Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 18 (28.2.1900)
- Date
- 1900-02-28
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2449049-2449067--50181-2500618- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
4i. Jahrgang. Dritte Beil, ju M 18 -« „Israelit". Leitender Artikel. Briefe aus Mußkand. St. P e t e r s b u r g, im Adar 1. (Vom Zionismus. — Das Ansiedelungsrayon. — Jüdische Handwerker. D i e Vaterlandsliebe der Juden.) Was den Zionismus besser als lange Abhandlungen characterisirt, ist und bleibt die T h a t s a ch e, daß er Ursprung und Bestand lediglich dem politischen und socialen Nothstand großer Kreise der Judenheit in Galizien, Rumänien und besonders Rußland verdankt. Gäbe es keine arme, gedrückte, verfolgte Juden, so gäbe es auch keinen Zionismus. Das ist's, was den alten, ehrlichen, jüdischen Zionismus von demjenigen der modernen Zionisten scheidet. Jenem steht sein Ideal viel zu hoch, als daß er es in den Dienst materieller Interessen stellte, selbst wenn es sich um die Besserstellung seiner armen, unglücklichen Brüder und Schwestern handelte. Gewiß ist die Besiedelung des heiligen Landes px mir eine große Mizwa, ebenso die Pflicht 12 np-cr sich des gesunkenen Bruders thatkräftig anzunehmen. Aber wenn man beide miteinander verquickt, wie es der Zionismus thut, dann ruht auf dieser Verquickung der Fluch, der jtjb w n^’2nri^:n, Alle Zionisten alten Schlages sehnten sich daher nach Zijon und dem heiligen Lande, nicht um dort ihre leibliche Existenz besser fristen zu können, sondern um min besser erfüllen zu können, was den Zionisten von heute und gestern nach ihrem eigenen Geständniß vollkommen gleichgültig ist. Wenn sich unser großer Lehrer nt?ö nach dem heiligen Lande sehnte, so war dies das einzige Motiv seiner Sehnsucht. Deßhalb hatten die gefesselten Zionssänger des 137. Psalms auch, als sie an den Strömen Babylons bürgerlich ansässig waren, sich der Thränen nicht geschämt, die ihnen Zions Gedächtniß abgerungen. Sie waren nicht nur emancipirt, ihre Edelsten bekleideten die höchsten Aemter des babylonischen Reiches und dennoch begeisterte sie der Gedanke an Zion nicht zu Banketten und Congressen, sondern ließ sie ihre Harfen bis zur ersehnten Rückkehr in's heilige Land verstummen und ihren Schmerz in die Worte aushauchen: 1'» 7!X W2T2 UOD DJ Dt£7 ^22 ITHJ b>V* Das ist bei unseren modernen Zionisten anders. Sie debattiren, poculiren und bankettiren zum Wohl ihrer darbenden Brüder. Sie sind für dieselben sehr besorgt, was wollte ihr Zionismus auch ohne sie anfangen? Deßhalb gehört es auch zum Stück, in den Zeitungen und auf den Congressen des Zionismus, die Lage unserer Brüder und Schwestern recht grau in grau darzustellen. Je größer das Elend, desto gerechtfertigter und unentbehrlicher ist der einzige Retter: der Zionismus. Je günstiger dagegen die sociale und politische Lage der Judenheit ist, desto überflüssiger muß der Zionismus erscheinen. Sie stehen beide in sehr enger Wechselwirkung m bvir nt eptw. Daraus ergibt sich die Consequenz, die ein so eigenthümliches Licht auf den ganzen Zionismus wirft, daß jede Besserstellung der Judenheit einen Schlag für den Zionismus bedeutet. — Danach kann man die Bedeutung der Nachricht ermessen, die kürzlich der „Petersburger Herold" brachte, die auch in deutsche Zeitungen übergegangen, daß nämlich die Absicht besteht, den sogenannten Ansiedelungsrayon der Juden zu erweitern. Die Gouverneure dieses Rayons haben in dieser Frage gewichtige Gutachten abgegeben. Der Chef des Gouvernements Mohilew erklärte — so meldet der „Woschod" —daß in seinem Gouvernement viele jüdische Handwerker sich durch solide und schöne Arbeiten auszeichnen, nur bleibe ihre Mühe unfruchtbar, weil die jüdischen Handwerker nicht die Rechte genießen, wie die Handwerker in den inneren Gouvernements, und weil es eine so große Zahl jüdischer Handwerker gebe, daß das Angebot der Fabrikat« bedeutend größer sei, als die Nachfrage. Die Handwerker litten in Folge dessen unter einer empfindlichen Noth. Weiter theilt der Generalgouverneur von Kiew, Podolien und Wolhynien mit , daß die Städte des Westgebiets mit Juden überfüllt seien. Die Mehrzahl der Juden seien Handwerker. Nicht Alle hätten die Möglichkeit, sich durch ehrliche Arbeit zu ernähren, und so griffen Viele zum zweifelhaften Erwerb. Der Chef der Gebiete von Noworossiisk und Bessarabien berichtet aus seinen Gouvernements ungefähr dasselbe. In den Gouvernements befinden sich eine große Menge Juden und fast das ganze Handwerksgewerbe ist in ihren Händen. Der Generalgouverneur hat den Vorschlag gemacht, den jüdischen Ansiedelungs- Rayon gänzlich abzuschaffen, das heißt, den Juden volle Freiheit zu geben, sich wo immer im Reich aufzuhalten und ihrem Gewerbe so wie jeder Andere nachzugehen. Die Gutachten der Gouverneure reden also dringend für eine Reform der Judengesetze. Das Gebet, das in unseren Synagogen allsabbatlich für den Fürsten und das Vaterland gebetet wird, schließt mit dem Wunsche, daß noch zu Lebzeiten des regierenden Fürsten und in unseren eigenen Lebenslagen Jehnda geholfen werde und Israel in Sicherheit wohnen möge, „dann möge für Zion der Erlöser kommen." Diese Klausel ist der Probirstein der Reinheit und Redlichkeit unserer sehnsüchtigen Hoffnung. Wenn Israel in Sicherheit unter dem Schutze edler Fürsten wohnen und seine Kräfte friedlich entfalten kann, aber trotzdem die Sehnsucht nach Zijon im Herzen tragt und sie in diese Worte kleidet, so ist damit gesagt, daß wir nicht um äußerer, materieller Vortheile willen nach den heiligen Stätten unseres Landes ausblicken. Dann sind es lediglich die edlen, reinen, hohen Impulse un-