Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 6 (18.1.1900)
- Date
- 1900-01-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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103 ausgehen möge, u. sie auch unter einander friedlich in heiligem Glauben arbeiten mögen, und schloß dieses scböne und durchaus feierliche Fest mit einem Gebete für Land und Volt. Herr Großmann endlich trug Maariv vor, wonach ein schönes Festmahl zu Ehren der beiden Rabbiner stattfand, bei dem es recht freudig zu- 6'"6- . AerrtHetorr. Ex odio fidae. Historische Erzählung «>) Von Mathias Kisch, Prag. „Wirklich acht Uhr?" fragte erschreckt Reb Loser, „des ist mir schon lange nicht geschehen, daß ich Maarew versäumt hätte, aber von einer trefenen Sache kommt nie eine koschere, bleibt also zum Rachteffen hier," sagte er zu Löb. „Seid mir elespomim mochel, Balboisleben ') ich kann nicht dableiben, ich muß zum Schir (talmudische Lection), morgen Abend, so Gott will, komme ich wieder hierher. Gute Nacht Alle," grüßte Löb Kurzhandl die Anwesenden und entfernte sich. „Ein braver, ein tüchtiger Bachur," sagte Reb Loser, ihm nachblickend, „vielleicht schickt Gott in dem die Refue für meine Maece"?) bei den letzten Worten blickte er bedeutungsvoll auf Sarah, diese bemerkte es und senkte den.stopf, damit ihr thränenvoller Blick nicht bemerkt werde. Sie wußte es ia schon lange, daß der Vater sich mit der Absicht trage, Kurzhandl zum Schwiegersohn zu machen. Er war ja auch eine der glänzendsten Partien, den jeder reiche Mann, der seiner Tochter die schönste Redan (Mitgift) mitgibt, gerne einsetzen würde. Er war einer der scharfsinnigsten und fleißigsten Bachurim des Rabbi Benjamin Wolf Spira, der nach seinem Vater Rabbi Aaron Simon Spira, der 1079 zu seinen Vätern gegangen, die berühmte Jeschiba nalmudische Hochschule) übernahm. Der weise Rabbi wußte den fleißigen Jüngling nicht genug zu loben und prognoscirte ihm eine große Zukunft. Und jedes Mädchen würde ihm mit Vergnügen unter die Cbuvpe (Trauhimmel) folgen, er war ja trotz des von nächtelangcm Studiren bleichen Gesichtes, ein schöner Mann, trotz aller Entbehrungen, die auf dem Dornenwege eines Thorabefliffenen durchzumachen waren, und trotz der Jugend, er war 20 Jahre alt, ein stämmiger und kräftiger Mann. Das Alles sah und wußte Sarah: sie wußte auch, daß er sie liebte, er hat es ihr wohl nie gesagt, er hat ja fast noch kein Wort mit ihr zu sprechen gewagt; sie fühlte es aber an seinen Blicken, mit der er sie, wenn er I) Entschuldigt,.l.'i>»«.Omal, ^Hausherr. 2j Heilung für meine Wunde. sich unbemerkt glaubte, minutenlange betrachtete. Aber was konnte sie, die Unglückliche, thun, fühlte sie sich denn nicht gewaltig, wie von eisernen Banden, zu ihm, zu dem Christen hingezogen, dem sie folgen mußte, wenn auch der Verstand ihr zu bleiben gebot. Und im steten Schwanken zwischen Liebe und Pflicht litt sie unsäglich. Vierzehn Tage hatte sie Ottokar Bonekamp nicht mehr gesehen. Täglich ließ er sie durch die Schlossersgattin Barbara Wanek, die Schabbesgoje 3) im Hause und in das Liebesverhältniß der Beiden eingeweiht war, wie diese erzählte, mit „Thränen in den Augen bitten," Abends zur besiimmten Stelle, wenn auch nur auf einen Augenblick, zu kommen. Konnte sie es aber thun? Konnte sie die kranke Mutter in dieser schweren Zeit allein lassen? Während die Eltern so litten, konnte sie ein Stelldichein einhalten? Das durfte sie nicht, und wenn ihr armes Herz vor Schmerz und Sehnsucht brechen sollte. Wenn die Leidenszeit vorüber, der Bruder wieder im Hause sein würde, ja dann — dann. Was sie dann thun würde, wußte das arme Mädchen erst recht nicht: sie bat in stiller Nacht mit weinenden Augen Gatt, er möge sie von diesem Schmerze erlösen, sie zu sich nehmen, damit sie ihren guten Eltern nicht Schande bereite. Das Alles durchzog den Geist dieses unglücklichen Mädchens, als sie den wehmüthigen Blick Löb Kurzhandls auffing, während er das Zimmer verließ, und fast hätte sie den Befehl des Vaters überhört, als er sie auisorderte, nachdem er das Gebet beendet hatte, das N a ch t m a h! aufzu tragen. Sie fuhr mit der kleinen Hand über die Stirn, als wollte sie mit Gewalt die bösen Gedanken verjagen und versah ihre tägliche Beschäftigung mit dem gewohnten Eifer, dann begab sie sich zur Ruhe -- zur scheinbaren Ruhe, um wieder zu weinen und zu Gott zu beten, bis dieser in seiner unendlichen Gnade ihr den wohlthätigen Schlaf sandte, daß er für kurze Zeit das unglückliche Mädchen von ihrem Schmerz befreie und ihm schöne Träume vorgaukle. Es wurde Morgen und auch der ersehnte Abend kam. Die gesammte Familie Abeles, sowie auch der Bachur Löb Kurzhandl, warteten sorgenschwer dem Augenblick ei tgegen, in welchem Josel sein Versprechen einhalten und Schimele bringen werde. Stunde um Stunde verging, welche für die Harrenden, die vor Aufregung schier zu vergehen glaubten, eben so viele Jahre schienen. Lea hatte ihre Schmerzen vergessen, Reb Loser las sche'.nbar fleißig in seinem Vademecum. dem Schelo, während er jeden Augenblick aufborchtc, ob kein Ge räusch ihr Kommen verkünde. Kurzhandl saß wieder in, Halbdunkel, um unbemerkt Sarab betrachten zu können, die selbst mit einer Näharbeit beschäftigt war: auch der alte Lipme stand beim Fenster und blickte lautlcE in die dunkle Winternacht. Schon dachte Abeles, ohne es auszusprechen, daß sein Schwiegervater doch recht behalten werde. und er 3) Dienstmagd