Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 19 (5.3.1900)
- Date
- 1900-03-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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373 Zur Hilfe ist vor allem Geld nöthig, die wenigen Orthodoxen haben nicht genügend Mittel, um allein das Ziel erreichen zu können, also muffen wir uns auch an die dem Iudenthum Fernstehenden tuenden, die aber den wohlhabendsten Theil der Juden ausmachen. Diesen Juden must ihre Zusammengehörigkeit mit den gesetzes treuen östlichen Juden zum Bewusttsein gebracht wer den, es must eine Grundlage gesunden iverden, auf der alle Juden sich eins fühlen, lind, so sehr es zu bedauern ist, so wahr ist cs auch: Die Religion trennt uns. Hat ja schon fast jeder gröstere Ort eigene Fabrikanten von Judenthümern, steht das Iudenthum ja fast an jedeiu Ort schon anders aus, ja, hat es oft an einem Ort drei, vier und mehr Gesichter. Welches dieser verschiedenen Judenthüincr soll man als Grundlage annehmen? Sie iverden sagen, das gesetzestrene — ganz richtig, ich sagte ja aber schon, dast dies nur einen so kleinen Prozentsatz ausmacht, dast es allein unmöglich etwas ausrichten kann. Das Berliner? da machen die Stettiner nicht mit, das Aachener? da fühlt sich Hamburg abgestosten, das Posener? oa ist Breslau nicht dabei, kurz ltrtb gut - so gebt es nicht, die Religion kann keine Grundlage für ein Zusammenarbeiten aller Juden sein, es must, etwas anderes gefunden lverden, und da ist doch das Nächstliegende, tvenn inan sagt: wir stammen alle von iiidischen Eltern ab, durch die Geburt, die Nation, gehören wir alle zusammen, ganz gleich, welchen religiösen Standpunkt tvir einnehmen, ob wir streng, wenig oder gar nicht glauben. Wir helfen den russischen Juden nicht nur, weil sie orthodox sind, sondern auch weil sie, ebenso wie wir, der jüdischen Nation angchören. Das ist der Grund, westhalb der Zionismus die Nationalität so betont und lvesthalb er auch nur diese betonen kann. Es ist aber noch ein zweites. Der Zionismus siebt fern, er hat ein großes Ziel, er gebraucht Einigkeit, er will nickt in seinen Reihen fortwährend religiöse Streitigkeiten haben, über die der weite Blick verloren wird, und desthalb verbietet er ffe. Auch hier kann eine allgemeine Belvegung unmöglich anders handeln. Schreiber dieses sprach kürzlich mit einem örtlichen Führer der Zionisten über eben diesen Punkt und fragte diesen auch, warum er denn die Religion, als Privatsache jedes Einzelnen, vom Programm ausgeschlossen wünsche und erhielt folgende Antwort: „Meinetwegen kann der Zionismus auch religiöse Fragen erledigen oder sich auf einen religiösen Standpunkt stellen, aber Sie werden doch nicht verlangen, dast ich, wenn er orthodox ist, dann mitmache! Und umgekehrt, lvenn er neolog ist, uoürden Sie sich daran betheiligen? Wir beide müssen aber Mitarbeiten, wir beide werden gebraucht zur Erreichung des Zieles und da ist es doch einleuchtend, wenn wir religiöse Fra gen aus unsere n Zusammenkünften verbannen. —- Ich meine, wäre der Zionismus von Orthodoren be gründet und verfolgte er nur orthodore Interessen, auch dann könnte er, wenn er klug handeln tvollte, es nicht anders thun, als es jetzt geschieht." Nun noch eins: Ist es politisch klug, dast sich die Orthodoxen, besonders deren Rabbiner, ausschliesten? Wenn der Zionismus sein Ziel erreicht, das wird mir tvohl Jeder zugeben, erreicht er es auch ohne die Gesetzestreuen, diese kleine Minderheit der besitzenden Inden, und die Nothleidenden Iverden die Hilfe nehmen, von >vo sie kommt. Lästt man die Dinge ihren Gang gehen, stellt man sich nicht zur Verfügung, um etwaige religiöse oder die Religion streifende Fragen, ivie die Kulturbestrebungen in die uns richtig erscheinenden Bahnen zu lenken, hat der Zionismus keine Orthodoxen, um das erledigen zu können, ja, Ivas soll er da thun? .Hebräisch ivird nun einmal gelernt, unterrichten nicht die Rabbinen, dann unterrichten Neologen und dann das Ende günstig für das gesetzestreue Judenthum ivird es schiverlieh sein. An der Spitze der Kulturkommission steht ein Orthodoxe, Dr. Gaster. Hätte dieser das Amt nicht angenommen. hätte sich hierzu kein Orthodoxe gefunden, vielleicht iväre Dr. Nordau zur Leitung dieser Kommiffion berufen worden, ins Leben getreten wäre sie. Wie die Verhältnisse hier im Grosten sind, so sind sie auch im M(einen, in jeder Ortsgruppe fast. Würden die Rabbinen sich betheiligen, so würden sie die Sprachkurse leiten und so die allerschönste Gelegenheit haben, ihren Ansichten Ausdruck zu verleihen und so eine vielversprechende Saat zu säen. Sie thun es nicht, die Sprachkurse iverden von vom Iudenthum Abgefallenen geleitet und iver zieht den Kürzeren? Also auch die politische Klugheit, die unsere orthodorcn Rabbiner sonst doch so gut verstehen, auch sie weist nur daraus hin, sich an einer Bewegung zu betheiligen, die uns nur nützen, nie aber schaden kann. Das sagt Ihnen ein überzeugter Zionist, der auch ein überzeugter gesetzesireuer Jude ist. Aus die Zuschrift des Herrn Süddeutschen nur einige wenige Worte. Auch unser Mitleid mit den östlichen Juden ist grost, so grost. dast wir schon lange, lange vorher werkthätig eingegriffen haben, noch ehe der Zionismus auch nur projectirt war. Aber so grost war unser Mitleid niemals, dast wir desthalb das Hehrste und Heiligste, was wir besitzen, preisgegeben hätten, lind ist es etwas anderes vielleicht, als ein Preisgeben des Judenthums, wenn ich mich planmästig Jenen anschlieste und anfreunde, die unseren Standpunkt als antiauirt verhöhnen und verlachen. Wir wollen Ihnen Recht geben, der vom Iudenthum abgefallene Zionist ivird vielleicht im Anfang aus Rücksicht für unseren Standvunkt seine Gesinnungen uns gegenüber hübsch gebeim halten, er ivird es zu vermeiden suchen, uns in unseren ..Gefühlen zu verletzen," ivie es ja oft so schön beistck. Wie wird es aber sein, wenn er uns erst ganz geivonnen zu haben glaubt, wird er sich auch dann noch jene lästige Reserve auserleaen oder Ivird er sich nicht hie und da bei den zionistischen Gelagen gehen und seiner