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Der Israelit · 1900-02-28 · Heft 18 (28.2.1900) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 18 (28.2.1900)
Date
1900-02-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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343 religiösen Gründen nichts anderes ißt. Es ist wirklich drollig, bei solch kleinem Wesen von religiösen Gründen zu reden/' „Im ersten Augenblicke ist es mir auch drollig vorgekommen," entgegnete Hugo, „aber je mehr ich das ganze Verhalten der Kleinen in Betracht ziehe, desto mehr steigt sie in meiner Achtung — ich möchte sogar Hochachtung sagen. — Es ist mir in Wirklichkeit eine Herzensangelegenheit, dafür zu sorgen, daß das Kind unter gurer Aufsicht und liebevoller Pflege heranwächst." „Also machen wir's, wie ich's gesagt habe. Gut wird sie's bei uns haben, das kleine herzige Ding, darauf können sich der Herr Baron verlaßen." „Das weiß ich, daran zweifle ich nicht — aber — was meinen Sie denn, Werner?" „Ich bin der Ansicht meiner Frau, wenigstens insofern, daß unsererseits über die Nationalität des Kindes Schweigen beobachtet wird. Sollte dieselbe trotzdem bekannt werden, so müßte das Weitere in Erwägung gezogen werden. Vorläufig zweifle ich nicht an der Zustimmung der Frau Baronin." „Also sei's drum, ich werde noch heute mit Mama darüber sprechen. — Wie gut das Kind schläft und wie schön es ist. Schade, daß es zum Zubettegehen geweckt werden muß." „Warum nicht gar! — Es wird nicht geweckt. Ich trage es hinein, ohne daß es aufwacht, kleide es aus und lege es in's Bett, ohne daß es etwas merkt. — Komm' Liebchen —" und vorsichtig hob sie das schlafende Kind in ihre Arme und trug es in ein anderes Zimmer. Hugo begab sich hinauf zu seiner Mutter, die mit dem Thee auf ihn gewartet hatte. „Nun?" rief sie ihm entgegen, „was sagt der Sanitätsrath?" „Der Sanitätsrath hat sich entschuldigen laffen, er fühle sich leidend, und hat Friedrich an einen anderen Arzt gewiesen, der auch mit herausgekommen ist" „Wie heißt er? — Es ist doch hoffentlich kein Jude?" Hugo zuckte die Achseln. „Nach seiner Confeffion habe ich ihn nicht gefragt, er hat sich mir als Doctor Lewison vorgestellt." „Lewison," rief die Baronin ärgerlich, „also doch ein Jude! — Unerhört, wie dieses Volk sich überall einzunisten sucht —" „Aber liebe Mama, wenn der christliche Sanitätsrath es nicht der Mühe Werth hält, herauszukommen, vermuthlich weil Friedrich ihm gesagt hat, daß es sich um eine Unbekannte handelt, die wir auf der Landstraße gefunden, da müsien wir doch froh sein, daß sofort ein anderer Arzt sich hat bereit finden laffen — und wie die Werner versichert, hat er sich sehr viel Mühe gegeben." „Aber hat es denn gerade ein Jude sein müssen?" „Der Sanitätsrath hat Friedrich Namen und Wohnung angegeben." „Unerhört! mir einen Juden in's Haus zu schicken! — Ich werde übrigens dem Sanitätsrath meine diesbezügliche Meinung sagen. Aber der Judendoctor hat sich auch verrechnet, wenn er jetzt vermuthlich hofft, so und so lange täglich herauszukommen und eine Krankenvisitte zu machen. Daraus wird nichts, das sage ich Dir, morgen bei Zeiten wird die Frau in's Hospital überführt." Hugo schüttelte den Kopf. „Sei unbesorgt, Mama, Doctor Lewison wird unaufgefordert nicht wiederkommen, denn trotz seiner vielfachen Bemühungen ist es ihm nicht gelungen, die Frau wieder in's Leben zu rufen — sie ist tobt." „Todt!" ries die Baronin, „großer Gott! — Da siehst Du, wie ich Recht hatte, wo Einer dieses von Gott verfluchten Volkes die Nase hineinsteckt, da kommt das Unglück, da kommt der Tod." „Aber beste Mama —" „Widersprich mir nicht!" rief sie, sich mehr und mehr ereifernd, „es ist schrecklich! Die arme Frau! — Wer weiß, wenn der Sanitätsrath gekommen wäre, oder wenigstens ein anderer christlicher Arzt —" „Der Sanitätsrath will nicht kommen, aber wenn Du es wünschest, schicke ich Friedrich nochmals in die Stadt, um einen anderen christlichen Arzt zu holen." „Nein, nein, jetzt wird es schon zu spät sein —. Wenn gleich ein ordentlicher Arzt gekommen wäre, da hätte man Helsen können — aber jetzt — das arme Kind —" „Das Kind ist allerdings sehr zu bedauern — es steht vollständig allein in der Welt, denn ob sich die Angehörigen werden ermitteln lassen —" „Hat sich kein Paß oder irgend ein Document in den Taschen der Verunglückten gefunden, aus dem ihre Familie zu ermitteln wäre?" „Die Werner hat ihre Taschen genau durchsucht, jedoch nichts anderes gefunden, als ein Portemonnaie und ein mit den gestickten Buchstaben E. M. gezeichnetes Taschentuch." „E. M.," wiederholte die Baronin, „das stimmt, die Kleine hat Dir doch gesagt, daß sie Elsa Meier heißt. Aber daß sie gar keine Dokumente bei sich gehabt haben sollte —" „Ihre Papiere werden sich vermuthlich in dem Handkoffer befunden haben, von dem das Kind erzählt hat, daß ein Mann ihn ihrer Mutter entrissen hat." Die Baronin wiegte nachdenklich den Kopf. „Armes kleines Ding! — Was macht es denn jetzt? — Wie hat es den neuen Schlag ausgenommen?" „Elsa hat noch keine Ahnung davon — Du warst so gütig, ihr Essen hinunter zu schicken — ich hatte daran nicht gedacht — aber das Kind war in der That sehr hungrig. Doch mitten im Essen ist es eingeschlafen und die Werner hat es zu Bett gebracht. Es ist ein wunderschönes Kind, Du hättest es sehen sollen, Mama, wie die Hellen golden glänzenden Haare ihm in das rosige Gesichtchen gefallen sind. — Und so dankbar ist es für alles, die Werner hat einen Plaid über ihre Mutter gedeckt, da hat es ihr die Hand geküßt."

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