Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 15 (19.2.1900)
- Date
- 1900-02-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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297 soll für die Folge aus den Leuten werden? Wir tvagen auch scheu zu fragen, sollen die Leute gezwungen werden, Samstags zu arbeiten? Nach den öfteren Bemerkungen mancher Verwaltungsmitglieder ist dies zu erwarten. Nach unserer festen Ueberzeugung kann keine Gemeinde, deren Mitglieder Interesse für wahre Zedaka haben, sich hieran betheiligen, dabei gewinnen nicht einmal die kleinen Gemeinden etwas, denn der Paragraph 10 sagt ausdrücklich, sie sollen möglichst für ihre Leute selbst sorgen. Wenn nun die Herren Vorstände in der Erklärung sagen, die großen Städte wollen nichts ersparen, ev. noch größere Opfer bringen, so fragen wir, ivo sind seither große. Opfer gebracht worden? Die ivirklichen Wohlthäter sind meistens nur in den Kreisen zu suchen, die es sich zur Pflicht machen, ihrer. ivie dorgeschrieben zu geben. Es ist uns, die wir täglich Gelegenheit haben, uns von dem Elend zu überzeugen, das viele unserer armen Bruder und Schwestern im In- und Auslande heimsucht, stets unerklärlich, wielo Armenvereine in den Städten, wenn sie wirklich ihre Ausgabe erfüllen, Ueberschüsse erzielen können. Es soll uns freuen, wenn unsere Zeilen dazu beitragen, wahre Wohlthätigkeit, welche stets eine Zierde des Judenthums war, zu fördern. R. O e tiert.: Ungar. Monarchi e. Prag, 18. Febr. („Professor Masaryk als An geklagter.") Vor einem Strafrichter-Collegium, welchem Landesgerichtsrath Stolla präsidirte, fand heute die Verhandlung gegen Professor Dr. Garrick Th. Ma sarhk und den verantwortlichen Nedaeteur der Masa rvk'schen Wochenschrift „Ezas," Dr. Herben, wegen Ilebertreiung des Artikels S des Preßgesetzes statt. Professor Masarpk veröffentlichte bekanntlich am 8. November v. I. eine Broschiire „Die Nothwendigkeit der Revision des Polnaer Prozesses," ivelche der Eon siseation verfiel. Das Berufungsgericht hob zlvar die Eonfiscation auf, das Prager Oberlandesgericht verfügte jedoch die neuerliche Eonfiseation und beauftragte die Staatsanwaltschaft, gegen den Verfasser die subjeetive Verfolgung einzuleiten. Der Einspruch gegen die Erhebung der Anklage wurde verworfen und heute fand die Verhandlung statt. Die Broschüre wurde, da sie den Gegenstand einer Interpellation bildete, den iveitesten Kreisen bekannt. Die Anklage legt dem Autor der Broschüre zur Last, daß im Inhalte der Broschüre, in der vom Standpunkte des Angeklagten Leopold Hilsner in dessen Mordprozesse — der bekannten Polnaer Affaire die Aussagen von Zeugen und Sachverständigen, einer noch nicht rechtskräftig abgeschlossenen Strafsache, einer Erörterung unterzogen wurden, welche in der Behauptung gipfle, Zeugen, Sachverständige und der öffentliche Ankläger seien insgesammt unter der Suggestion des Ritualmordes gestanden. Es sei offenbar, daß in dein gegenwärtigen Stadium des Prozesses diese Erörte rungeu eitlen dem Aussprüche des Gerichtes vorgreifenden Einfluß zu üben geeignet erscheinen. Die Verhandlung ist auf neun Uhr anberaumt. Professor Masarhk wird von Dr. Körner vertheidigt. Auf 10 Uhr ist die Verhandlung gegen den Nedaeteur ''Alois Melzer vom „Prager Tagblatt" und den verantwortlichen Nedaeteur dieser Zeitung, Dr. Richard Schubert, wegen desselben Delietes anberaumt, lveil sic in ihrem Blatte einen Auszug der Broschiire veröffentlichten, trotzdem dieselbe bereits eonsiscirt war. Das gleiche Verschulden legt die Staatsanivaltschast auch dem verantnwrtlichen Redacteur des „Ezas," Dr. Herben, zur Last. Die Redacteure des „Prager Tagblatt" werden von Dr. Sterneck vertreten. Sofort nach dem Erscheinen der Broschüre des Professors Masarhk veröffentlichte der Vertreter der Privacbetveiligten iin Polnaer Prozeffe, Dr. Kar! Baxa, in dem ihm nahestehenden Blatte „Radicalni Listv," eine Antwort aus die Broschüre. Auch diese Broschüre lvurde eonsiscirt und auch gegen Dr. Baxa die subjective Verfolgung eingeleitet. Dr. Baxa entzog sich bis jetzt der Untersuchung dadurch, daß er den Vorladungen zuin Untersuchungsrichter dreimal nicht Folge leistete und dann, als er mit der Wache vorgeführt wurde, jede Antwort verlveigerte. Inzwischen wurde der Landtag in Böhmen einberufen, und Dr. Baxa iss derzeit, da die Landtagssession noch nicht geschlossen ist. immun. Die Erhebung der Anklage gegen den Landtags-Abgeordneten Dr. Baxa ist derzeit unmöglich ge ivcseit. Dagegen ist der verantwortliche Redacteur der „Radicalni Listv," Karl Ladislaus Sokol, der seinerzeit im Oinladina-Prozesse zu mehrjährigem Kerker verurtheilt ivvrden >var, ivegcn Veröffentlichung der contiseirten „Antlvort" angeklagt. Er nürd von Dr. Karl Baxa vertheidigt. Der Saal ist dicht besetzt, besonders die deutsche Studentenschaft ist stark vertreten. Professor Masann und Dr. Herben sind persönlich erschienen. Der Staatsanwalt Blattnik beantragt den Ausschluß der Oeffenllichkeit. Der Gerichtshof lehnt je doch diesen Antrag ab. Der Vorsitzende, Landesgerichtsrath Rotier, leitet das Verhör mit dein Angeklagten, Professor Ata sarhk, mit der Frage ein: Was hat Sie, Herr Professor, zur Abfassung Ihrer Broschüre: „Die Notluvendigkeit der Revision des Polnaer Prozesses" veranlaßt? Prof. Masarhk: Ich verweise auf die ersten ein leitenden Zeilen meiner Broschiire. Ich tvollle dein schändlichen Treiben jener Journalistik entgegentreten, die sich in ihren Organen öffentlich rühmte, aus dem Polnaer Prozesse eine „Drevfusiade" gemacht zu haben. Eine Beeinflussung des Gerichtes lag mir gänzlich ferne, ich hätte sonst in meiner Arbeit nicht von einer Revision, sondern von einer Cassation des Verfahrens gesprochen. Vors.: Herr Professor wollten also der Ansicht ent gegentreten, daß in dein Falle ein Ritualmord vorliege? Prof. Masarvk: Ich habe de facto nur versuch!, eine Diskussion über den merkwiidigen Fall einzuleiten.