Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 18 (28.2.1900)
- Date
- 1900-02-28
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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363 seres jüdischen Levensberufes, denen wir doll und ganz nur in unserem von Gott selbst angewiesenen Heim zu genügen vermögen, die uns nach Zion und dem Erlöser ausschauen lassen. Dann ist jede Besserung unserer Lage die erfreuliche, von der über uns waltenden göttlichen Vorsehung geschussene Veranlassung, die unsere messianische Hoffnung vor aller Welt als eine solche rechtfertigt, die nichts mit allen Momenten gemein hat, aus welchen sich die Liebe und Anhänglichkeit zu Fürst und Vaterland webt. Dann schützt uns unsere sichere politische und sociale Stellung gegen den Verdacht fahnenflüchtiger Vaterlandslosigkeit, gegen den sich der moderne Zionismus so oft zu vertheidigen hat. Unsere äußere Besserstellung macht daher die Bitte um den Erlöser für Zion nicht nur nicht illusorisch, sondern stattet sie mit einer Innigkeit und Bedeutsamkeit aus, die sie niemals vorher gehabt. Fiir den Zionismus dagegen, der Zion im Munde führt, für das Gottesheiligthum auf Zijon aber in seinen Statuten, Paragraphen und Congressen nur ignorirende Geringschätzung übrig hat, für ihn ist jede Besserstellung der Judenheit ein empfindlicher Schlag, der sich sehr bemerkbar machen wird. Die Reaction, die sich innerhalb der russischen Judenheit in immer breiteren Schichten gegen die zionistische Propaganda geltend macht, verbunden mit der Besserung unserer äußeren Verhältnisse, bedeutet daher ein harter Schlag für den Zionismus. Bei uns in Rußland geht alles in etwas langsamerem Tempo, als bei Ihnen im Westen, aber: Im verite est en marclie! Marcus. Zeitungsnachrichten und «orrespondenzen. Deutschland. Tchönsee, 20. Febr. Die Regierung hat in Erwägung gezogen, einen jüdischen Religionslehrer für die hier vorhandenen 25 jüdischen Bolksschüler, welche den Religionsunterricht zur Zeit von dem als Lehrer nickss geprüften Kultusbeamten empfangen, anzustellen. Die Gemeindevertretung hat jedoch beschlossen, sich mit dieser Maßnahme nur dann einverstanden zu erklären, wenn dem hoch belasteten Gemeindelvesen hierdurch Mehrkosten nicht entstehen. Tiegen. Ein antisemitischer Amtsrichter hatte sich dieser Tage vor dem hiesigen Schöffengerichte zu verantworten. Der Amtsrichter Freese in Laasphe, Führer der Stöcteraner daselbst, hatte im Wirthshaus bei einer Besprechung der Bibelvariationen des Stadtverordneten Preuß in Berlin laut zu seinem Nachbar gesagt: „Tie Juden werden nachgerade so unverschämt, daß man gut thut, ihnen mit der Reitpeitsche zn Leibe zu gehen!" Der an einem anderen Tische sitzende jü dische Geschäftsreisende Kanter trat an den Tisch des Amtsrichters mit den Worten: „Wie kommen Sie da zu, sich in solcher Weise über die Juden zu äußern, zu mal Sie Amtsrichter sind?" Statt einer Entschuldig ung beschied Freese den Runter unhöflich und rief schließlich den Wirth herbei, damit er ihin „Ruhe ver schaffe." Nachdem noch verschiedene gereizte Aeuße ruugen auf beiden Seiten laut geworden, nannte Freese den Kanter einen „unverschämten Kerl," worauf dieser zurückgab: „Sie tonnen mich gar nicht beleidigen!" Kanter strengte hierauf gegen den Amtsrichter eine Klage an. Das hiesige Schöffengericht erkannte aber nach dem „Sieg. Votksbl.", daß Amtsrichter Freese zlvar der Beleidigung für schuldig befunden worden sei, aber straffrei bleibe, >veil Kläger durch Gegenbeleidigung sich selbst gerächt habe. Der Gerichtshof habe zu einer Berurrheilung Freeses kommen müssen wegen der Aeußernng „unverschämter Kerl," wenn Kläger nicht daraus beleidigend erwidert hätte: „Sie können mich gar nicht beleidigen!" Die Aeußernng des Amtsrichters Freese von dein „Durchpeitschen der Juden" könne als Beleidigung des Klägers nicht gelten, da eine Absicht, diesen dadurch zu beleidigen, nicht ertviesen sei . O e st e r. - Ung. M o n a r ch i e. Krakau, 20. Febr. Zu der Angelegenheit des verschwundenen Judenmädchens Michalina Araten hat jetzt das Landgericht Hierselbst folgende Bekanntmach ung erlassen: „Am 27. Januar verschwand die 14 jährige Michalina Araten, hohen Wuchses, gut gebaut, entwickelt, rundes Gesicht, volles dunkelblondes Haar, blaue Augen, sieht 16jährig aus und weilte zuletzt im Kloster der Felicianerinnen in Krakau. Wem der Aufenthaltsort des verschwundenen Mädchens bekannt ist, möge denselben mittheilen." Schweiz. Bern. Aus hiesiger Stadt verirrt sich nur selten ein Bericht in die Spalten des „Israelit," obwohl derselbe hier viele eifrige Leser hat. Auch an guten Federn fehlt es nicht in einer Universitätsstadt, die ca. 200 jüdische Studenten zählt. Woran es aber wohl fehlt, das ist frisches, jüdisches Leben in der Gemeinde und bei dem Einzelnen, lvoher sollte aber der Bericht erstatter den Stoff für seine Mittheilungen nehmen? In früheren Jahren hatte die hiesige Gemeinde sogar eine Zeit lang einen Rabbiner, aber das ist schon lange her. Die Gemeinde zählt ca. 40—50 Mitglieder, aber sie hat in ihrem Betlokal die ganze Woche hindurch kein Minjan, außer an Sabbaten und Feiertagen und bei Gelegenheit eines Jahrzeit. Die Mitglieder der Ge meinde sind fast sämmtlich aus dem Elsaß eingetvan dert. In den Familien wird der Haushalt meistens koscher geführt, aber es ist nur ein sogenanntes Kasch rus, das in Wirklichkeit viel zu wünschen übrig läßt. Der hiesige Koscherfleisch-Verkauf untersteht keinerlei Kontrolle eines Rabbiners, so daß es sehr schwer fällt, hier als orthodoxer Jude zu leben. Es hat dieser Mißstand nichts mit der Ealamität des Schiveizerischcn Schäckssverbots zu thun; er war schon vorhanden, bevor dieses Verbot existirte.