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Der Israelit · 1900-02-01 · Heft 10 (1.2.1900) · page 19

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 10 (1.2.1900)
Date
1900-02-01
Page
– (sequence 19)
Language
German
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203 einem Interview, das in einer hiesigen Zeitung veröffentlicht wird und dem unsere Leser sicherlich ein besonderes Interesse entgegenbringen werden. Der Genannte, der bekanntlich Persona Gratissima am hiesigen Hofe ist, erklärte: „Ich hasse Alle, die das Volk im falschen Wahne erziehen, der blöden Menge Unduldsamkeit lehren. In einem in vierfüßigen Jamben und in sechzehn Gesängen geschriebenen Epos „Die Geißlerin," das ich im März dem Druck übergebe, bekämpfe ich die Boltsbethörer und deren Intoleranz. Das Epos spielt zur Zeit des Flagelanten-Wahnsinns im Mittelalter, aber ich wende mich darin gegen die Ausschreitungen und die Ausbeuter des Volkswahns zu allen Zeiten. 1348, zur Zeit der furchtbarsten Pestepidemie in Deutschland, ziehen die Flagellanten in Worms ein. Alsbald verdächtigt man die reichen Juden des Ghetto, die bisher in Folge eines vom Kaiser Heinrich IV. erlassenen Freibriefes die Vorrechte der Patrizier genossen, als Urheber der Seuche. Vergebens verschwendet der berühmte Rabbi Beer ben Tolede seine feurige Beredtsamkeit an das wahnbethörte Volk, die Befehle des gesetzesstrengen Oberbürgermeisters, der die Juden in Schutz nimmt, werden mißachtet . . Auf die Zwischenfrage, ob der Antisemitismus zum Siege gelange, antivortete Major Laufs: „Wie jeder Volkswahn zu allen Zeiten — für kurze Zeit. Denn es lauert das rächende Verhängnis) — ich versinnbildliche es in meiner epischen Dichtung als den personifizierten Tod, der einherschreitet." Auf den ferneren Einwurf des Interviewers, ob die Dichtung in philosemitischer Tendenz gehalten sei, erwiderte der Gefragte: „Ja. Es nahm diese Tendenz immer mehr an, während ich in den alten hebräischen Dokumenten, die ich mir aus Worms kommen ließ, studirte. Aus ihnen lernte ich die Sabbat-Gebräuche der spanischen Juden des Mittelalters, welche ich in meiner Dichtung genau schildere, aus ihnen lernte ich echte Toleranz, lvahre Menschlichkeit und Nächstenliebe . . Wesel. Am 3. Sch'wat fand die Einweihung des neuen Schulgebäudes der hiesigen Gemeinde statt. Seit alter Zeit hatte die Gemeinde für Unterrichtszwecke ein Lokal von der Chewrah in deren Hause gemiethet. Dasselbe hat sich jedoch in den letzten Jahren durch den Aufschwung, den unsere Stadt nach Niederlegung der Festungswerke genommen, als unzureichend und nicht mehr zweckgemäß erwiesen. Man hat daher ein in unmittelbarer Nähe der Synagoge belegenes Grundstück gekauft und hier ein der Neustadt zur Zierde gereichendes, prächtiges, dreistöckiges Gebäude aufgeführt. Dasselbe enthält ein mit allem Komfort ausgestattetes Schullokal für 60 Kinder, einen Gemeindesitzungssaal und in den oberen Stockwerken schöne Wohnungen, die Bel-Etage wird vom Lehrer bewohnt. Der Einweihung dieses neuen Schullokals wohnten außer den Gemeindemitgliedern, der hochverehrte Herr Oberbürgermeister Dr. Fluthgraf, die Directoren des Gymnasiums und der Töchterschule und die beiden Rectoren der christlichen Volksschule bei. Herr Lehrer Spier hatte die Feier auf's würdigste durch Gesang der Schüler und declamatorische Vorträge arrangirt. Ansprachen hielten der verehrte Vorsteher unserer Gemeinde, Herr Carl Benjamin, der die Schule in schönen, sinnigen Worten der Behörde übergab. Herr E. Z a u d y , als Schul-Jnspector, hielt einen Rückblick auf die Geschichte hiesiger Schule. Herr Lehrer Spier beleuchtete in wohldurchdachten, zu Herzen gehenden Worten die Zwecke der Schule und wies auf die im Judenthum sich kundthuende reine Gottes- und Menschenliebe hin und machte durch diese seine Rede einen tiefen Eindruck auf alle Anwesenden. Den Schluß bildeten die inhaltreichen, gediegenen Worte des Herrn Oberbürgermeisters Dr. Fluthgraf, welcher der Gemeinde im Namen der städtischen Verwaltung Glück- und Segenswünsche überbringend, „den hochentwickelten, opferwilligen Gemeinsinn" lobte, mit der die wenig zahlreiche Gemeinde das Schullokal „in einer so schönen und zweckmäßig inneren, wie auch äußeren Ausgestaltung aus freier Entschließung" hergestellt hat. Mit einem Hoch auf unfern heißgeliebten Landesvater, Se. Majestät, unfern Kaiser, das begeistert von den Anwesenden ausgenommen wurde, und der von der ganzen Versammlung gesungenen Nationalhymne endete die eben so schöne wie denkwürdige Feier. Möge die Gemeinde aus dieser Schule dem Judenthume und seinen heiligen Institutionen treuergebene Generationen hervorgehen sehen, Herr Lehrer Spier aber, der in echt jüdischem Geist segensreich wirkt und seinen Schülern Gesetzestreue und Ehrfurcht für die altehrwürdigen Satzungen und Gebräuche unserer heil. Religion an's Herz legt, noch lange an diesem Institut' zu seinem und der Gemeinde Heile wirken! Das ist unser Wunsch, und darin stimmen wohl alle Eltern ein, deren Kinder diese Schule besuchen und von hier aus goldene Saat für's Leben mitnehmen. Simon Frankfurter, Wesel. Znowrazlaw. (Prov. Pos.) Aus unserer Gemeinde kommt in Bezug auf die Verwaltung und Einrichtungen derselben sehr wenig in die Oeffentlichkeit, und dies hat seinen Grund darin, weil sich bisher die Feder gesträubt hat, die Wahrheit zu berichten; jedoch geht der Einsender dieser Zeilen von der Voraussetzung aus, daß durch die öffentliche Aufdeckung mancherlei Schäden eine Besserung seitens der maßgebenden Körperschaft erreicht werden kann. Fangen wir bei der wichtigsten Institution jeder Gemeinde, der Beschaffung von Koscherfleisch an. Hier gibt es zehn jüdische Fleischer, welche alle ohne Ausnahme Schabbos verkaufen, ja, sie haben sogar auf die Vorhaltungen des Gemeinde-Rabbiners diesem erklärt, ihre Existenz sei bei Einstellung des Schabbos-Verkaufes arg gefährdet, obwohl hier kein Wochenmarkt am Schabbos ist. In den Verkaufsläden Einiger liegt das koschere und das trefene Fleisch in kleingehackten Stücken neben einander, die Consequenz daraus ist sehr leicht zu ziehen. Vor einigen Monaten ist seitens des Herrn Gemeinderabbiners ein Versuch zur Abstellung dieser

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