Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 12 (8.2.1900)
- Date
- 1900-02-08
- Page
- – (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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62 Die Erziehung der jüdischen Jugend zum Handwerk und zur Bodenkultur Von Alphhn»e Levy* (II. Fortsetzung und Schluss.*) " Für die ebenfalls satzungsmässig geplante Verbreitung des Ackerbaues glaubte man bisher, mit Rücksicht auf die vorhandenen Schwierigkeiten nichts thun zu können. Aehnlich liegen die Verhältnisse bei dem Posen er Verein, der Rohr'schen Stiftung und anderen ähnlichen Instituten. An jüdischen Anstalten, wo Knaben Anleitung in Bodenkultur erhalten, hat es bislang gefehlt. Um diesem, in heutiger Zeit als dringend anerkannten Bedürfnisse abzuhelfen, hat Herr Alexander M. Simon nach eingehendem Gedankenaustausch mit dem, auf dem Gebiete der Wohlthätigkeit rühmlich bekannten Herrn Alphons Jacobson und mit anderen hervorragenden Glaubensgenossen und auf deren Ermuthigung, das schwere Werk zu beginnen, unweit des Schwefel- und Soolbades Limmer-Brunnen bei Hannover auf einem, von ihm käuflich erworbenen, hinreichend grossen Areal eine Erziehungsanstalt errichtet, die einen doppelten Zweck erfüllen soll. Die Hauptaufgabe besteht darin, schulpflichtige Knaben, neben dem vorschriftsmäßigen Unterricht einer guten Volksschule, theils systematischer-, theils spielenderweise in Handfertigkeitsarbeiten und den Anfängen der Bodenkultur zu unterrichten. Zur Stärkung und Kräftigung ihres Körpers werden dieselben zum Turnen, Schwimmen und anderen Leibesübungen an gehalten. In erster Reihe hat man hierbei Waisenkinder und solche Knaben in's Auge gefasst, denen durch häusliche Verhältnisse die richtige Erziehung im Hause nicht gegeben werden kann. Es sind dies die Kreise, aus denen in der ersten Zeit die Anstalt ihre Zöglinge erwarten dürfte; es ist jedoch zu hoffen und zu wünschen, dass auch in besser situirte Familien recht bald die Erkenntniss dringt, wie viel besser es gethan ist, die Kinder zu dieser Beschäftigung anzuleiten, als sie für die überfüllten und schon vermöge ihrer Anlagen nicht zusagenden Berufsarten zu bestimmen. Die Anstalt wird dann auch für sie Raum schaffen und auch ihnen das Elternhaus ersetzen. Dass sich bei den meisten Kindern die Liebe zur Bodenkultur und zum Handwerk in Folge dieser Erziehungsmethode festsetzt, ist mit Sicherheit zu erwarten. Keineswegs soll aber seitens der Anstalt irgend ein Zwang auf die Kinder betreffs ihrer Berufswahl ausgeübt werden. Der Lehrer soll nur bei den verschiedenen Arbeiten und Hantirungen die Schüler beobachten, um zu rathen, für welche Berufsart jeder Knabe sich am besten eignet, und auf das betreffende Fach den Sinn der Kinder hinlenken. Auch in solchen Fällen, wo der Knabe sich später für den Kaufmannsstand oder irgend einen anderen Berufszweig entscheidet, wird diese Erziehungsart den Vortheil haben, kräftige, abgehärtete Männer zu bilden und Liebe zur Natur, wie auch praktischen Sinn ein geflößt zu haben, was ihnen zeitlebens zum Segen gereichen wird. Ausser diesen schulpflichtigen Kindern werden auch Knaben, welche bereits die Schule verlassen haben, in regelrechter rationeller Weise zur Bodenkultur, namentlich zur Gärtnerei erzogen. Auf dem 5 0 Morgen grossen Terrain, zu welchem später noch 20 Morgen zugelegt werden sollen, werden die verschiedenen Zweige des Gartenbaues und etwas Getreidebau betrieben. Unter Leitung eines, von der Königlichen Gartenbauschule in Geisenheim empfohlenen Obergärtners und mehrerer tüchtiger Gehilfen werden die Lehrlinge in den praktischen Arbeiten des Obst- und Gemüsebaues, der Blumenzucht etc. unterwiesen, und erhalten ausserdem wöchentlich im Sommer 6 Stunden, im Winter 12 Stunden Fachunterricht. Nach dem Urtheil von Sachverständigen wird die Anstalt einen Theil der Unterhaltungskosten der Zöglinge künftig aus den, in umsichtiger Weise gemachten Anpflanzungen decken, vorläufig jedoch verursacht deren Unterhaltung noch grosse Geldopfer. Ausser der Bodenkultur wird in der Anstalt Tischlerei in bescheidenem Umfange betrieben, theils um die mannigfachen, in der Anstalt vorkommenden Reparaturen auszuführen, theils um durch den betreffenden Tischlermeister den Kindern im Winter Handfertigkeitsunterricht ertheilen zu lassen. Es soll endlich auch den Lehrlingen der Gärtnerei und Landwirtschaft die Gelegenheit gegeben werden, durch Beobachtung zu lernen, wie man kleine Reparaturen an Gerätschaften etc. selbst aasführt, damit sie später nicht gezwungen sind, jede derartige Arbeit durch Andere aasführen zu lassen, was sich um so kostspieliger und zeitraubender stellen *) S. Nr. 720.