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Der Israelit · 1900-03-08 · Heft 20 (8.3.1900) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 20 (8.3.1900)
Date
1900-03-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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390 tung für die zukünftige wissenschaftliche Lebensgestaltung des Judenthums nach. Wir sagen dem Redner besten Dank. T. T. Davos-Platz, Ende Februar. Ein Reisender hat jungst schon Ihre Leser mit dem Kurorte Davos in so lobenswerther Weise bekannt gemacht, daß eine nochmalige Erwähnung seiner Natur- und Heilwunder unnöthig ist. Besonders hat ihn außer den landschaftlichen Reizen die Existenz eines streng-rituellen Hotels ohne die sprüchwörtliche „polnische Wirtschaft" entzückt. Diese Freude wird ihm wahrscheinlich keine Zeit gelaffen haben, zu untersuchen, mit welcher Mühe es Herrn Hirsch gelungen ist, den frommen Juden diese Annehmlichkeit zu bereiten, und welche Kämpfe es ihn jetzt noch kostet, unseren kranken Glaubensgenoffen ein Heim zu erhalten, welches selbst für die Nichtfrommen in Folge des auch hier grassierenden Antisemitismus ein lebhaftes Bedürfniß ist, um in Ruhe ihre Gesundheit wieder Herstellen zu können; denn dieses Hotel ist in erster Linie ein Sanatorium und bezweckt unter der Leitung eines bewährten, tüchtigen Arztes, des Herrn Dr. Holdheim, den an Tuberkulose Leidenden, deren Bacillen Arme und Reiche, Neologe und Fromme nicht verschonen, Heilung zu bringen. Daß das Unternehmen des Herrn Hirsch für uns Juden ein großes Bedürfniß, ja eine Wohlthat ist, das kann jeder Arzt und auch jeder jüdische Kurgast bezeugen. Um so mehr muß man sich wundern, wie wenig Interesse die frommen Juden für das Zustandekommen dieser Anstalt gezeigt haben. Da die Baukosten durch Vertheuerung der Materialien über den Voranschlag hinausgegangen sind, ist zur Sicherstellung des bereits in Betrieb befindlichen Unternehmens noch thatkräftige Unterstützung erforderlich, und würde die Zukunft der rituellen Küche, die Ihren Reisenden so entzückt hat und deren Fortbestehen gerade den Frommen am Herzen liegen muß, sehr gefährdet sein, wenn in den jüdischen Kreisen die bisherige Gleichgültigkeit andauern würde. Die zukünftige Rentabilität des Unternehmens kann nicht angezweifelt werden, da es in der ganzen Welt das einzige jüdische Sanatorium für Kranke besseren Standes ist. H. L e v y , Rabbiner, z. Z. Kurgast. Rußland. Petersburg. Wie es heißt, hat Generalgouverneur Fürst Jmeretinsky seine Resignation eingereicht und wird auf seinem Posten von General Kuropatkin ersetzt werden. Die Juden Polens haben den Fortgang Jmeretinsky sehr zu bedauern, der ihnen ein guter Freund und milder Gouverneur war. — In Lodz hat sich eine Gesellschaft gebildet mit dem Zwecke, eine Ackerbauschule für jüdische Kinder zu gründen. Ein geeigneter Platz ist schon erworben worden. — Der „Woschod" hat einen Specialberichterstatter nach Bessarabien gesandt, um die Verhältnisse der dortigen jüdischen Kolonisten zu studiren. Bekanntlich leidet Bessarabien unter einer schrecklichen Noth in Folge der Mißernte. Freilich hat die Regierung viel aufgewendet, den dortigen Bauern zu Hilfe zu kommen, aber die jüdischen Ackerbauer haben von dieser Hilfe bisher noch nichts erhalten. Der Berichterstatter des „Woschod" schildert die Verhältnisse als überaus traurige. Im Bezirk von Ackermann sind 185 jüdische Familien mit 1100 Seelen, die dem Hungertode entgegensehen, ihnen wirklich zu helfen, brauchte man 17,000 Rubel, während man nur 4000 zur Verfügung hat, welche aus der Fleischsteuerkasse genommen werden. Im Bezirk von Biranschi sind 110 Familien mit 590 Seelen in größter Noth, für sie brauchte man 8000 Rubel und für die Hungernden aus dem Bezirk von Tartartumar, 364 Familien mit 560 Seelen, noch fernere 70OO Rubel. Da die Lokalbehörden, die Semstwos, nichts zur Milderung des Nothstandes thun, hat sich der Gouverneur telegraphisch an den Minister des Innern gewendet, um von demselben die Bewilligung von weiteren 10,000 Rubel aus der Fleischsteuerkasse für die hungernden jüdischen Familien zu verlangen. Die Antwort lautete erfreulicherweise bejahend und der allerschlimmsten Noth wird so wenigstens für eine Spanne Zeit geholfen sein. — Die Vereinigung der Advokaten von St. Petersburg hat jüngst einen Bericht über ein Gesetzesprojekt veröffentlicht, das die Ausübung des Berufes eines Advokaten von Israeliten betrisst. Der Bericht, der über den Artikel 8 des Projekts spricht, und zu seinem Gegenstand hat, die Zahl der jüdischen Advokaten aus 30 pCt. der Gesammtzahl der Advokaten zu beschränken, erklärt, daß diese Maßregel kaum zu rechtfertigen wäre. Die relativ hohe Zahl der jüdischen Advokaten in gewissen Städten ist dadurch naturgemäß gegeben, daß die jüdische Bevölkerung in der Majorität ist. Was den Zuwachs der Juden unter den Advokaten in St. Petersburg angeht, so ist dieselbe eine Folge des Gesetzes, das den Juden die Zulassung in anderen richterlichen Aemtern verbietet. — Von den 1092 Studenten cm der Universität zu Warschau sind 161 Juden, die sich auf die folgenden Facher vertheilen: Medicin 85, Jura 51, Mathematik 25 Studenten. — Gelegentlich des russischen Neujahrs erhielten mehrere Juden Orden, darunter die Rabbiner von Tels, Elisabethgrad und einige andere. — In Moskau dauern die Chikanen gegen die Juden fort. Jetzt hat der General-Gouverneur die untergeordneten Behörden angewiesen, keine Certificate erster Gilde an jüdische Kaufleute zu bewilligen, da es schon genug davon in Moskau gäbe. — Nach den letzten Regierungsentscheidungen dürfen jüdische Fleischer nur im Ansiedlungsrayon wohnen.

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