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Der Israelit · 1900-02-28 · Heft 18 (28.2.1900) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 18 (28.2.1900)
Date
1900-02-28
Page
– (sequence 27)
Language
German
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363 yViir t»ic hiesigen Studenten, die aut jüdischen Gejcijc fest halten, ist dieser Uebelstand besonders unangenehm. Er lnnrde in früheren Jahren nicht se> sehr cm- Pfunden, lveil die Zahl der jüdischen Studierenden eine geringere war, weil ferner die graste Mehrzahl derselben sich leichtsinnig über die Vorschriften van koscher und irepha hintvegsetzte und tveil selbst unter der gewissen' hasten Minorität viele das für lascher Ausgegebene auch wirtlich dafür hielten. Durch die größere Frequenz jüdischer Studenten an der hiesigen Universität lamen jedoch im Laufe der -Zeit auch verschiedene streng-fromme, zum Theil talinudisch geschulte junge Leute hierher, die es mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren konnten, hier zu essen. Dieselben mustten sich hier die grössten Entbehrungen auserlegen, ohne Aussicht auf eine Möglichkeit. diese betrübenden Zustände zu ändern. Es eristirt hier zivar schon seit mehreren Jahren eine russisch-jüdische Studentenküche, die aber mehr die ökonomischen Bortheile einer solchen Einrichtung als ihre rituelle Seite im Auge hat. Dieselbe wird vollkommen koscher geführt und rentirt sich daher peeuniär ganz gut. Die llnerträglichkeit des Zustandes legte den darunter leidenden immer dringlicher die Erwägung nahe, ob es nicht möglich sein sollte, eine solche Einrichtung auch auf streng orthodorer Grundlage einzurichten und so den; Nebelstande ein Ende zu machen. Die Zahl der Studenten, die gerne nach den Vorschriften unseres Religionsgesetzes leben möchten, war inzwischen auf ca. .'io -40 gestiegen. Bei einer solchen Betheiligung war das Unternehmen lebensfähig, sobald es einmal in's Dasein gerufen lvar. Es handelte sich zunächst um die erforderlichen (Garantien dafür, dast die ganze Einrichtung auch in der That allen Anforderungen des Religionsgesetzes in strengster Weise entspreche und um die Geldmittel zur Beschaffung von Möbeln, Geschirr und allem, was ein solches Unternehmen erfordert. Da die hiesigen Mnsensöhne nicht allzusehr mit irdischen Mitteln gesegnet sind, so tvar dieser letztere Punkt ohne Mitwirkung von außen unmöglich. Die Unternehmer setzten sich daraufhin mit Herrn Rabbiner Dr. E h r m a n n in Baden in Verbindung, der mit großer Bereitwilligkeit sich der Sache annahm. Er erklärte sich bereit, nickt nur die rituelle Seite seiner Aufsicht zu unterstellen, sondern auch für die pecuniäre Seite des Unternehmens seinen Einfluß zur Verfügung zu stellen. Seiner Verwendung verdankt das Unternehmen eine ansehnliche Subvention der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Juoenthums" in Frankfurt a. M. Ferner den Beitrag eines anderen bekannten deutschen Gönners und hochherzigen Förderers aller wahrhaft jüd. Bestrebungen, sowie sonstige Unterstützungen gesinnungstüchtiger Möeene des orthodoren Judenthums. Die Unternehmer selber wendeten sich an ihre Bekannten in der Schweiz nnd fanden überall volles Verständnist und thatkräftige Förderung ihrer Bestrebungen. Ans diese Weise war das Ganze gesichert und die „Jüdische Küche" der Berner jüdischen Studenten hat, bis diese Zeilen in die Oeffentlichkeit gelangen, ihre Wirksamkeit bereits begonnen. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, dast die Bedeutung dieses Unternehkncns iveit über den Kreis der hiesigen Studenten hinausreicht. Die zahlreichen jüdischen Reisenden aus Deutschland, welche streng koscher leben, haben nun auch in der Bundesstadt Gelegenheit dazu.*) — Bon viel größerer Wichtigkeit ist jedoch folgender Umstand. Die große Mehrzahl der hiesigen, jüdischen Studenten rekrutirt sich aus Rußland, Galizien und Rumänien. Dieselben entstammen zum großen Theile streng-frommen Familien und bringen von Hause aus die Anhänglichkeit an das alte, von den Vätern überlieferte Judenthum und seine Satzungen mit. Können sie diese ihre Familentradition mit ihren Studien vereinigen, so erweist sich diese Vereinigung segensreich für die ganze Zukunft der jungen Leute und den Kreis ihrer einstigen Wirksamkeit. Besitzt aber ein solcher junger VJuiitn nicht die erforderliche große Willensstärke und Eharatterfestigkeit, welche die Beachtung der Sveisegesetze unter solchen Verhältnissen erfordert, so begnügt er sich einige Tage oder Wochen mit der Gesangenenkost, auf die er bei seiner Koscher-Selbstbeköstigung angewiesen ist. Dann entschließt er sich zu der „angeblichen" Koscherkost, die er hier haben kann und damit hat er den Abfall schon vollzogen. Denn soviel jüdische Gesetzcskunde bringt Jeder von zu Hause mit, um zu wissen, daß Alles, was nicht ganz koscher, ganz trepha ist. Er verschmäht deßhalb bald die dürftige Koscher-Etikette und ißt und trinkt, lvo er es am bequemsten und billigsten haben kann. Nachdem dieser Bruch vollzogen ist, bleibt dem Pflichtvergessenen nichts übrig, als aus einem tob ein -itro zu werden. Hat er anfänglich aus Leidenschaft gegen das Gesetz gefehlt, so verletzt er es jetzt systematisch und vrinziviell. Hat er seinen Treubruch erst vor seinem Gewissen entschuldigen zu müffen geglaubt, so findet er die Ruhe vor der mahnenden Stimme seines besseren Innern erst, wenn er das, was ihm früher heilig galt, nunmehr als überlvundenen Standpunkt verlacht und mit seiner fortgeschrittenen Bildung und Wissenschaft als unvereinbar erklärt. Das ist die Entwicklungsgeschichte vieler Fanatiker des Unglaubens, die, wenn sie später als Rabbiner, Lehrer, Aerzte, Ingenieure, oder als was auch immer von der Universität nach der Heimath zurückkehren, für den religiösen Leichtsinn, dem sie verfallen sind, nun Propaganda machen. Sie wären nicht soweit gekommen, wenn ste nicht genöthigt gewesen wären, die heiligen Gesetze Gottes über Speise und Trank zu übertreten, wenn sie im Anschluß an characterfeste Gesinnungsgenossen Gelegenheit gesucht und gefunden hätten, statt im Abfall von Tbora und Mizwa, in der *) Wir fügen zu diesem stweck die Adresse der Herren bei, welche an der Lwitze der „jüdischen Küche" stehen, und die zu jeder Auskunft bereit sind. Es sind dies die Herren caud. pliil. Josef Seliger, Junkerstraße 14, und Jacob S alkrnd, Muttenenge 9, Bern.

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