Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 12 (8.2.1900)
- Date
- 1900-02-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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232 1 .4-Uj§jyi4ipP.!.U' Der Ausgangspunkt der Philosophie Philo's war das Ideal der Gottheit. Durch das ganze System geht der Gegensatz zwischen Gott, dem Unendlichen, Vollkommnen und der Materie, der endlichen und unvollkommenen. Gott ist so hoch erhaben selbst über die Vollkommenheit der Menschen, daß jedes Prädicat zu gering erscheint. Was Er ist, wissen wir nicht. Er wirkt in der Welt vermittelst Geister und Kräfte. Die Obersten dieser Kräfte sind die Güte und die Macht Gottes. In der Mitte zwischen beiden steht als Vermittler der Logos, die wirksame göttliche Vernunft, der Stellvertreter und Gesandte Gottes, der Engel, welcher die Offenbarungen und Wirkungen Gottes vermittelt, aber auch Fürbitte einlegt. Philo bezeichnet ihn als zweiten Gott. Man sieht, wie hier die jüdische Anschauung durchbrochen wird. Unwillkürlich wird man an die christliche Anschauung erinnert. Den Grund für das Schlechte findet er in der Materie. Er nimmt also neben dem absolut Vollkommenen noch etwas anderes an, das von jeher bestand. Daraus hat Gott die Welt gebildet, also nicht aus dem Nichts. Auch hier zeigt sich der Einfluß der heidnischen Philosophie. Die Seele des Menschen war ursprünglich eine solche Kraft, ein Geist, und das ganze Firmament ist von Geistern erfüllt, die dem Himmel Näheren sind Engel, die der Erde Näheren gehen in den Menschen. Jedem Menschen ist durch den Stoff die Sünde angeboren, was auch eine unjüdische Anschauung ist. Das höchste Gut ist die Tugend, diese kann nur durch die göttlich? Gnade erreicht werden, was gleichfalls der jüdischen Anschauung widerspricht. Philo führt alles auf die Bibel zurück, stützt sich jedoch auf die für inspirirt gehaltene griechische Uebersetzung, selbst wo offenbare Uebersetzungsfehler vorhanden sind. Fast alle Vorgänge in der Bibel legt er allegorisch aus, er symboli sirt die Namen, die Thiere, die Kleider. Diese Art der Auslegung legte es nahe, auch die Gebote allegorisch aufzufaffen und sich mit der Ergänzung ihres Geistes zu begnügen. Philo wendete sich zwar scharf gegen diese Auffassung, aber sicherlich hat sie viel zum Untergange des alexandrinischen Judenthums beigetragen. Zu derselben Zeit, wo in Palästina das Judenthum aufblühte und erstarkte, ging in Alexandrien Hand in Hand mit dem äußeren Zerfall auch der innere. Auch in unseren Tagen hat man einen Widerspruch zwischen der starren Form und dem lebendigen Geiste zu konstruiren versucht, und nur Letzterem Berechtigung zugestanden. Gewiß ist der Geist der Gebote von höchster Bedeutung, aber wenn der Geist der körperlichen Hülle entbehrt, verflüchtigt er sich. Geist und äußere Form müssen harmonisch Zusammenwirken, nur daraus kann das Heil des Judenthums erwachsen. Magdeburg. Der „Jraelitische Wittwen- und Waisen-Unterstützungsverein", der seit dem Jahre 1872 innerhalb der hiesigen Jsraelitengemeinde seine segensreiche Thätigkeit ausübt, hielt unter dem Vorsitze des Oberstabsarztes a. D. Dr. Rosenthal seine ordentliche Generalversamlung ab. Der Vorsitzende gab zunächst an der Hand eines sämmtlichen Vereinsmitgliedern zugesandten gedruckten Ausweises eine kurze Uebersicht über die Leistungen des Vereins im verflossenen Jahre. Die Zahl der Mitglieder ist Ende vorigen Jahres auf 249 gestiegen igegen 237 Ende 1898); das Vereinsvermögen belief sich Ende 1899 auf 66,890.45 Wflt. An Unterstützungen für hilfsbedürftige Wittwen u. Waisen der Jsraelitengemeinde sind 1899 verausgabt 3458.60 Mark (gegen 3313.60 Mk. im Jahre 1898). Für die Rechnung des Jahres 1898 wurde dem Vorstand Entlastung ertheilt. Tilsit, 5. Febr. Im hiesigen jüdischen Litteraturverein hielt dieser Tage Herr Rabbiner Dr. Beerm a nn aus Insterburg einen äußerst gediegenen und formschönen Vortrag über das Thema: „Die Messiasidee und ihre Geschichte." Aus den eingehenden Besprechungen, die der Vortrag in den hiesigen Tageszeitungen gefunden, ersehen wir, daß der Redner mit der ihm eigenen begeisternden Beredtsamkeit in gigantischen Zügen den Werdegang der meffianischcn Hoffnungen zeichnete — von der Bibel bis zum Sohar. Der rauschende Beifall der gutbesuchten Versammlung bewies, mit welchem Interesse man den glänzenden Aus führungen des verehrten Redners gefolgt war. lTils. Allg. Ztg.) Elberfeld, 5. Febr. Die hiesigen Antisemiten haben sich in den letzten Wochen wieder mit der ganzen ihnen zu Gebote stehenden Rohheit in den Vordergrund drängen zu müssen geglaubt, um auf's Neue die traurige Erfahrung zu machen, daß ihre unsauberen Machenschaften das Tageslicht nicht ertragen können. So haben sie in drei Auflagen ein Flugblatt verbreitet, ivelches in den anständigen Kreisen der Bevölkerung mit einmüthiger Entschiedenheit verurtheilt worden und thatsächlich das Gegentheil von dem bewirkte, was von Hause aus seine Bestimmung war. Die ganze Praxis der Herren Ahlward und Eousorten hat sich bei dieser Gelegenheit, lvie zu allen Zeiten, als eine Krankheit entpuppt, deren Snmpthome sich regelmäßig dann be merkbar machen, wenn es sich in besonders lebhaften Geschäftsperioden darum handelt, den Bankrott der antisemitischen Bewegung zu dokumentiren. Uiu aber dem Ganzen die Krone auszusetzen, zitierte inan die hervorragendsten Vertreter der antisemitischen Elite aus die Bildfläche, au ihrer Spitze den Herrn Reichstagsabgeordneten Raab aus Hamburg, und nicht ahnend, daß Ereignisse deprimierendster Natur bevorstehen, wurden mittelst großer, öffentlich angeschlagener Plakate Volksversammlungen einberufen, in welchen jene Geistesheroeu gegen ein mäßiges Entgeld ihre sattsam bekannten Tiraden unter dem frenetischen Jubel unreifer Jünglinge zum Besten gaben. Die Thematisierung dieser Vorträge aus den Plakaten war indessen eine derart frivole, daß sich der Vorstand der hiesigen Synagogen-Gemeinde veranlaßt sah, die Polizei auf den gemeingefährlichen Eharaeter der betreffenden Bekanntmachungen hinzuweisen, und er hatte den Erfolg, daß die Plakate zum unbeschreiblichen Aerger der