Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 11 (5.2.1900)
- Date
- 1900-02-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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214 Kopeke ihres mit Blut und Thränen erworbenen Verdienstes Hingaben. Ein zuverlässiger Gewährsmann erzählte mir von einer armen Frau, die am Eres Peßach gegen Abend weinend klagte, sie habe nych keine Mazzos. „Aber habt Ihr denn nicht, wie alle hiesigen Armen, einen Beitrag für Beschaffung von Mazzos bekommen?" „Allerdings habe ich zwei Rubel erhalten, aber man hat mir gesagt, daß es keine größere Mizwoh gäbe, als Antheilscheine der Kolonial-Bank zu kaufen. Dafür gab ich mein letztes Geld hin in der Hoffnung, daß ich durch das Verdienst dieser Mizwoh schon Mittel und Wege zur Beschaffung von Mazzos finden würde; und nun ist in wenigen Stunden Jomtof und ich stehe ohne Geld und ohne Mazzos da!" Solche Züge, die sich in hundertfachen Variationen aufzählen ließen, zeigen, wie es einer gewisienlosen Agitator in der That gelungen ist, das Volk zu bethören und es für ihre Machenschaften zu gewinnen. Sie fragen: Gibt es denn im jüdischen Rußland keine Männer, die das Volk über dieses ganze Gebühren aufgeklärt hätten? In Rußland, wo doch die nvrn rrrrn G. f. D. ein sicheres Heim u. zahlreiche wackere Vertreter hat, in Rußland, wo das Gros der jüdischen Bevölkerung mit aufrichtiger Verehrung zu seinem Rabbiner und .rrr empor blickt, in Rußland, wo es doch nicht an jüdischen Zeitungen fehlt, in welchen die ’QiSt? ihre mahnende, warnende Stimme hätten erheben können? Haben doch sogar deutsche Rabbinen Protest gegen den Zionismus erhoben, warum ist dies bislang nicht von russischer Seite geschehen? So schwerwiegend diese Fragen auch im Westen Europas erscheinen mögen, wer die hiesigen Verhältnisse und Zustände aus eigener Anschauung kennt, findet in dieser Kenntniß nicht nur befriedigende Antwort auf alle diese Fragen, sondern solche Fragen tauchen auf Grund dieser Kenntniß nicht einmal auf. Zur Ehrenrettung unserer ’rcx 'zrhw ist es Pflicht, sich über dieses unerquickliche Kapitel einmal öffentlich auszusprechen und auf die schweren Schäden hinzuweisen, unter welchen die russische Judenheit leidet, Schäden, die in der Eigenart unserer Verhältnisse wurzeln, denen man nur durch eine rückhaltlose Aussprache mit Erfolg entgegen treten kann. Die schwere, drückende, oft kaum erträgliche soziale und politische Lage der russischen Judenheit ist bekannt. Daß diese Zustände einen günstigen Nährboden zum Glauben an die abenteuerlichsten Lustschlösser abaeben, liegt aus der Hand. Die Lage ist in breiten Schichten der Bevölkerung eine so traurig trostlose, daß sie derjenigen eines Ertrinkenden gleicht, der selbst einen scharfgeschliffenen, zweischneidigen Dolch gierig zu seiner Rettung erfaßt. Die noch so große Intelligenz und innige Frömmigkeit der großen, breiten Volksschichten wird durch diese Zustände auf eine harte Probe gestellt. Sie bestehen glänzend die Gefahren der Armuth, der Verkennung und Verfolgung, kurz, alle die schweren Proben, welche ihnen eine rauhe Gegenwart auferlegt, mit ihrer Anhänglichkeit an unsere große Vergangenheit und ihrer zuversichtlichen Hoffnung aus unsere noch größere Zukunft. Sie sehen alle Plackereien ihres harten Lebensgeschickes lediglich als einen Uebergang zu einer glücklichen Zukunft an, die ihnen von Gott verheißen ist und die jeden Tag Gegenwart werden kann. Sie sehen auch, daß es bei uns wie allenthalben Leute gibt, die diesen Idealen des Judenthums geringschätzig den Rücken gekehrt haben, sich über die Gesetze Gottes scrupellos hinwegsetzen, um das zeitliche Leben mit vollen Zügen genießen zu tonnen. Da machen sie plötzlich die Erfahrung, daß gerade diese Elemente leichteren Kalibers das bis dahin verkannte Zutunftsideal hoch halten, dafür Vereine gründen, Beiträge spenden, Organisationen schaffen, kurz Zion und das heilige Land zum Mittelpunkt ihrer eifrigsten Bestrebungen machen. Je mehr diese Leute sonst ein zügelloses, unjüdisches Leben führen und offenkundig als c’-ra und sich geriren, je mebr sie in täglichen praktischen Leben mit dem wahren Judenthuine zerfallen sind, um so mehr imponirt es den Treugebliebenen, endlich einen Punkt gefunden zu Halen, in dem sie mit den Abgefallenen einig gehen können Das Leben der Gegenwart scheidet sie, aber der Gedonte an die Zukunft verbrüdert sie wieder. Das sind die treibenden Elemente der allüberallhin verbreiteten Vereinigung, die unter dem Namen „Ehowowe Zion" zunächst allerdings nur die Kolonisation des heiligen Landes anstrebt. Sie hat von Haus aus mit dem politischen Zionismus nichts zu thun, sondern hat nur gesunde, praktische Ziele vor Augen. Mährend in Rußland sonst das Vereinsrecht ein sehr beschränktes ist, genießt diese Vereinigung die denkbar größte regierungsseitige Protektion, ein Umstand, der aileir genügen könnte, den nüchternen Beobachter stutzig zu machen. Die Eontrolle über die eingehenden Beträge ist eine sehr mangelhafte und es ist öffentliches Gebeimniß, daß nicht alles mit rechten Dingen zugeht; aber das ist hier zu Lande ein Mißstand, an den man auch sonst gewohnt ist u. über den man sich daher nicht sonderlich echauffirt. Die „Ehowowe Zijon" und der politische Zionismus haben sich nun verbrüdert und ziehen Wechsel auf einander. So leisten sich auch hier diese beiden Bestrebungen gegenseitig Handlangerdienste und haben über die Köpfe der großen Gesammtheit ein Netz geworsen, dessen Maschen sich immer enger und enger zusammenziehen. Einer sieht dem Andern durch die Finger, keiner verräth den andern und wehe dem, der sich unterfangen wollte, öffentlich aufzutreten und das Kind beim rechten Namen zu nennen. Man hat außerhalb Rußlands kaum eine Ahnung davon, welche Rolle das Denunciantenthum bei uns im allgemeinen und in diesen Kreisen speziell spielt. Gewissenlose Agitatoren haben damit ein leichtes Mit-