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Der Israelit · 1900-01-25 · Heft 8 (25.1.1900) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 8 (25.1.1900)
Date
1900-01-25
Page
– (sequence 10)
Language
German
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- . l-^>»u-1, WWWMMWWWWWWMWWW 14s; Wie die Stimmung, auf der eine religiöse Gemüthswelt sich aufbaut, ein unbezwinglicher Drang nach dem Guten und Edlen ist, so fördert andererseits die einmal gewonnene religiöse Weltanschauung das sittliche Empfinden, steigert es zu klarem Bewußtsein, vertieft und verklärt es zur heiligsten Ueberzeugung, weiß es in den Willen hineinzupflanzen und dadurch zu lebendigen Thaten ausreifen zu lassen. Das Bewußtsein, daß neben der Stimme im Innern, dem Gewissen, auch über uns ein wachsamer Richter thront, dessen Auge prüfend auf uns herniederschaut, daß ein Gott lebt, der uns liebt und der uns zur liebenden Vollführung seines Willens geschaffen hat, ein Gott, der heilig und liebevoll ist und uns zu heiligem Wandel beruft, ein Gott, dessen Wirken und Walten das ewigleuchtende Vorbild bleibt, nach dem wir unser Leben zu gestalten haben, Mah hu rachum wechanun af atem, das alles macht die Religion zu einem unentbehrlichen Hebel der Sittlichkeit. Die ethische Erkenntniß lebt im Verstände und von da ist ein weiter Weg zum Willen. Das Gottesbewußtsein lebt im Gemüthe, ergreift mit elementarer Gewalt die Willenssphäre, und ihre Frucht ist die sittliche That. Auch diese Seite unserer Auffassung läßt sich leicht ans dem Weisheitsschatze des Talmuds beleuchten. Der aphoristische Satz naion brrx pnn:c „der Ort der Rechtspflege befand sich in der Nähe des heil. Altars," will eben auf diesen Zusammenhang zwischen Sittlichkeit und Religion aufmerksam machen und die erhöhte Sittlichkeit, das geläuterte Rechtsgefühl, ein Leben, das die sittlichen Ideale bethätigt, als einen Erfolg des Gottesaltars, als einen Sieg der Religion begreifen lehren. Die Worte, die einst der heidnische Seher beim Anblicke Israels ausgerufen, möchten wir in diesem Sinne verstehen: "i bxi«"a bnv nxn xbi apra px v'an xb :a "{^o nmm ioy vpbx. „Man schaut nicht Unrecht an Jakob und sieht nicht Frevel an Israel — es ist sittlich gesund und kräftig — denn der Ewige, sein Gott ist bei ihm und die Begeisterung für seinen Himmelskönig in ihm." Durch die Thora schreitet Israel zur Tugend. Ohne Gott keine Güte. Die Praxis des Lebens bestätigte damals wie heute diese Auffassungsweise. Welches Bild bot den talmudischen Geistesheroen die griechisch-römische Culturwelt. Kamen sie nach der Zentrale antiker Macht und Gesittung, da drängte sich ihnen auf Schritt und Tritt die Wahrheit auf, daß ohne Gottesglauben auch die Bethätigung sittlich-sozialer Pflichten verkümmert. In Rom sahen sie den größten Luxus neben dem entsetzlichen Elend, die strahlende Opulenz, umgeben von Menschen, dort Marmorstatuen, die fürsorglich in Wollgewänder gehüllt wurden, damit sie durch die Witterung nicht litten. Das war die soziale Physiognomie des Reiches, dessen Rechtsbewußtsein zu so mancher genialen Schöpfung auf dem Gebiete der Gesetzgebung führte; es fehlte die Liebe, weil der Gott der Liebe ihnen nicht aufgegangen war. In Israel offenbarte sich dieser Gott. Um sein Volk zur reinsten Sittlichkeit zu erziehen, gab er ihm die Religion min ^nr ip-tt;ycb pan 'n „der Ewige wollte seiner Gerechtigkeit Anhänger schaffen, darum gab er Israel sein großes, herrliches Thorawort" und „schuf so npnsi Eesro Recht und Sittlichkeit in Jakobs Mitte." Das Ziel unseres Glaubens ist die reichste Entfaltung der sittlichen Ideale und Heilsgüter. Das sprach schon Rab, der Vorsteher der Hochschule zu Sura, im dritten Jahrhundert, aus, ein Mann von so gewaltiger, sittlicher Kraft, daß er in einer verwahrlosten Gemeinde dem gottgefälligen Leben eine Heimstätte gründen konnte, so daß von seiner Thätigkeit rühmend gesagt wurde: m; na mai xso nypa m „Rab fand einen öden Thalgrund, den er zur lieblichsten Flur umwandelte und umhegte." Dieser Amoräer sieht die Aufgabe der religiösen Satzungen darin, uns zu moralisch-gefestigten Menschen zu erziehen: 'na xbx nma um: sb bxiv" cna rpxS „Gottes Gebote ergingen nur deßwegen an die Gemeinde, um sie zur sittlichen Läuterung durch Uebung der Satzungen zu führen." Wie einst Bar Kappara die ethische Lehre der Gesetzesleherer „Seit bedächtig im Urtheil" an die biblische Altarsatzung anknüpfte: „steige nicht auf Stufen zu meinem Altar," so waltet zwischen der Sittlichkeit und dem Kult ein geheimer tiefer Zusammenhang, wo zwar das eine das Ziel ist — die Sittlichkeit — die aber in ihrer ganzen Vollendung nur mit Hülfe des anderen — der Religion — erreicht wird. Diese Auffassung läßt sich aus dem Wortlaut der Thora, aus dem Abschnitt Mischpatim selbst begründen. Dort wird eine Gruppe von Speisegeietzen mit dem Satze eingeleitet: „Heilige Männer sollt ihr mir sein," ganz wie auf die Worte: „Heilig sollt ihr sein," a. a. Stelle auch Sabbat- und Opfervorschriften folgen. Die Bethätigung der göttlichen n'xa hat eine große Tendenz: die „Keduschoh," die Sittigung u. Weihe des Lebens! Die Thora ist der sichere Wegweiser zu diesem glänzenden Ziel. Daher beten wir :: w n p 'pnMalatz uns auf dem Wege Deiner Gebote die Heiligkeit erreichen. Der wahre Fromme ist uns erst der, der durch die Unterweisung der nixe zu einem p'nx, zu einem gerechten, sittlichen Menschen geworden ist. Dieser Gedanke tritt uns im rabbinischen Schriftthum häufig genug entgegen. Immer wird mit Hillel die Endaufgabe der Religion in der Erfüllung des Wortes angesehen: nsm'a "p'xi nbia min n nayn xb -pan^ 'je “j^yn no „Was dir verhaßt ist, thue deinem Nächsten nicht, das ist die ganze Thora, das Uebrige ist ihre Deutung und Erläuterung." Die Religion Israels will also ihre Bekenner zur Bewährung der sittlichen Ideale erziehen. Darum wird der fromme Jude alle die Einrichtungen auf Erden fördern müssen, welche die sittlichen Güter der Menschheit schützen und die Pflege von Recht und Gesittung unter den Menschen anstreben. Darum wird er zu den treuen Stützen des Staates und der Obrigkeit gehören und in Liebe und Ergebenheit seine besten Kräfte dem I Vaterlande weihen, das allen seinen Kindern Schutz und

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