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Der Israelit · 1900-03-05 · Heft 19 (5.3.1900) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 19 (5.3.1900)
Date
1900-03-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
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374 Spottlust freien Lauf lassen? Wie wird es dann mit dem Beispiel für unsere Kinder werden, denen unsere mit dem Blute der Bäter getränkte Fahne zu vererben unsere höchste Sorge ist? Werden sie sich nicht sagen, daß, wenn der Vater mit den „andersgläubigen" Juden so eng befreundet ist und intim verkehrt, daß auch dann die „andere Richtung" nicht so schlimm sein könnet' Sie sagen, heute habe fast jeder Sri verschiedene Judenthümer, es urag tvahr fein, aber, fragen wir Sie, wer hat denn, um mit Ihnen zu reden, diese verschiede nen Sorten Judenthümer fabriciri, doch tvahrlich nicht die Gesetzestreuen, die, wie ihr Name ja schon besagt, dem Jahrtausende alten Gesetze unverändert treu geblieben sind, die Herren Reformer und Neologen waren es, die so viele Qualitäten Judenthümer erfunden, daß man mit dem Propheten ausrufen kann: „Soviel Städte, soviel Götter," und an ihnen ist es zunächst, zu dem einzig wahren Judenthume zurückzukehren, ehe >vir mit ihnen gemeinsame Sache machen können. Eine Grundlage, aus der alle Juden ohne Judenthum sich eins fühlen, ist eine Anomalie, die niemals Bestand haben lvird und zu solch' „politischer Klugheit" kann sich das wahre, unverfälschte Judenthum nicht hergeben. Red. d. „Jsr." Feuilleton. v '?jcV , #xs 1 1 a. glarf? einer: waßvcn gJegeEen eii. (>J Von Friedrich Nott. Als die kleine Elsa am Morgen erwachte, noch bevor sie die Augen vollständig offen hatte, lispelte sie: „Guten Morgen, liebe Mutter, bist Du schon wach?" — Als ihr jedoch keine Antlvort ward, richtete sie sich hastig auf im Bette und blickte mit ihren großen funkelnden Augen suchend um sich. „Mutter! Mutter! wo bist Du?" ' „Guten Morgen, liebes Herzchen," sprach Frau Werner, zu ihr tretend, „hast Du gut geschlafen?" „Ja, ich habe gut geschlafen — guten Morgen — aber wo ist die Mutter?" „Deine Mutter schläft noch, Kind." „Noch immer?" rief die Kleine staunend, „aber wo ist die Mutter? — und wo bin ich?" „Du bist bei Leuten, die Dich sehr sehr lieb haben, weil Du ein braves liebes Kind bist," erwiederte Iran Werner, indem sie der Kleinen die Locken aus der Stirne strick, „wirst Du mich auch ein bischen lieb haben?" „Ich habe Sie ja lieb, ganz viel lieb. Sie haben ja aie Niiltter ziigedeckt. Aber ivo ist die Mutter?" „Du weißt es doch, Herzchen, Deine Mutter schläft iir. andern Zimmer." „Ich möchte zu ihr - - darf ich?" „Nun, so doch nicht - zuerst mußt Du Dich artig >vasehen und ankleiden lassen und dann mußt Du frühstücken „tlrid dann Vars ich zur Mutter, nicht wahr?" „Wollen sehen, Kind - alles nach der Reihe." So wußte die Mildherzige die Kleine hinzuhalten mit freundlichen Worten, bis sie angekleidet war und mit bestem Appetit ein Glas Milch und eine Semmel zu sich genonimen hatte, dann aber ließ sie sich nicht länger zurückhalten. Auf den Fußspitzen schlich sie zur Dbiire des anstoßenden Zimmers, in das am Abend ihre Mutter gebracht tvorden!var — vorsichtig öffnete sie dieselbe und steckte das Köpfchen hinein. Aber das Zimmer war leer, die Leiche war bereits vor einer Stunde auf den Eentralfriedhof überführt worden. „Wo ist die Mutter?" schrie sie aus, „wo ist die Mutter? - Mutter! - Mutter! — wo ist die Mutter?" wiederholte sie schluchzend, indem sie die Hand der Frau des Verwalters umklammerte. Und nun war ein Verschweigen nicht mehr möglich, in schonendster, liebevollster Weise setzte Frau Werner die nun vollständig Berwaiste in Kenntniß von dem neuen Unglück, das sie betroffen. Der Jammer der lieblichen Kleinen war herzzerreißend. Laut weinend warf sie sich auf die Chaiselongue, auf der am Abend die Leiche ihrer Mutter gelegen, und mit beiden Armen umklammerte sie den Plaid, der sich noch dort fand. „Mutter! Mutter!" schluchzte sie, „ich will mit Dir zum lieben Gott! — Nimm mich mit! Nimm mich mit!" ries sie unaufhörlich. So traf sie der Baron, der schon am frühen Morgen in die Stadt gefahren war und eine Menge Spielwaaren von dort mitgebracht hatte, um die Kleine möglichst zu zerstreuen. Doch beim Anblick ihres tiefen Schmerzes wagte er es nicht, ihr sofort das Mitgebrachte anzubieten. „So treibt sie's nun schon seit zwei Stunden," sprach Frau Werner, der selbst die Thränen unaufhaltsam iiber die Wangen lkefen. „All mein Zureden nützt nichts, das Kind wird sich noch krank machen. — Sei vernünftig, Herzchen, komm, wir wollen in den Garten gehen und schöne Bluinen pflücken." Die Kleine schüttelte abwehrend den Kopf. „Ich will mit der Mutter," schluchzte sie, „ich will zum lieben Gott!" „Aber Du bist ja beim lieben Gott," sprach Hugo mit mühsam bewahrter Fassung, indem er das Kind an sich zog und die thränenüberflutheten Wangen ihr trocknete. „Meine liebe kleine Elsa, Du warst doch gestern so vernünftig, hast es doch gestern selbst gesagt, daß der liebe Gott alles sieht, was wir thun, und alles hört, was ivir sprechen — und wenn Du das weißt, so wirst Du

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