Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 20 (8.3.1900)
- Date
- 1900-03-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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394 m mmsmmguß zu beweisen, daß er darüber ganz den Nachweis der Verkehrtheit vergißt, die er seinen gesinnungsverwandten Neuerern zuertennt. Der Verfasser reißt dann aus der Thora einige nach seinem Geschmacke zugestutzte Gedankensplitter und stellt sie uns als wahre, große, unvergängliche Leistung der mosaischen Lehre hin, erzählt uns, was Moses noch alles gethan haben würde, wenn er Jahrhunderte oder Jahrtausende sortgelebt hätte und meint, nun wäre uns die Bahn vorgezeichnet. Keine Reform, keine Trennung, beide Richtungen sollen gemeinsam an den Aufgaben des Judenthums Mitarbeiten, das würde der älteren Richtung zwar schwer fallen, aber all das kann uns doch nicht an der Erkenntnis) hindern, daß jede Zeit ihr Recht verlangt. Das Jntellektopser müssen die Orthodoxen bringen, sie brauchen ja auch nur ein bischen treubrüchig und fahnenflüchtig zu werden und ihre Mutter als altersschwach zu verlachen, dann ist das Mittel zur geistigen Hebung des Judenthums gefunden. Auf Grund dieser Anschauung müssen nun Vereine, Gesellschaften und Organisationen gebildet werden, sie muß in den jüdischen Gotteshäusern der ganzen Welt verbreitet, in den Predigten und Vorträgen der Rabbinen und Lehrer zum Ausdruck gebracht werden, dann werden die Klagen über die Leere der Synagogen verstummen und das Judenthum ist geistig gehoben. In Stuttgart, wo es Leute zu geben scheint, die das alles für ernst nehmen und sich daher ein solcher Verein bereits ronstituirt hat, in dem in den letzten drei Jahren von acht Rednern zwölf Vorträge gehalten wurden, in Stuttgart sind die Klagen, mit welchen das famose Hausmeister'sche Rerept einleitet, gewiß längst gegenstandslos geworden. Dort schießen seitdem ohne Zweifel die Frommen und Heiligen — wenigstens die wunderlichen — wie Pilze aus der Erde. Dort wird — von den Vereinsmitgliedern zum mindesten — der Sabbat gehalten, werden die Kinder zur Erlernung des Hebräischen und der Talmud-Studien herangezogen, und den Speise- und anderen Ritualgesetzen die erforderliche Beachtung geschenkt, kurz, an dem dortigen Judenthum müssen die dreijährigen Hebungsversuche sich glänzend bewährt haben, wenn die dortigen Weingärtner des Herrn schon in die Welt hinaus predigen und selbst den russischen Osten mit ihren Heileswahrheiten beglücken möchten! Wie könnte es auch anders als verjüngend auf das Judenthum wirken, wenn unter dem Dutzend Vorträge, welche dieser Verein in dem jüngsten Triennium veranstaltete, z. B. folgende Themata behandelt wurden: „Die Grundgesetze der Naturwissenschaften," „Die Elektrizität in ihrer Erzeugung und Anwendung mit Demonstrationen," „Die materiellen Grundlagen unserer körperlichen und geistigen Kräfte" u. a. m.? Ueber diese Broschüre und den Verein, der ihren Inhalt auf den Schild erhebt, haben wir nichts weiter hinzuzufügen. Es erübrigt uns nur noch, unfern Standpunkt kurz zu präcisiren. Wenn man das Judenthum heben oder in den Sraub ziehen will, so muß man sich vorher über den Begriff „Judenthum" ganz klar sein. „Judenthum ist das, was uns zu Juden macht." So gewiß wir durch Geburt, Abstaminung und Geschichte Juden sind, so getviß erschöpfen sich mit diesen Atomenten nicht die Kriterien, die einen Menschen zum Juden machen. Denn das Judenthum steht jedem Menschen offen, der auch nicht darin geboren ist. Durch Uebernahme von Thora und Mizwoh und die Erfüllung der an den Eintritt sich knüpfenden Bedingungen, kann jeder Mensch Jude iverden. Hier haben wir das Kriterium des Judenthums zu suchen und — zu finden! Diese Wahrheit lvird in der Thora (6. B. M., Eap. 27, B. 1, 9, 10) in folgender Weise ausgesprochen: „Moscheh gebot mit den Aeltesten Israels dem Volke: An euch ist es nun, das ganze Gebot, das ich euch heute gebiete, zu hüten!-Darauf sprach Moscheh und die Priester, die Leviten zu ganz Israel: merke auf und höre Israel: „an diesem Tage bist du zum Volke geivorden, Gott deinem Gotte!" So gehorche denn der Stimme deines Gottes und vollbringe feine Gebote und Gesetze, zu welchen ich dich heute verpflichte." Der Ausspruch, dessen Verständniß und Beherzigung Moses so sehr angelegen sein mußte, war der kurze Satz: „Heute bist du zu einem Volke geworden!" Die gemeinsame Verpflichtung zum Gesetze und für das Gesetz, d i e macht dich zu einem Volke. Heute, nicht erst der bevorstehende Besitz des Landes, der gemeinsame Besitz des Gesetzes macht dich zum Volke. Das Land kann dir verloren gehen, lvie es dir werden wird, aber das Gesetz und deine einige Verpflichtung zu ihm, bleibt dein ewiges unverlierbares Band der Volkseinigung. Diese Israel tief von allen anderen Völkergestaltungen scheidende, das Geheimniß der jüdischen Volksunsterblichkeit in sich bergende Grundthatsache mit allen Consequenzen, die daran sich für Israels Zukunft knüpfen, sie ist es, ivelche den bedeutungsschweren Satz: „Heute bist du zu einem Volke geivorden!" bildet. Die allererste Consequenz daraus ist freilich: V. 10. So gehorche denn der Stimme Gottes, d. i. die noch gesteigerte Treue und Gewissenhaftigkeit in Erfüllung dieses Gesetzes. „Was anderen Völkern Landesverrat ist, das ist fortan für Israel Verrath an dem Gesetze." Diese Consequenz, die der Hirsch'sche Pentateuch- Commentar aus diesem Thoraworte zieht, genügt, um uns über den vorliegenden Fall zu orientiren. Der Deutsche, Franzose oder Engländer, der sein Vaterland verräth, bleibt auch als Landesverräther noch Deutscher, Franzose oder Engländer. Aber es wird keine Partei, keine politische Gruppe darauf bedacht sein, mit solchen Landesverrätern einheitlich sich zu verbinden. Man lvird sich schämen, daß sie den Namen des Vaterlandes tragen, und alle Mittel und Wege anwenden, sie von den Rockschößen zu schütteln. Man wird im Gegen