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Der Israelit · 1900-02-08 · Heft 12 (8.2.1900) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 12 (8.2.1900)
Date
1900-02-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
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236 r] noch fester in ihren fadenscheinigen Schafspelz, aus welchem der Wolf aus allen Ecken und Enden lugt, und erörtern mit viel hohlem Pathos die alte Frage, wer Wolf und wer Lamm sei und wer in Wirklichkeit das Wasser getrübt habe. Sie wittern überall außerhalb des Kreises der Ausgetretenen Anstifter und Organisatoren, die nur, wie in einem Marionettentheater, an einem Draht zu ziehen brauchen, um die Trennung einer Gemeinde zu bewerkstelligen. Sie beweisen, oder behaupten wenigstens beweisen zu können, daß nicht wahrhafte Frömmigkeit das Motiv des Austrittes ist, daß sie vielmehr aus Kurzsichtigkeit und Verkennung so handeln wie sie handeln, und füglich werden auch noch hämischer Weise private und Familieninteressen den angeblichen Drahtziehern in die Schuhe geschoben und noch einige Liebenswürdigkeiten dazu." Die Wiener „Neue jüdische Presse" führt unter dem Motto: „Wenn der Hirte den Schafen zürnt, so macht er zum Leithammel einen Blinden" (B. K. 62) folgendes aus: „Derjenige unbefangene Forscher, welcher dereinst von der hohen Warte abgeklärter wissenschaftlicher Forschung an die Aufgabe herantreten wird, die Geschichte des Judenthums in unserem soeben abgelaufenen Jahhrundert zu beschreiben, dem wird seine tiefe Tragik wie ein Riß durch die Seele gehen. Dieser ganze Zeitraum bewegt sich in so schrillen Dissonanzen, daß wir vergeblich in der ganzen jüdischen Geschichte ein Gegenstück dazu suchen. Unsere Widerstandskraft gründete sich ausschließlich auf die Ueberzeugung, daß wir überall, wo Gott uns hat geboren werden lassen, auch das unveräußerliche Recht besäßen, als Juden leben zu dürfen. Und nun, da die Macht der ganzen Welt an unserem Widerstand sich gebrochen hatte, — unsere Rechte zur allgemeinen Anerkennung reiften. — da geschah das Entsetzlichste. Man sollte glauben, die Juden würden sich bei dieser großen Wende der Zeiten mit freudigem Jauchzen allesamt brüderlich in die Arme fallen, ihre Einigkeit, ihren treuen Glauben verherrlichen, die auch den Schwachen stark machten und kraft deren sie den Widerstand einer Welt überwunden. Sie hätten sagen müssen, wollen wir unser einziges Bollwerk erst recht hoch halten. Nichts von alledem tr«t ein, sondern das gerade Gegentheil. Diese Gedankenreihe wurde in uns angeregt, als die Schrift „Der Austritt aus der Synagogen-Gemeinde in Königsberg in Preußen 1900" uns zu Gesichte kam. Augenscheinlich waren die Verfasser bemüht, in einer abgeklärten rein sachlichen Darstellung die offensichtlich jede Reflexion über das von ihnen Erfahrene und Erlittene vermeidet, sich zu äußern. Die Welt sollte erfahren, wie ihnen rücksichtslose Neuerungssucht eine Stütze der Religion nach der anderen entzogen hat, bis sie schließlich in die peinliche Gewissensnoth versetzt worden, aus der israelitischen Gemeinde austreten zu müssen. Den Betheiligten wird man die hohe Anerkennung nicht versagen, daß sie trotz mehrfacher Herausforderung es dennoch streng vermieden haben, der Erregung, welche so schwere Gewissenskämpfe nothwendig im Gefolge haben, auch nur ein einziges Wort zu leihen. In den Augen des Kundigen wird ihre Sache dadurch nur gewinnen. Er wird daraus erkennen, daß sich die Verfasser in ihrem Gewissen als wohl gegründet erkennen. In der That haben sie es nicht nöthig, dem Urtheil ^er großen jüdischen Welt vorzugreifen, oder durc.. irgend welche Mittel dasselbe für sich zu stimmen. Mit vollem Fug und Recht dürfen sie das Urtheil ruhig abwarten. Es ist aber nicht zu verkennen, daß die weiten jüdischen Kreise heute wenig darauf eingerichtet sind, sich in die Würdigung verhängnißreicher Gewissenskämpfe zu vertiefen." Es wird hier die volle Objectivität der Königsberger Broschüre anerkannt, welche auf die Gefahr hin, die Leser nicht durch eine fesselnde Darstellung zu unterhalten, es vermeiden zu sollen glaubte, kaptivierende Schlagworte anzuwenden. Die gegen die Ausgetretenen in der „Israelitischen Wochenschrift" und der „Allgem. Zeitung des Judenthums" theils ohne Begründung vorgebrachten, theils auf durchaus haltlose, falsche Voraussetzungen zurückzuführenden schweren Angriffe nöthigen uns, die in der Broschüre beobachtete Reserve und diskrete Haltung aufzugeben und auch das persönliche Gebiet so weit, wie nöthig, zu streifen. Die nunmehr aus der Gemeinde Ausgetretenen haben zunächst 23 Jahre lang — bis 1893 sogar — ohne zu klagen, geduldig die weitestgehende Nichtbeachtung seitens der Gemeinde und ihrer Leiter hingenommen, obwohl sie einen wesentlichen Theil der Synagogenbesucher darstellten, an Wochentagen und an manchen Sabbaten in größerer Zahl, als diejenigen, die sich durch die Orgel zur Andacht stimmen ließen. Die Orgel hat auch hier, wie fast überall, den erwarteten oder wenigstens vorgegebenen Effect, der Füllung der Synagoge, der Zurückführung der Indifferenten, nicht gehabt. Im Jahre 1893 schien der geeignete Moment gekommen, die Gemeinde angesichts der frei werdenden Synagoge zur Erfüllung einer Pflicht zu mahnen. Mit welchem Erfolge, das beweist die veröffentlichte Antwort des Vorstandes. Das Häuflein der Religiösen verdoppelte seine Anstrengungen, errichtete eine kleine Synagoge und stellte einen Rabbiner an zur Erbauung der Synagogenbesucher, zur Ueberwachung der Ritualeinrichtungen, vor allem aber, um der Jugend die nöthige Belehrung zu verschaffen und damit die wesentlichste aller jüdischen Pflichten zu erfüllen. Von dieser Zeit ab verwandelte sich die Nichtbeachtung in eine haßerfüllte Schroffheit gegen alle Bestrebungen der Religionstreuen, deren Institutionen mit einem guter Sache würdigen Eifer lahmgelegt und untergraben werden sollten. Dieser Haß erzeugte einen unnatürlichen Bund auf diplomatischer Unterlage, die Synagogen-Gemeinde bezw. ihre Leiter verbanden sich mit den polnischen Gemeinden, welche für sie bis dahin

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