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Der Israelit · 1900-03-05 · Heft 19 (5.3.1900) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 19 (5.3.1900)
Date
1900-03-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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375 doch auch wissen, dass der liebe Gott überall ist —- nicht wahr?" Mit seltsamem Ausdruck blickte sie zu ihm empor und nickte mit dem Köpfchen. „Gottlob, dass sie wenigstens aufgehörk bat," flüsterte Frau Werner in sich hinein. Hugo aber fuhr fort: „Nun sieb, kleine Elsa, wenn Gott überall ist, so ist Gr doch auch hier bei uns -- und wenn er hier bei uns itt, so sind wir doch auch bei Ihm, gerade so gut. wie Deine liebe Mutter. — Ist's nicht so?" Die Kleine nickte bejahend, aber ihre Kippen beb ten, sie schien reden zu »vollen, brachte jedoch seinen Kaut hervor. Hugo jedoch sprach in derselben Weise lveiter: „Jetzt wird meine liebe kleine Elsa nicht mehr weinen, denn wer so vernünftig ist, und so viel vom lieben Gott weist, der weist auch, dass alles, was uns trifft, uns vom lieben Gott bestimmt ist, und wenn es uns auch noch so leid thut, dass tvir doch nickst untvillig darüber fein und auch nicht so viel darüber weinen dürfen, dass wir krank davon werden können." Gin halbunterdrücktes Schluchzen entrang sich der Brust de" Kindes, vollständig erschöpft lehnte es den Kopf gegen die Brust des jungen Mannes. „Unsere kleine Elsa ist sehr brav. Herr Baron, sie tvird schon gar nicht itiehr tveinen - aber sie wird Durst haben, ich bringe ein Glas Milch." Die Kleine wollte energisch den Kops schütteln, avcr Hugo hielt ihn lachend fest. „Hier >vird nicht geschüttelt, hier ivird nur getruu len. 7?rau Werner, holen Sic nur die Milch." „Gleich ivird sie da sein." Sie eilte hinaus und kam nach wenigen Minuten init dem Berlangten zurück, und dem vereinten Zureden der freundlichen Frau und des jungen Mannes gelang es, das Kind zu bewegen, das Glas zu leeren. Dann aber sielen ihm die Augen zu, es liest sich ohne Wider streben auf's Kanapee legen und schon nach wenigen Minuten war es eingeschlafen. Die Baronin hatte sich wiederholt nach dem kleinen Mädchen erkundigt, für das zu sorgen sie versprochen hatte. Sie beauftragte auch die Frau des Verwalters, es zu ihr zu führen, tim salbungsvolle Trostesworte zu demselben zu sprechen. Sie hatte jedoch der Frau Werner Recht geben müssen, dass es nicht gerathen, durch den Anblick des zuweilen geradezu fassungslosen Kindes ihre Nerven zu irritiren. Sie hatte daher zu ge stimmt, noch einige Tage verstreichen zu lassen, bis die Kleine ruhiger gelvorden und sich in ihr Schicksal gefunden haben werde, batte jedoch den Auftrag gegeben, dem Kinde ein schwarzes Kleid anzuschaffen, da es ihrem Gefühl widerstrebe, die Verwaiste in farbigem Anzuge zu sehen, und ihr Auftrag ward noch am selben Tage vollzogen. Nach einigen Tagen erschien ein Bote der städtischen Behörde in der Billa der Baronin, um die Kleine auf das Stadthaus zu führen, da man dort durch an sie zu richtende Fragen ihre Identität zu ermitteln hoffte, um ibre Angehörigen von ihrem Aufenthaltsort in Kenntniss zu setzen. Hugo erschrak. Das kleine liebliche Mädchen war ihm in den wenigen Tagen bereits an's Herz gewachsen uno er trug sich ernstlich mit dem seltsamen Plane, sobald er mündig geworden, dasselbe zu adoptiren. Er nirastete daher, dass es den Herren im Rathhaus gelingen werde, wenn auch nicht die Familie, so doch die Nationalität des Kindes festzusteilen, daß dann vor alleut die jüdische Gemeinde in Kenntniss gesetzt werde, die sich dann beeilen lvürde. ihre kleine Glaubensgenosün für sich zu retlamiren. Werner, dem er seine Befürchtung mittheilte, tbeilre dieselve stoar nicht, erbot sich jedoch, die Kleine persönlich auf's Stadthaus zu führen. Hugo wollte anspanneu lassen. Der Verwalter hielt es jedoch für besser, mir dem Kinde den Weg zur Stadt pu Fuss zurückzu legen, um die Kleine möglichst vorzubcrciten aus die Fragen, die vermuthlich an sie gerichtet werden sollten, namentlich wollte er ihr einprägen, nicht mehr zu sprechen, als sie gefragt lvürde. Sie nickte ihur verständnistvoll zu, als er ihr dieses um tcwvcgs begreiflich macken lvollte. „Ja, ich ivciss, das hat der Barer auch gesagt, Kinder dürfen bei Fremden nur sprechen, was sie geiragt werden." „So ist's," bekräftigte Werner, der das kleine Mädchen auch lieb gewonnen batte und zu dem es von Anfang an am ineisten Zutrauen gezeigt, „aber zu Hause uird hier auf dein Wege darf unsere liebe kleine Elia plaudern, so viel sie lvill." Freundlich lächelnd blickte sie zu ilun empor, aber sie crrviedcrte nichts, stc batte in den jüngsten Tagen das muntere Blaudern verlernt, aber von ihrer Anmuth unb Kieblickstcir nichts eingebüsst. Jedem nrusste das schöne Kind ansfallen in der dunkeln Tranerkleidung, auf die die Hellen, lockigen Haare wie feine Goldringe fielen. Auch im Stadthanse hatte es sofort die Sympathie der Anwesenden geivonnen. Es ailtlvortete unbefangen auf alle Fragen, aav aber trotzdem die Hand des Verwalters, "rste>- dessen Schutz es sich fühlte, nicht frei. „Wie heisst Du, liebes Kind?" fragte der Bürgermeister. „Elsa." „11 nb mn dem Zunamen 7" „Elsa Meier." „Könntest Du mir vielleicht den Bornamen Deines Vaters scigcvu" Gstsa schüttelte den Kopf. „Alle Keute haben immer Herr Meier nun Vater gesagt." „Weint Du vielleicht den Vornamen Deiner Mutter^" Das Kind schüttelte verneinend das Köpfchen. „Aber Du wirst mir doch sagen können, wie der Onkel beisst, zu dem Du fahren wolltest?" „Onkel James," erwiederte die Kleine.

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