Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 6 (18.1.1900)
- Date
- 1900-01-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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102 einen ungestörten Verlaus. Die obige Protestkundgebung wird an verschiedenen Stellen Prags und des Landes, die demnächst weroen bekannt gegeben werden, zur Unterschrift aufliegen, um sodann dem Landtage vorgelegt zu werden. Frankreich. Paris. Eine „Bibliothek der jüdischen Arbeiter aus Rußland" ist kürzlich hier begründet worden. Die Bibliothek, die gleichzeitig ein Lesezimmer besitzt, findet bei den etwa 5000 russisch-jüdischen Arbeitern, die in hiestger Stadt leben, das regste Interesse. Sie ist ausschließlich auf die dürftigsten Beiträge ihrer Mitglieder angewiesen. Die Benutzung ist vollständig gebührenfrei und Jedermann gestattet. Däne m a r k. Kopenhagen, 11. Jan. (I n st a l l i r u n g des ersten Rabbiners i n S ü d s ch w e d e n.) Am vergangenen Sonntag fand eine sehr schöne und erhebende Feier in Malmö statt, indem dort zum erstenmal die immer mehr und mehr wachsende Gemeinde die Jnstallirung eines Rabbiners begrüßen konnte, und denselben, Herrn Dr. W o h l st e i n , mit wahrer Begeisterung und inniger Freude empfing. Nachdem am Sonntag Mittag von hier aus Herr Rabbiner Dr. Goitein, der Cantor Herr Großmann, sowie andere Herren nach Malmö überschifft waren, ging der Weg gleich zur Synagoge, woselbst die Feiergleich zur Minchazeit anfing. Herr G r o ß m a n n eröffnete dieselbe mit den Reeitationen von Mah tobuh, dem das Minchagebet sich gleich anschloß, und lauschte die dichtversammelte Zuhörerschaft mit gespannter Aufmerksamkeit seiner herrlichen Stimme. Hierauf betrat der dortige Vorsteher die Kanzel, um dem Herrn Dr. Wohlstein in seinem neuen Berufskreise einen herzlichen Willkomm-Gruß zu entbieten, und den Segen Gottes herabzuflehen über ihn und seine Thätigkeit, die ihm und seiner netten Gemeinde zum Wohle gereichen möge. Er gab ihm die Versicherung, daß Liebe u. Wohlwollen ihm überall begegnen werden, und übertrug ihm somit osslciell sein Amt. Hierauf ergriff Herr Dr. Wohlstein das Wort, um seine neue Gemeinde in beredter, schwungvoller Form zu begrüßen und zugleich seine Antrittsrede zu halten, der er den Ausspruch Moschehs: „der Ewige, der Gott Eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Jizchals und der Gott Jakobs hat mich gesendet zu Euch" zu Grunde legte. Wie ein Blitz die Wolken und die Finsierniß durch bricbt, so durchleuchteten jene Worte die Nacht des Elends und erhellten den Trübsinn der schwerbelasteten Gemiither des bedrückten Israels. Ein Fremder unter Fremden also stand er unter ihnen, doch die kalte, unfreundliche Stimmung unter ihnen, sie schmolz wie Thau vor der Sonne; sie fühlten und erkannten sich als Brüder, vereint durch das gemeinsame Band der Religion und Abstammung. Und dieselben Worte richte ich heute in dieser lvicktigen Stunde an meine Gemeinde. Der Ewige, Gon Abrahams, Jsaaes und Jakobs, hat mich zu Euch gesandi, fremd sind mir die Sprache, die Sitten und Gebrauche dieses Landes, doch ich kenne das gerneinsame Band, das uns vereint, das der Religion und Abstammung und meine Hoffnung ist's, allen Forderungen, die an mich gerichtet werden, entsprechen zu können; besonders soll es dem Rabbiner angelegen sein, auf die Jugend irr echt jüdischem Sinne zu rvirken, denn diese Mittel seien die einzigen, die zuirr Ziele - zur wahren Gottesfurcht führen: religiöser Unterricht in der Jugend und treues Festhalten, aufrichtige Frömmigkeit im Mannesalter. Die Schule sei der erste Quell, aus dem die Jugend die erste Kraft schöpft, und an dem sie lernt, die Gottesfahne hoch und unbefleckt zu halten; und für Aeliere wie auch für Jüngere sei das Gotteshaus eben eine Schule, ein Versammlungsort der Gemeinde. Das Gotteshaus muß eine Schule des Lebens bleiben. Mir unseren Jungen und unseren Alten laßt uns gehen." Vor der offenen heiligen Lade wurde alsdann von Herrn Dr. Wohlstein das Gebet für .König Oskar und das ganze königliche Haus oorgetragen. Dann sang Herr Eantor Großmann David's Psalm 111, wonach Herr Rabbiner Dr. Goitein unter lautloser Stille, während Aller Blicke sich aus ihn richteten, eine Predigt hielt, deren Gedankengang ich nur ganz kurz anzudeu ten vermag. Er erinnerte zunächst die Versammlung daran, daß sie nunmehr endlich das Ziel erreicht hätte, einen Rabbiner zu erhalten, ein erfreuliches Zeugniß für die Entwickelung des Judenthums hier im Norden, und für den Wunsch, ein organisirtes Gemeindeleben nach den Vorschriften zu führen. Sodann begrüßte er diesen neuen Hirten Israels, der sich entschlossen hatte, gleich Abraham, in ein ihm unbekanntes Land zu gehen, dem Segen Gottes vertrauend. Wie solle sich nun die Gemeinde verhalten, damit seine Thätigkeit eben zum Segen werde? Darauf wolle Redner mu len Worten des Propheten antworten: izmtnx: nexnrx ,liebet die Wahrheit, liebet den Frieden. Der Friede bedeute den Namen, die Wahrheit die göttliche Lehre; wo die Wahrheit, dort ist auch der Friede zu finden, und dort besteht er. Dieses müßte ein Prediger Israels stets vor Augen haben; ein wahrheitstreuer Redner, er solle nicht mit schönen Worten blenden oder schwülstigen Phrasen, er soll in unser Gemüth Hineinpflanzen, was sich zur schönen Thai entwickeln soll. Der Priester, der in der Hoffnung, Popularität zu gewinnen, sich scheut, seine tiefe Ueberzeuaung, die Wahrheit zu sagen, der hat seinen Beruf verfehlt. Er sei fest überzeugt, daß sein lieber Amtsbruder kraft seiner Bildung im Stande sein werde, die Gvtteslehre in der Schule zu verbreiten, und kraft seines Cbaracters entschlossen sei, für den Frieden zu inrfeit. Dazu möge Gott ihm Beistand verleihen. Darauf wendete Herr Dr. Goitein sich an die Gemeinde und erklärte, wie diese sich dem Rabbiner gegenüber zu ver halten habe, daß immer Friede und Wahrheit von ihnen