Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 13 (12.2.1900)
- Date
- 1900-02-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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260 stabt verbrachte, zählte der Hofprediger Stöcker zu ihren täglichen Besuchern. In ihrem Salon fanden nicht selten Conventikel statt, ihre Kammerjungfer mußte in den Mußestunden beständig Strümpfe stricken und Hemden nähen für die Heiden im Innern Afrikas und auf den australischen Inseln. In der ersten Zeit hatte sie sich wiederholt bemüht, den Ärtten zu ihren Anschauungen zu bekehren, doch sehr bald das Vergebliche aller derartigen Versuche erkannt und dieselben aufgegeben, während der Baron namentlich in den späteren Jahren, als Hugo mehr und mehr heranwuchs, die Miffonsbestrebungen feiner Gemahlin bespöttelte, ihre antisemitischen Anschauungen jedoch, namentlich wenn sie denselben in Hügo's Anwesenheit Ausdruck lieh, entschieden verdammte. Das hatte sie ihm häufig übelgenommen, aber im Ernst konnte sie seiner offenen hochherzigen Natur nicht zürnen, und als er vor drei Jahren auf der Jagd vom Pferde gestürzt und ihr sterbend in's Haus gebracht worden war, da hatte sie mehrere Monate aufrichtig um ihn getrauert und seine spöttelnden Bemerkungen zuweilen vermißt. Bald jedoch war sie zu der Einsicht gelangt, daß es sich weit angenehmer lebe, von Niemandem kritisirt, geschweige bespöttelt zu werden. Seit dem Hintritt ihres Gatten kam sie sich sowohl in ihrem Thun, als auch in ihrem Denken geradezu unfehlbar vor und das hatte einen unbestreitbaren Reiz für sie. Zwar wußte sie, daß Hugo, mit seinem hellen, klaren Verstand, seinem unbefangenen Sinn, den Anschauungen seines Vaters weit näher stand, als den ihren, aber er hatte es stets vermieden, in ihrer Gegenwart seinen diesbezüglichen Ansichten Ausdruck zu verleihen und darum hielt sie es für gerathen, dieselben vollständig zu ignoriren. Hugo war ein ausgezeichneter Sohn, der seine Mutier innig lieble und verehrte, und ihre schwache Seite kennend, dieselbe möglichst schonte. Es war heute vielleicht zum ersten Male, daß er ihr widersprochen hatte, allerdings in schonendster Weise, aber es hatte sie dennoch höchst unangenehm berührt,- es war aber auch heute das erste Mal, daß der junge Mann einen Juden kennen gelernt, und zwar hatte der geistvolle Mann, den die Freunde seiner Mutter so überaus rühmten, einen sehr sympathischen Eindruck auf ihn gemacht, deßhalb war es ihm nahezu unmöglich gewesen, zu den verächtlichen Bemerkungen seiner Mutter über denselben zu schweigen. Warum die hochgebildete, in allem Uebrigen so mild denkende Frau, wenn es sich um Juden handelte, so schroff, oft geradezu herzlos sich äußern konnte — Hugo schüttelte den Kopf, es war ihm ein Räthsel. Für die Heiden auf den Südsee-Jnfeln ließ sie Hemden nähen. ob sie einem darbenden Juden wohl einen Pfennig schenken würde? — Grübelnd starrte er vor sich nieder. Da vernahm er plötzlich ein lautes Schluchzen, während der Kutscher, einen Fluch ausstoßend, mit mächtigem Ruck die Pferde zum Stehen brachte. (Fortsetzung folgt.) Wochen Kalender. 16. Februar, 17. Adar. Sabbat-Anfang in Mainz und Frankfurt a. M. 5 Uhr 30 Mi«. Samstag, 17. Februar, 18. Adar, O. Sabbat-Ausgang in Mainz und Frankfurt a. M. 6 Uhr 80 Min- — Berlin 6 Uhr 07 Min. — München 6 Uhr 18 Min. — Hannover 6 Uhr 21 Min. — Stuttgart 6 Uhr 31 Min. — Prag 6 Uhr 05 Min. — Straßburg 6 Uhr 35 Min. — Posen 5 Uhr 53 Min. Sonntag, 18. Februar, 19. Adar, myn. Montag, 19. Februar, 20. Adar, cr-m Der „JSraelit" erscheint wöchentlich zweimal. Montags nnd Donner«tags4 jedesmal in mindestenzwei Bogen. Preis pro Vierteljahr bei der Post 3 Mark ohne Bestellgeld. Ausland entsprechend hoher. 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