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Der Israelit · 1900-02-12 · Heft 13 (12.2.1900) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 13 (12.2.1900)
Date
1900-02-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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259 Gräfin erglühend, „ich schulde dem Doktor Kohn den höchsten Dank, und wenn wir ihm unser ganzes Vermögen geben würden, könnten wir damit nicht genügend bezahlen, was er an mir gethan hat. — Mein Mann wird ihn sicherlich anständig honorirt haben, wie er es mit Recht erwarten konnte, aber ich habe die feste Ueberzeugung, daß Doktor Kohn jeden Bettler mit derselben Sorgfalt und mit derselben Hingebung behandeln würde." „Nun, nun, nun, ereifere Dich nur nicht, lvenn es Dir Freude macht, will ich Deinen Doktor Kohn auch für einen weißen Raben halten, oder gar für einen unintereffirten Juden. — Aber nun gehe zurück, Liebste, ich bitte Dich — ich könnte sonst in Wirklichkeit vor Besorgniß die ganze Nacht kein Auge schließen." „Nun, wenn Du es durchaus willst. Also gute Nacht, Emma, besten Dank für Deinen freundlichen Besuch, lasse Dich bald wieder sehen. — Gute Nacht, lieber Hugo, bringen Sie die Mama gut nach Hause." Die Damen umarmten einander, Hugo zog die Hand der Gräfin an seine Lippen, dann geleitete er seine Mutter durch die Halle, die Schloßtreppe hinunter, zu dem unten ihrer harrenden Wagen, hals ihr etnsteigen und setzte sich neben sie. „Soll das Coupee geschlossen werden?" „Nicht doch, die Luft ist milde." „Das finde ich auch, ich dachte nur, lveil Du sie vorhin der Gräfin gegenüber als kühl bezeichnet hast." „Ja, für Adele, das ist was anderes, sie ist schwer krank gewesen, sieht noch übel aus!" „Findest Du das? — Mir ist sie recht frisch vorgekommen." „Sie ist heiter, sie hat ein glückliches Temperament, aber sie ist doch recht schmal geworden. Unverantwortlich finde ich es von dem Grafen, daß er nicht einmal einen ordentlichen Arzt genommen hat." „Aber Mama, ich begreife Dich nicht, Doktor Kohn hat einen ausgezeichneten Namen, man rühmt ihn überall, und auch Deine Freundin —" „Ach was, Adele war von jeher überschwänglich, ich habe sie sehr, sehr lieb, aber das Pulver hat sie nicht erfunden, sonst würde sie sich nicht einem Juden anvertrauen!" „Sie hat es Gottlob nicht zu bereuen." „Wie kannst Du das wissen? — vielleicht, wenn üe von Anfang an einen gewiffenhaften christlichen Arzt gehabt hätte, daß die Krankheit gar nicht so schwer geworden wäre. Aber die jüdischen Aerzte, die machen zuerst ein gar weises, überlegenes Gesicht, sagen, man müffe erst sehen, wo die Sache hinaus will, man dürfe der Natur nicht vorgreifen u. s. w., bis die Sache arger und immer ärger wird, und dann erst fangen sie an, die Krankheit zu bekämpfen, damit man sich ihnen um so mehr verpflichtet fühle und sie um so größere Rechnung stellen können. Wie oft der Patient durch ihre Gewissenlosigkeit draufgeht, das kümmert sie nicht." „Liebe Mama, Deine Antipathie gegen die Juden macht Dich ungerecht gegen die jüdischen Aerzte, ganz gewiß - lvenn sie so gewissenlos wären, würden sie nicht von so vielen Christen anderen Aerzten vorgezogen werden. Wie mir Graf Edgersdors erzählt, hat Professor Lehden aus Berlin Doktor Kohns Behandlung nach jeder Richtung hin gut geheißen und ihm wiederholt erklärt, er könne sich auf den behandelnden Arzt vollkommen verlassen." „Ach was Lehden," eiferte die Baronin, „der ist auch so einer — seine Frau soll ja eine Jüdin — ich begreife nicht, wie man einen solchen Menschen als Autorität anerkennen kann, ich möchte mich bei einem einfachen Schnupfen nicht von ihm behandeln lassen." Hugo schüttelte den Kops, er wußte, er konnte gegen das Borurtheil der Mutter nicht aufkommen, aber immer zu schweigen, war ihm nicht möglich. „Du gehst zu weit, Mama, gewiß, Du gehst zu weit." - Die Baronin machte eine heftige Bewegung und schien sprechen zu wollen, aber der Wagen rollte jetzt auf der ziemlich holperigen Chaussee dahin, das laute Rasseln der Räder auf dem Straßenpflaster erschwerte die Unterhaltung. Die Dame lehnte den Kopf in die Wagenecke und schloß die Augen. Hugo blickte empor zum Firmament, an dem soeben der Bollmond zwischen seltsam geformten glänzenden Wolken sich langsam vorzudrängen schien und die Gegend ringsum wie mit magischem Glanze erleuchtete. Die Straße zwischen der Besitzung des Grafen Edgersdors und dem Gute der Baronin Waldstein zog sich längs eines Kiefernwaldes dahin. Der Luftzug, der sich jetzt erhoben hatte, führte den würzigen Harzduft herüber, mit Behagen athmete Hugo denselben ein. „Wie das Nadelholz so köstlich duftet," sagte er, indem er sich zu seiner Mutter wandte. Die Baronin erwiderte nichts, sie hatte noch immer die Augen geschlossen, ihr ruhig gleichmäßiges Athmen zeigte, daß sie eingeschlafen war. Ein liebevolles Lächeln umspielte die Lippen des jungen Mannes, als er auf die Schlafende.blickte, die trotz ihrer vierzig Jahre mit vollem Recht noch als .Schönheit galt. In den drei Jahren ihres Wittwenstandes waren ihr mehrfache Heirathsanträge von hochangesehener Seite geworden, aber einerseits mochte sie dem nahezu erwachsenen Sohne keinen Stiefvater geben, andererseits fühlte sie sich auch selbst in der wieder erlangten Freiheit vollkommen behaglich. Sie hatte zwar mit ihrem verstorbenen Gemahl in keineswegs unglücklicher Ehe gelebt, es war eine sog. Convenienzheirath gewesen und das Berhältniß der Gatten zu einander war vielleicht nie ein vollkommen inniges, aber stets ein überaus freundliches. Baron Waldstein, ein Ehrenmann und ein Ca valier vom Scheitel bis zur Sohle, huldigte den sog.' liberalen Anschauungen, während seine Gemahlin, überaus kirchlich gesinnt, stark zum Antisemitismus neigte. Wenn sie zuweilen den Winter in der Haupt-

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