Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 11 (5.2.1900)
- Date
- 1900-02-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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41. Jahrgang. M ü Der Israelit. Ein Kentrak-Hrgan für das orthodoxe IudentHum. Begründet von Dr. Uehnrarin in Utainj. Montag, bcn 5. Februar 5660 (1900). Leitender Artikel. Der Wieöergsng des Iiomsmus. Wilna, im Adar I. 5660. Der Zionismus hat bei Ihnen im Westen lange nicht die Bedeutung, die er für uns in Rußland, Polen, Galizien und Rumänien hat. Er lebt bei Ihnen nur in den jüdischen Zeitungen, in der Wirklichkeit begegne: inan ibm so gut wie nirgends. Bon den Circularen, Flugschriften und den übrigen papierenen Thaten der Zionisten nimint man bei Ihnen so gut wie keine Notiz. Wenn selbst die zionistische Begeisterung sich bis zu einem Bankett, einem Makkabäerfest und einer ähnlichen Heldenthat versteigt, so läßt man die Begeisterten sich gerne amüsiren, bankettiren und pokulireu, ohne daß die Weltgeschichte sich deßhalb veranlaßt sieht, ihr Geleise zu verlaffen. ES nimmt Niemand dieses luoderne Theater-Makkabäerthum für ernst und Jeder findet sich leicht mit der Thatsache ab, daß es auch solche Käuze geben müsse. Anders ist eS bei uns. Die große Masse bei uns glaubt noch au das geschriebene und gar an das gedruckte Wort, besonders, wenn es sich in der Sprache und in den Schriftzeichen an die Masse ivendet, in welchem auch die rcx mTi zu ihnen spricht. Als Herzl's „Judenstaat" erschienen lvar u. seine hochsliegenden Utopien aus den jüdischen Zeitungen in Scheidemünze umgesetzt und unter die breiten Volksschichten geworfen wurden, als diese Luftschlöffer durch Berufung eines Congresses nach München greifbare Gestalt anzunehmen schienen, ging eine Bewegung durch die gesammte russische Judenheit, die eine Zeit lang wirklich hohe Wogen trieb. Natürlich ließen es die journalistischen Handlanger des Zionismus nicht an Uebertreibungen, Entstellungen u. geradezu unwahren Behauptungen fehlen, um so das Bolk gewaltsam für ihre Mache zu exaltiren. Daß die Fürsten der größeren Staaten Europas an diesem Congreß theilnehmen ivürden, gehörte damals zu den harmlosesten Leistungen unserer zionistischen Presse. Es wäre interessant, .einmal eine Sammlung dieser handgreiflichen Unwahrheiten, >vie sie systematisch verbreitet wurden, zu veranstalten, um die Mittel u. Mittelchen kennen zu lernen, mit welchen man den Zionismus populär zu machen suchte. Daß dies eine Zeit lang leider nur allzu gut gelungen ist, kann nicht geleugnet werden. Ein zuverlässiger Ohrenzeuge berichtet von einem Gespräch zwischen einem jüdischen Kupferschmied und seiner Frau, die ihrem Manne darüber Vorwürfe machte, daß er seine Arbeit vernachlässige, seitdem vom „Kongreß" die Rede sei, und daß sein ganzes Sinnen und Trachten seitdein nur darauf gerichtet sei, festzustellen, welche von den Fürsten Europas beim Kongreß zugegen sein Iverven, um Dr. Herzl als jüdischen König zu wählen. „Einfältige Frau," antwortete erzürnt der Kupferschmied, „wir erhalten ja demnächst unser heiliges Land zurück und das jüdische Königreich wird darin errichtet, warum sollt ich denn unter diesen Umständen nach wie vor meiner schweren Arbeit nachgehen? Ist es für uns nicht besser, auch dorthin auszuwandern, als hier den ganzen Tag so schwer im Schweiße meines Angesichts zu arbeiten? Zum mindesten wird man mich dort als Polizist oder sonst als Beamter anstellen, so daß ich auf ehrbare Weise mein Auskommen haben werde!" Als später zur Gründung der Bank die Massen gewonnen werden sollten, hatte die künstlich gezüchtete Aufregung ihren Höhepunkt erreicht. Man weih, wie kläglich diese Kraftprobe des Zionismus ausgefallen ist. Aber es ist nicht allgemein bekannt, wie der bei weitem größte Theil der Äctien von armen Leuten ge f'lieft wurde, die mit dem Kausgelde faktisch die letzte