Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1900-01-22 · Heft 7 (22.1.1900) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 7 (22.1.1900)
Date
1900-01-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449049-2449057--49929-2500382
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

127 $ euiUetott. Ex odio fidae. HtpkoVLfche GrzAhlrrng 7) Bon Mathias Kisch, Prag. „Boruch dajan ha Emeth!" (Gelobt sei, der nach Recht richtet) lispelte andächtig, mit zum Himmel erhobenen Händen, Reb Loser. „Amen!" antworteten alle Anwesenden, „der Herr hai'S gegeben, der Herr hat's genommen, sein Name sei gepriesen!" sagte darauf salbungsvoll Kurzhandl. Während Lea und Sarah still weinten, erzählte der Vater dem weisen Arzte Reb Schlome, was mit dem Jungen vorgegangen und daß ihn Josel mit Gewalt hierhergebracht. Der Arzt, der zugleich auch Rabbi war, schüttelte sein graues Haupt. „Die Sache sieht bedenklich aus," sprach er dann leise, „wo ist denn Josel?" Josel war nicht zu sehen. Gleich, als es festgestellt war, daß der Bursche durch den Fall auf die Tischtante den Tod gefunden, eilte er davon. „Da ist nichts Anderes zu thun, als zu trachten, daß der Junge so geschwind als möglich begraben wird und daß die ganze Geschichte geheim bleibt," rieth der Ar;r. indem er zum Bette der noch immer weinenden Lea schritt, um sich mit ihr zu beschäftigen. Jndeß lief Kurzhandl um den Kabronimschames. Dieser kam gleich mit, zog der Leiche die Kleider aus und hüllte sie in ein Leintuch. Gleich darauf wurde dieselbe vom Todtengräber abgeholt, nach dem Leichenhaus gebracht, von wo aus am nächsten Morgen der Knabe bestattet wurde. Lob Abeles ließ sich, zum Zeichen der Trauer, die Kleider einreißen, setzte sich dann auf die Erde, um sieben Tage der Trauer abzuhalten. So warb dem äußeren Trauerritus genügt. Im Innern war wohl der Schmerz um den Verlust des Sohnes groß, sie fanden aber darin den Trost, daß die Schande durch den Jungen viel ärger gewesen wäre. Josel eilte aus dem Hause des Reb Loser Abeles direct in die Schwefelgasie zum Rathe Danielis Vonekanlp. Dort scheint er erwartet worden zu sein. Denn ohne angemeldet zu werden, ging er direct nach dem Zimmer des Patriziers; fand diesen im Lehnstuhle, vor sich einen Krug voll Wein, und im vertraulichsten Gespräche mit Pater Guilielmi. Als Josel eintrat, wandte sich der Pater zuerst an ihn. „Nun, Jude, bringst Du gute Nachricht?" Als dieser lächelnd dies zu bestätigen schien, setzte er fort: „So krächze. Unglücksrabe, Deine Botschaft." „Hundert Jahre soll der Herr Geistliche leben, was er für ein Prophet ist," begann Josel. „wie er gesagt hat, ist es eingetroffen, ja noch viel besser!" „Was besser? sprich rasch, ohne Räthsel, verdammter Jude," schrie ihn der Rath an, „hat ihn der Jude geschlagen, blutig geschlagen, hast Du es gesehen?" „Wie heißt geschlagen? Ob er ihm geschlagen hat, er Hai ihm so lange geschlagen, bis der Junge maustodt geblieben ist —" „Was, tobt sagst Du?" riefen Beide zugleich aufspringend. Der Pater trat näher, faßte Josel bei dem Brustgcrvand und schrie, ihn heftig schüttelnd: „Lügst Du, Vieh, so reiße ich Dir die Zunge aus km Halse!" Josel sank vor Angst in die Knie und betheuerte: „Soll mich gleich der Schlag treffen, wenn nicht Schimele ganz todt ist." Der Pater, und Bonekamp sahen einander stillschlveigend, mit vom Weingenuß gerötheten Augen einige secundenlang an. Der Pater unterbrach zuerst sein Schweigen und sagte: „Unsere Arbeit ist nun zur Hälfte erleichtert, der Himmel fördert unser Werk." Bonekamp nickte beifällig mit dem Kopfe, warf dann einen bedeutsamen Blick nach Josel, der noch auf dein Fußboden kniete. „Auf Jude, da hast Du den Lohn für Deine Nachricht." Er warf ihm einen mit Geld gefüllten Lederbeutel zu, und setzte fort: „Passe beim Hause des Juden Abeles genau auf, was sich dort weiter ereignet; morgen in der Früh bringe mir dann genauen Bericht, gehe!" Mit einer stummen Verbeugung entfernte sich Josel. „Ihr, Herr Pfarrer in spe, bleibt doch heute Nacht bei mir zu Gast? Wir wollen noch einige Becher Weines auf das Gelingen unseres Planes leeren und da würde Euch das Nachhausegehen doch etwas schwer ankommen, nicht wahr?" setzte er laut lachend hinzu. Der Pater lackte mit und Beide begaben sich in bester Stimmung auf ihre Plätze zurück. Der teuflische Plan, den Bonekamp u. sein Freund Pater Duersky ausgearbeitet hatten, traf bis jetzt mit matemathischer Genauigkeit ein. Es war auch ein diplomatisches Stück Arbeit; und dem Herrn kann das Zeugniß nicht versagt werden, daß er ein Menschenkenner war. Wohl wäre es ihm leicht gewesen, Sarah Abeles der Hexerei oder der Verführung anzuklagen, und eine Verurtheilung des Judenmädchens zu erzwingen, wäre dem Rathe nicht schwer gewesen, aber dann wäre der Sohn des Rathes, ja er selbst compromitirt worden und das mußte vermieden werden. Ein Anderes war es, die Familie Abeles in den tiefsten Abgrund zu stürzen. Das Mädchen wäre einfach cum dem Wege geräumt und Ottokar müßte sich schämen, je mit diesem Auswurf verkehrt zu haben. Das geeignetste Mittel, wo der Hebel zur Erreichung des Zweckes angesetzt werden konnte, war Schimele,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.