Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 20 (8.3.1900)
- Date
- 1900-03-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2449049-2449069--50229-2500668- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
391 Feuilleton Wcrch etnev wahren WegebenHeit. <J Von Friedrich Rott. „Sage mir doch, liebe Kleine," wandte sich das Stadtoberhaupt wiederum an das Kind, „bist Du lange mit Deiner Mutter gefahren?" „O, sehr, sehr lange," erwiederte sie, „über ein sehr, sehr großes Master, auf dem viele große Schiffe gefahren sind, und nachher sind wir in die Eisenbahn gestiegen." „Am Ende haben wir es gar mit einer kleinen Amerikanerin zu thun," bemerkte einer der Anwesenden. „Der Ansicht bin ich auch," stimmte der Bürgermeister bei. „Das sehr große Master, von dem die Kleine erzählt und das amerikanische Geld, das sich in dem Portemonnaie der Verstorbenen vorgefunden — da dürften allerdings alle unsere diesbezüglichen Bemühungen erfolglos bleiben." - Baron Waldstein hatte voll Ungeduld der Heimkehr des Verwalters und des Kindes entgegengesehen, wie von ernster Sorge befreit, athmete er auf, als er sie durch den Schloßpart der Wohnung zuschreiten sah und eilte ihnen entgegen. „Nun?" fragte er, „was haben die Weisen des Stadthauses herausgebracht?" „Herr Baron können unbesorgt sein," entgegnete Werner lächelnd, „die Weisheit der Herren im Stadthaus kommt den Wünschen des Herrn Barons entgegen." Hugo schüttelte den Kopf. „Ich verstehe nicht —" „Ja, ich auch nicht," lachte der Verwalter. „Die Herren haben eben alle Weisheit für sich allein in Beschlag genommen und darum haben sie es auch sehr bald herausgebracht, daß unsere kleine Elsa eine geborene Amerikanerin ist — das große Master, über das sie gefahren ist und die zwei Dollar, die sich bei der Verblichenen gefunden, sind eben unwiderlegbare Beweise. Ich habe nicht widersprochen, obgleich ich vom Gegentheil nahezu überzeugt bin — das Kind gebraucht auch nicht einen einzigen nichtdeutschen Ausdruck, es spricht, worauf ich besonderen Werth lege, von dem Hof, auf dem es mit den Eltern gewohnt hat — selbst Deutsche werden ihr Anwesen in Amerika nicht als Hof bezeichnen. — Es unterliegt meiner Ansicht nach auch nicht dem leisesten Zweifel, daß unsere Elsa eine Deutsche ist." „Der Ansicht bin ich auch," stimmte Hugo bei, „aber jedenfalls ist es mir lieb, daß Sie den Herren Ihre Ansicht nicht aufgedrungen haben." „Dazu habe ich mich nicht berufen gefühlt," versetzte der Verwalter, „meine Frau und ich, wir haben uns schon so an unsere kleine Elsa gewöhnt, daß wir sie schwer misten würden." „Aber vergessen Sie nicht, daß sie Ihnen nicht allein gehört," fiel Hugo lächelnd ein, „nicht wahr, Herzchen, Du hast mich auch lieb?" wandte er sich an die Kleine, die lockigen Haare ihr streichelnd. Sie blickte mit ihren wunderbar schönen Augen zu ihm empor, die sich aber im Aufblicken mit Thronen füllten. „Ich habe Sie sehr lieb," sagte sie leise, „Sie haben ja die Mutter —" die Sprache versagte ihr, sie ergriff seine Hand und drückte einen innigen Kuß auf dieselbe. Mehrere Wochen waren vergangen, es war zwar noch kein Tag verstrichen, an dem Elsa nicht mit innigster Sehnsuchl der Mutter gedacht, trotzdem hatte sie ihren kindlichen Frohsinn bereits wiedergefunden, denn im Hause des Verwalters sah sie sich umgeben von liebevollster Zärtlichkeit und Fürsorge. Auch Baron Hugo verbrachte Tag für Tag Stunden in ihrer Gesellschaft, spielte mit ihr, als wäre sie sein Schwesterchen, ließ sie auf seinem großen Neufundländer reiten und trieb allerlei Kurzweil mit ihr. Er beneidete sogar den Verwalter und dessen Frau, die sich von ihr Onkel und Tante nennen und dutzen ließen. Dergleichen durfte er um seiner Mutter willen nicht wagen. Auch die Baronin ließ das liebliche Kind zuweilen zu sich kommen, aber Elsa fühlte sich in Gegenwart der Dame nie behaglich, da Werner ihr vor derselben einen heillosen Respect eingeflößt hatte. Namentlich hatte er ihr auf die Seele gebunden, nie ungefragt das Wort an die Baronin zu richten und nie eine Frage an sie zu stellen. Eines Tages saß Frau Werner mit ihrer Stickerei unter den Nußbäumen vor ihrer Wohnung, als sie Elsa die Schloßtreppe hinunter eilen und auf sich zu rennen sah. „Vorsichtig Kind, vorsichtig!" rief sie ihr entgegen, „nicht so rasch! Du kannst fallen." Aber die Kleine nickte ihr nur lächelnd zu, ohne ihren Lauf zu mäßigen. „Tante Werner," rief sie, „Tante Werner, ich muß Dich was fragen." „Böses Kind." schalt Frau Werner, die nahezu Athemlose an sich ziehend und ihr die Haare aus der Stirne streichend, „wer wird so rennen —" „Weil — weil ich Dich was fragen wollte." „Und deßhalb hast Du so rennen müssen?" „Ja, ganz gewiß , sonst hätte ich es vergessen können." „Das wäre vermuthlich auch kein Unglück gewesen. Doch was gibt's? Last' hören." „Weißt Du," begann das Kind, „der Onkel hat