einzuprägen. Wohl wenige der letzten Jahrhunderte sind für das Judenthum und die Judenheit so bedeutungsvoll gelvesen, wie das unserige. Die freieren Anschauungen, die Stichwörter „liberte. tVaternite, £gaHte*‘ von der französischen Revolution unter die Völker geworfen, haben auch ihre Wirkungen in Bezug auf das Verhältniß des Staates zu den Juden nicht verfehlt. Man begann einzusehen, daß auch die Juden Menschen seien, und das stürmische Jahr 1848 brachte uns die langersehnte Freiheit, die bürgerliche Gleichberechtigung. Ruhig sind die nun folgenden Jahre für uns verlaufen. Kein Gewölk trübte die Sonne unseres Glückes, nicht mehr brauchten lvir am Abend den Morgen und nicht am Morgen den Abend herbeisehnen, wir konnten das Schwert aus der Hand legen u. es mit der Elle vertauschen; der Staat übernahm es, uns zu schützen. Aber |tr" föt?‘i Israel wurde übermüthig; Man wollte dem Vaterland auch erkenntlich sein für seine Zuvorkommenheit und glaubte den Dank am besten dadurch auszudrücken, daß man sich allmählich von den jüdischen Gesetzen emanzipierte und Annäherung suchte an die Andersgläubigen, um sich mit ihnen zu assimilieren. Der Reformgedanke trat auf und fand schnell Anhänger in großer Zahl. Alles, was nicht mehr „zeitgemäß" — so lautete das Wort, an dem die Religion gemessen wurde, — war, wurde als unnützer Plunder, bei Seite geworfen und dafür wurden Neuerungen eingeführt. Sobald aber Israel seinen Gott verläßt, erhält es auch seine Strafe dafür. Das hat unsere tausendjährige Geschichte gar oft bewiesen. Die göttliche Strafe blieb auch dieses Mal nicht aus. Es sind nun etwas mehr denn 20 Jahre, da tauchte das Schreckensgespenst „Antisemitismus" in unserem Lande von Neuem auf, und im Nu hatte es sich wieder viele Herzen erobert. Die stürinischen Reformer griffen sich wie aus einem tiefen Schlafe erwachend, an den Kopf. Ihre jahrelange Arbeit, jeden Gegensatz zwischen Judenthum und Christenthum zu verwischen, war also umsonst gewesen, umsonst ihre Buhlerei nach der Liebe der Andersgläubigen. Ihre Enttäuschung war um so ärger, als sich die berüchtigte Feindschaft gerade gegen sie zu richten vorgab, die sich in Kreise hineingedrängt hatten, in die sie nicht gehörten, in denen sie aber sich heimisch zu fühlen glaubten. Manchem von ihnen, der es schon fast vergessen hatte, daß er Jude sei, wurde es von dieser Seite aus unangenehme Weise in's Gedächtniß zurückgerufen. Am heutigen Tage, wo einst der größte Antisemit, den je die Welt hervorgebracht, seine so kunstvoll eingefädelten Ränke und Pläne an dem allgewaltigen Willen Gottes scheitern sah, ziemt es sich wohl, einen Blick auf den modernen Antisemitismus zu werfen, seine bisherigen Erfolge zu betrachten und seine Chancen zu erwägen. Unser Hauptaugenmerk richten wir dabei auf unser Vaterland, nur einen kleinen Seitenblick auf die diesbezüglichen Zustände in andern Ländern werfend. Es ivar etwa in den Jahren 1876 und 76, da erschien ein neuer Haman in Gestalt des Hofpredigers Stöcker. Man bedenke die Stellung, die der Mann inne hatte, und man begreift sofort, wieso seine Ideen in kurzer Zeit ziemlich große Verbreitung annehmen konnten. Wie ein reißender Wildbach mit dem Schlamm und Schutt, den er mit sich führt, das klare, ruhig dahinfließende Wasser trübt, so wurde auch alsbald durch diese rohe Bewegung, die seit dem letzten Kriege rasch forischreitende Kultur in ihrem klaren Fortgange gehemmt. Es bildeten sich alsbald zwei Arten des Antisemitismus, in ihrem Wesen, wie in ihren Wirkungen von einander grundverschieden. Die eine Art ist etwas seiner, sie zählt die haute vol6 die oberen Zehntausend zu ihren Anhängern. Es ist der Salonantisemitismus. Er will dem Juden nichts Böses zufügen, doch wünscht er ihm auch nichts Gutes. Der Jude soll die Stellung, die ihm einmal durch das jahrhundertlange Vorurtheil der anderen Religionen eingeräumt ist, beibehalten. Er möge nickt in ihre Kreise eindringen, die Gesellschaft der Arier nicht mit ihrer Gegenwart belästigen. Die Wahl seines Berufes stehe ihm ja frei; doch möge er diese Hochherzigkeit der Andersgläubigen nicht mißbrauchen. Für Besetzung von Richter- und Anwalt-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.