Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 8 (25.1.1900)
- Date
- 1900-01-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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139 ist, der die Menschheit noch von ihrem Ziele trennt, desto rascher muffen dem Menschengeiste die Schwingen wachsen, deßhalb öfsnen sich in der Höhe die Pforten der Weisheit, um sie den ihrer Bestimmung entgegenringenden Menschen zugänglich zu machen und in der Menschenwelt regt und drängt alles nach Wissen, Vervolllonunnung und Vollendung, wie sich Jemand am Rüsttage des Sabbat zum Sabbat rüstet. Das grobe Auge sieht nur das Hasten, Rennen, Drängen u. Jagen, aber dem von dieser Anschauung Durchdrungenen winkt mitten in dieser Bewegung und Entfesselung aller Kräfte und Geister der Friedensbote des großen Sabbat, die Zeit, welcher ewiger Sabbat beschieden ist. Wir wollen daher, wenn wir auch in diesem Stoßen und Drängen, diesem Hasten und Rennen selber gestoßen und oft recht unsanft berührt werden, nicht über den Rückschritt der Zeit klagen. Wenn unsere Zeit und das, was sie uns nimmt und bringt, wirklich in Gottes Hand liegt, so gibt es keinen Rückschritt und noch weniger einen Rückfall. Dann bringt uns jedes Jahrhundert vorwärts. Und wenn unsere großen Altmeister schon vor Jahrhunderten auf unsere Zeit geschaut und aus ihren: neuen Erwachen aller Kentniß und Wissenschaft den Muth und die Hoffnung für die Ueberwindung ihrer eigenen trüben Tage geschöpft haben, so würde es uns schlecht anstehen, Klagen über eine solche Zeit zu erheben. Danken, aus tiefster Seele, aus vollem Herzen wollen wir es Gott danken, daß er uns eine Zeit erreichen ließ, deren lichtige Größe stark genug ist, selbst die Schatten zu verscheuchen, die ihr anhaften. Wir wollen über dem reichen, unserem Jahrhundert entfluthenden Lichtstrom gerne seine Schatten vergessen, aber nicht von seinen Schatten uns den Blick für die Lichtquellen triiben lassen, die sich auf allen Gebieten ergießen. Der Schatten gehört zum Lichte, durch ihn erfährt es erst seine volle Würdigung. Die Wehen sind die Garanten und Vorboten der Neugeburt, sie werden ganz gewiß nicht ausbleiben, aber sie sind der Preis, um d<m die Freude mit der neugeborenen Zeit erkauft werden muß. Begreifen wir daher unsere Zeit und uns selber in solcher Zeit nach dem unvergleichlichen Maßstabe und Werthmesser, den uns unsere großen Lehrer gereicht. Nicht zagend, sondern hoffend und mit zuversichtlichem Vertrauen wollen wir den Fuß in die neue Zeit setzen. Dieses Vertrauen in die Zeit erschließt uns den Reichthuin ihrer vielseitigen Hilfsquellen an Wissenschaft u. Kcnntniß, wenn uns die Furcht vor Gott der reichste Schatz bleibt, dem alles Wissen entströmt und zu dem jede Wissenschaft wieder hinführt, wie dies uns die prophetische Verheißung (Jesaia C. 33, V. 6) zusichert: jort "n jitrp ni?T ricsn «w fen -p-y nrox m . rors ZeitrmgSirachrlchten rmv Eorresportdenze« Deutschland. Berlin, 23. Jan. Der antisemitische Druckschriftenhändler Neumann stand wieder einmal wegen Verübung groben Unfugs vor der achten Strafkammer an: Landgericht l. Er pries eines Tages an der Ecke der Jäger- und Friedrichstraße seine Druckschriften in lauter Weise und unter Anwendung von Kraftausdrücken, wie „Judenpack" und dergl. an. Zwei Männer jüdischen Glaubens nahmen daran Aergerniß und veranlaßten die Strafanzeige. Das Schöffengericht erkannte s. Z. auf Freisprechung, der Staatsanwalt legte jedoch Berufung ein. Die Verhandlung vor der Berufungskammer endete mit der Verurteilung des Angeklagten zu einer Woche Haft. Der Staatsanwalt hatte vier Wochen Haft beantragt. Rheydt. (Uebernahme der israelit. P r i v a t s ch u l e.) Die israelitische Schule wird zur Zeit als Privatschule geführt und zählt gegenwärtig etwa 40 Kinder. Bisher hat die Stadt zu den Kosten des Lehrergehaltes eine Summe von 1500 Mk. gezahlt, während die israelitische Gemeinde ihrerseits den Rest von Mk. 600 zuschoß. Durch die stattgehabten Verhandlungen ist nun eine Einigung in dem Sinne entstanden, daß die Stadt die israelitische Schule als öffentliche Volksschule übernehmen soll; der Schule soll aber der konfessionelle Eharacter belassen bleiben. Die Anstellung des Lehrers erfolgt unter denselben Grundsätzen wie für Volkschullehrer und zwar hier in der Eigenschaft als Klassenlehrer. Die Stadt stellt den Lehrer an; die israelitische Gemeinde wird zu dem Gehalt desselben beitragen, wie früher 600 Mk. Hieras ist nun weiter die Bedingung geknüpft, daß die israelitische Gemeinde das jetzige Schulgebäude, welches in die Fluchtlinie der Peltzerstraße hineinragt, niederlegt und an der anderen Straßenseite ein neues Gebäude auf ihre Kosten errichtet. Aus Württemberg. Zu den betrübendsten Erfahrungen im jüdischen Gemeindeleben Württembergs gehört, daß die Landgemeinden immer mehr abnehmen, daß schon viele, wie Bieringen, Jgersheim, Dörzbach, Aüringen, Kappel, Mühlen, Mulfingen, Hollenbach, Unterschwandorf, Steinbach, Gerabronn u. a., alle jüdische Bewohner durch Tod und Wegzug verloren haben, oder doch der Auflösung nahe sind. In den letzten Wochen hat sich diesen auch die Gemeinde Jebenhausen angereiht, die einst eine der blühendsten Gemeinden Württembergs und ein Rabbinatssitz war. Bis auf drei bis fünf Familien sind alle größtentheils nach- Göppingen übergesiedelt, dessen jüdische Gemeinde nun die Muttergemeinde erbt. Vor einigen Wochen war der Abschied aus der dortigen Synagoge, wobei Rabbiner Straßburger von Göppingen in einer erhebenden Ab-