Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 13 (12.2.1900)
- Date
- 1900-02-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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257 woselbst unter Verrichtung von Gebeten ein Umzug um die Gräber abgehalten wurde. In der Mittagsstunde fand in der festlich erleuchteten Synagoge ein feierlicher Gottesdienst statt. In der stimmungsvollen Gedächtnißrede widmete Herr Rabbiner Dr. Münz Worte inniger Pietät auch dem Andenken des selig entschlafenen Herrn Rabbiner Dr. H i l d e s h e i m e r s. A. in Berlin, dessen Leben und Wirken er als einen Kiddusch Haschem in des Wortes lauterster Bedeutung bezeichnete. Am Abend führte ein glänzendes Festmahl einen großen Kreis von Mitgliedern und Freunden des Vereins zusammen. In einer interessanten, gehaltvollen Darstellung warf der Vorsitzende der Synagogengemeinde, Herr Rechtsanwalt Schüller, einen Rückblick auf die Geschichte unserer Gemeinde. Er wies darauf hin, wie in dem vergangenen Jahrzehnt die Synagogengeineindc Gleiwitz zur Blüthe gelangt sei, wie das hiesige Rabbinat durch die Naturalisation des Herrn Rabbiners Dr. Münz zur Freude der Gemeinde eine feste, definitive Grundlage gewonnen, wie auf allen Gebieten des Cultus und der Verwaltung das regste Interesse sich kundgebe, wie alle gemeinnützigen, mildthätigen Bestrebungen bei der Gemeinde und den Vereinen die nachhaltigste Förderung erfahren, und wie der gute Geist, der in den verflossenen Jahren in der Synagogen-Gemeinde Gleiwitz lebendig war, auch in Zukunkt von uns hochgehalten werden soll. Der ungetrübte Verlauf des an geistigen Anregungen so reichen Tages hat es wieder zur Genüge bewiesen, von welch hoher religiöser und sittlicher Kraft das jüdische Gemeindeleben getragen wird. In dem Gleichmaße der kommenden und gehenden Tage bilden solche Festlichkeiten innerhalb der jüdischen Gemeinde schimmernde Lichtpunkte, von denen das Bewußtsein der Einigkeit und Zusammengehörigkeit weit über die Grenzen der eigenen Gemeinde hinausstrahit. Brombcrg, 9. Febr. Vor einiger Zeit wurde die die Stelle eines Lehrers an der hiesigen städtischen höhe- .rcn Mädchenschule öffentlich ausgeschrieben. Die ein zige Bewerbung, die hierauf erfolgte, war die des Herrn Dr. Aronstein aus Berlin. Herr Director Rademacher, der zwar die guten Zeugnisse des Herrn Dr. Aronstein lobend anerkannte, protestirte gegen die Wahl dieses .Herrn, da er als Jude nicht geeignet wäre, deutschen Sprachunterricht zu ertheilen. (!!) Trotz dieses Protestes beschloß die Schuldeputation. Herrn Dr. Aronstein einzuladen, hier einen Probeunterricht zu ertheilen. Die Leistungen des Herrn haben der Schuldeputation zugesagt, und es wurde Herr Dr. Aronstein mit sechs gegen fünf Stimmen dem Magistrat zum Engagement vorgeschlagen. Herr Director Rademacher wiederholte nach der Probelektion. daß er es im Interesse der Schule sehr bedauern müsse, wenn Herr Dr. A. engagirt würde, weil er Jude sei. Diese Auffassung scheint sich auch der Magistrat angeeignet zu haben, denn trotzdem der erste Bürgermeister Knobloch warm für die Anstellung des Herrn Dr. A. eintrat, wurde er doch nicht gewählt, und zwar wurde es offen ausgesprochen, seines Glaubens wegen. Einer der Herren Stadtkäthe, der sich offen zu dieser antisemitischen Gesinnung bekennt, war derselbe Herr, der bei der letzten ReichStagSwahl Kandidat der freisinnigen Volkspartei war! — Diese Vorgänge bildeten das Thema einer von Bromberger Bürgern jüdischen Glaubens sehr zahlreich besuchten Versammlung. Nach einem kurzem Referat des Herrn Stadtverordneten Rechtsanwalt Wvlffen und des Bankdirectors Friedländer wurde fast einstimmig eine Resolution angenommen, in der energisch gegen oben geschilderte Handlungsweise des Magistrats Protest erhoben wird. Jede weitere Bemerkung würde die Wirkung dieser Mittheilung abschwächen. Stuttgart, 8. Febr. Wenn Theaterberichte im „Israelit" sich vielleicht etwas sonderbar ausnehmen, so dürfte es wohl Niemand Ihrer Leser es Ihnen verübeln, wenn Sie heute von Ihrer Gepflogenheit, das Theater zu ignoriren, einmal abweichen und so sei mir denn der nachstehende Bericht gestattet: Seit seinem Bestehen dürfte das hiesige Hoftheäter wohl kaum eine so jubelnde und herzliche Kundgebung gesehen haben, als diejenige, welche am Santftag, den 3. Februar, die äußerst zahlreichen Theaterbesucher .dem Kammersänger Heinrich Sontheim, unserem Glaubensgenossen, zu seinem 80. Geburtstage bekeitcten. Das Haus war vollständig ausverkauft. Das Hauptinteresse konzentrierte sich auf den zweiten Akt von Raimunds „Der Verschwender," wo die große Gesellschaft bei Flottwell versammelt ist und wo der Jubilar Sontheim als „Gast" mitwirkte. Schon bei seinem Eintritt wurde er mit so stürmischem Beifall begrüßt, daß es geraume Zeit dauerte, bis der Singchor den Veteran mit einem von Professor Gerstmann gedichteten Liede willkommen heißen konnte. Nun sang Sontheim selbst zwei Lieder mit staunenswerther Frische und herrlichem Wohlklange. Nach dem Theater war Bankett im Hotel Marquart. An der Seite des Jubilars saß der Hoftheaterintendant v. Putlitz und begrüßte ihn mit einer herzlichen Rede. Se. Majestät der König erfreute den Jubilar durch sein Portrait'ln kostbarem Rahmen, Herzogin Wera sandte einen schönen Kranz mit Schleife und Prinz Weimar ließ ebenfalls gratulieren. Zahlreiche Telegramme. Briefe und Angebinde erfreuten den Jubilar, dem es schon früher an Auszeichnungen nicht fehlte. Von König Wilhelm I. von Württemberg erhielt er die grüße Medaille für Kunst und Wissenschaft am Bande des Kronenorvens, von König Karl das Ritterkreuz des FrikdrichSordeNs, von Großherzog Franz von Mecklenburg-Schwerin das Ritterkreuz Heinrichs des Löwen, von König^ Wilhelm l l. von Württemberg den Titel eines Kammersängers und eines Ehrenmitgliedes des hiesigen Hoftheaters. Oester r. -Nnaar. Monarchie Wien, tz. Febr. (Zurückhaltung eines jüdischen Mädchens im Kloster.) Während die Affaire der Komtesse Poninska im Lemberger Franziskanerinnenkloster