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Der Israelit · 1900-03-08 · Heft 20 (8.3.1900) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 20 (8.3.1900)
Date
1900-03-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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4U Jahrgang. Erste Beilage zu M 20 aes Israelit“. ü eilender Artikel. Mlrnderliche Heilige. M a i n z, 7. März. Vor einigen Monaten ging uns eine Broschüre zu, ivelche den Titel führt: „Die Mittel zur geistigen Hebung des Judenthums." Ein flüchtiger Blick in dieselbe genügte, um derselben die wohlverdiente Ruhe in unserm Papierkorb angedeihen zu lasten. Sie erhielt dann später mit einer großen Zahl Leidensgenossinnen die übliche, feierliche Feuerbestattung und war längst vergessen, als sie uns dieser Tage wieder von neuem zuging. Diesmal in Begleitung eines gedruckten Circulars und eines an uns gerichteten Briefes vom „Verein für Kulturgeschichte und wissenschaftliche Vorträge" in Stuttgart. Obwohl wir die Broschüre mit dem Respect in die Hand nahmen, den man vom Feuertode Wiedercrstandenen selbstverständlich entgegenbringt, obwohl der herannahende Purim auch den schwarzgallichsten Kritiker für litterarische Produktionen dieses Schlages milder und nachsichtiger stimmt, so ist unser Urtheil doch dasselbe geblieben. Was uns trotzdem veranlaßt, auf das Schriftchen zurückzukommen, ist lediglich der Umstand, den wir bei der ersten Lektüre für unmöglich gehalten hätten, daß es nämlich außer dem Verfasser noch einen zweiten gibt, der die Anschauungen des Verfassers theilt und dieser Art und Weise ihrer Darstellung einen Geschmack abgewinnen könne. Das ist nun allerdings der Fall. Es gibt in Stuttgart tatsächlich einen Verein, dessen aus dreizehn Mitgliedern bestehendes Comitee in dieser Schrift ihr Programm erblickt. Unter diesen Herren befinden sich sogar einige, die einen akademischen Grad besitzen und damit zeigen, daß diese Auszeichnung sich mit einer großen Unkenntniß und falscher, flacher Beurtheilung von Judenthum und Judenheit ganz gut verträgt. Wir schicken voraus, daß uns der Verfasser, Herr Max Hausmeister und die übrigen Comiteemitglieder dieses Vereins völlig unbekannt sind, daß also bei Beurtheilung und Verurtheilung dieser Schrift jede persönliche Voreingenommenheit von vornhinein ausgeschlossen ist. Wir zweifeln nicht daran, daß die Herren von sachlichen, selbstlosen Motiven bestimmt worden und daß es lediglich die vollendete Unkenntniß dessen ist, das sie geistig heben wollen, was dieser Schrift einen so grotesken Zug verleiht. Gerade von Stuttgart aus ist seit mehr als sechs Dezennien das Judenthum in Schrift und Wort, in Lehre und Leben so vielfach von seinen eigenen Anwälten herabgewürdigt und geradezu gefälscht worden, daß wir es als eine Sühne für all diese Verunglimpfungen begrüßen, wenn gerade von dort aus Mittel zur geistigen Hebung des Judenthums gesucht und in Vorschlag gebracht werden. Daß das Judenthum, als göttliche Institution, keiner geistigen Hebung bedarf, daß man ohne Verkennung und Verleugnung des Judenthums nicht von seiner geistigen Hebung auch nur sprechen kann, das alles beanstandeten wir auf dem Titelblatte nicht einmal. Wir glaubten, daß hier wie so oft, eine Verwechslung zwischen Judenthum und Judenheit vorliege. Aber die ersten Seiten dieser Schrift überzeugten uns, daß wir damit doch eine zu gute Meinung von ihr hatten. Herr Max Hausmeister will wirklich das Judenthum heben und auf diese Weise in zweiter Reihe auch die Judenheit. Zu diesem Zwecke hätten wir in allererster Reihe gern erfahren, was das Hausmeister'sche Judenthum eigentlich ist, aber das ist schwer und jedenfalls nur auf Umwegen aus diesen Ausführungen zu ersehen. Wir wollen zunächst in gedrängter Kürze das Wesen dieser neuesten Hebevorrichtung unfern Lesern veranschaulichen. Herr Hausmeister leitet mit der Klage ein, die er seit mehreren Jahren vernommen, daß die Juden den Sabbat entweihen, die Synagoge wenig besuchen, die Kinder nicht mehr Hebräisch und Talmud lernen lassen und den Speise- und anderen Ritualgesetzen wenig Beachtung schenken. Das wird als eine Consequenz des Anschlusses an die Aufgaben und Erfordernisse unserer Zeit dargestellt, ohne daß man sich damit vom Judenthume selbst entferne oder aus demselben ausscheiden wolle. Wenn man sich damit vom Judenthume nicht entfernt, so braucht man die Angehörigkeit zum Judentum bei den so Handelnden auch nicht wieder zu befestigen, was aber Herr Hausmeister trotzdem in Erwägung ziehen zu müssen glaubt. Die Reformen helfen da nicht, aus Gründen, die der Verfasser zu veranschaulichen sucht. Dabei erfahren wir, daß hochgebildete Männer an den Reformgemeknden deßhalb Anstoß nehmen, weil selbst in diesen Gemeinden der Glaube an einen persönlichen Gott die Quintessenz bildet. Diesen Glauben können sie aber nicht teilen, ebenso sind ihre Ansichten von Entstehung und Beschaffenheit der Welt dem Wortlaut der Bibel entgegengesetzt. Deßhalb fühlen sie sich aber immer noch als Juden und haben ein warmes Herz für's Judenthum — wenigstens nach Ansicht des Herrn Hausmeister. Er räumt ein, daß die Orthodoxen glauben, solche Juden neuerer Richtung seien kaum mehr als Juden anzusehen, während die Neuerer glauben, daß eine Verständigung mit der Orthodoxie beim besten Willen nicht möglich sei. Aber das sei beiderseits verkehrt. Daß die Ansicht der Orthodoxen verkehrt ist, sucht der Verfasser mit so breitspuriger Ausführlichkeit

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